Skip to main content

Freude über Zulassung

Karlsruher Apotheker kritisieren geplanten Verkauf von Corona-Heimtests in Supermärkten

Auch die Apotheken in der Region sind am Vertrieb der Corona-Selbsttests interessiert. Allerdings rechnen Fachleute mit einem hohen Beratungsbedarf. Dass die Tests bald auch in Drogerien und Supermärkten angeboten werden dürfen, sehen Apotheker deshalb kritisch.

Ratgeber in der Pandemie: Viele Apotheken testen bereits heute Kunden auf Sars-CoV-2, bald wollen sie auch schnelle Selbsttests anbieten, die jedermann zu Hause nutzen kann. Foto: Bernd Thissen picture alliance/dpa

„Testen und Impfen ist der Ausweg aus dieser Krise. Maske und Käfighaltung ist dagegen das Mittelalter.“ Gemäß diesem Motto beantwortet Peter Theilacker in seiner Stadt-Apotheke an der Karlstraße in Karlsruhe täglich im Schnitt etwa ein Dutzend mal die bange Frage seiner Kunden, ob sie womöglich mit Sars-CoV-2 infiziert sind oder nicht.

Testen und Impfen ist der Ausweg aus dieser Krise.
Peter Theilacker, Apotheker in Karlsruhe

Der Karlsruher Apotheker bietet für 39 Euro den Corona-Schnelltest an, der nach seiner Darstellung in 15 Minuten ein Ergebnis mit 99-prozentiger Zuverlässigkeit liefert. Dass die Verbraucher sich demnächst auch selbst zu Hause testen können, findet er erfreulich.

Der 60-Jährige mahnt aber an, die Erwartungen an solche Tests realistisch zu halten. „Sie haben eine Empfindlichkeit von 70 bis 80 Prozent. Und die Ergebnisse hängen von der Qualität des Abstrichs bei der Probeentnahme ab.“

Corona-Spucktests sind einfach zu handhaben

Der ungeübte Heimanwender könne nicht mit dem Stäbchen in der Nase „bis nach hinten durchstoßen“, so Theilacker. „Das habe ich auch probiert, es ist nicht so toll.“ Die einfachere Handhabung eines Spucktests in Eigenregie ist deswegen in seinen Augen ein gutes Argument, um bald auch auf dieses Instrument im Kampf gegen die Infektionswelle zu setzen.

Es ist besser, fehlerhaft zu testen, als gar nicht zu testen.
Peter Theilacker, Apotheker aus Karlsruhe

Der Karlsruher Apotheker schätzt, dass die Kunden den Eigentest in jedem dritten Fall falsch machen würden. „Dann wären aber immer noch knapp 70 Prozent der Anwendungen richtig“, sagt Theilacker. „Und gäbe es darunter auch nur einen, der sich positiv testet und damit verantwortungsvoll umgeht, würde das allen nützen.

Es ist besser, fehlerhaft zu testen, als gar nicht zu testen und in den Masken herumzulaufen.“ Bei einer hohen Virenlast würde außerdem auch ein mangelhaftes Testmuster ausreichen, um den Test positiv auszuwerten, beruhigt der Fachmann.

Schnelle Heimtests könnten etwa 10 bis 15 Euro kosten

Theilacker will deswegen ab März die Selbsttests für Laien in sein Sortiment aufnehmen. Er schätzt, das sie um die zehn bis 15 Euro kosten werden. Dass das neue Angebot, wirtschaftlich gesehen, ein zweites Standbein für seine Apotheke werden könnte, glaubt der Inhaber nicht.

„Wenn wir aus dieser Krise dank der Impfungen herauskommen, wird zum Jahresende hin kein Mensch solche Tests haben wollen“, meint Theilacker. Er verweist zudem auf den hohen Beratungsaufwand: „Man wird viel dazu erklären und sich viele Testkassetten anschauen müssen: Ist es positiv oder negativ? Denn die Ansicht verändert sich, wenn Sie den Test erst nach fünf Stunden ablesen.“

Ich sehe die Gefahr, dass sich die Menschen in falscher Sicherheit wiegen.
Ariane Maaß, Apothekerin aus Bretten

Auch die anderen von den BNN befragten Apotheker in der Region begrüßen die Einführung der Massen-Selbsttests, unterstreichen jedoch dabei die Wichtigkeit einer gründlichen Beratung. „Solche Heimtests sind gut. Ich wüsste sonst nicht, wo die benötigten Testkapazitäten herkommen sollen, wenn man demnächst überall in Schulen, Betrieben und Heimen testen will“, sagt etwa die Leiterin der Hirsch-Apotheke in Bretten, Ariane Maaß. „Es muss nur gewährleistet sein, dass man sie richtig anwendet. Ich sehe sonst die Gefahr, dass sich die Menschen in falscher Sicherheit wiegen.“

Es sei wichtig zu wissen, dass die schnelle Virenprüfung nur ein Bild der kurzfristigen Vergangenheit liefern könne, erklärt die Apothekerin. „Man kann sich direkt nach dem Test theoretisch immer anstecken und das Virus an andere weitergeben. Wir müssen an das Verantwortungsgefühl der Menschen appellieren.“ Sie will deshalb die Selbsttests in ihrer Apotheke nur mit einer professionellen Anleitung verkaufen.

Professionelle Beratung ist wichtig

Das hat auch Jörg Stein von der Marien Apotheke in Karlsruhe vor. Der Fachmann kritisiert, dass die Selbsttests bald zusätzlich in Drogerien und Supermärkten verkauft werden können, wo die Kunden niemand berate. „Das ist aber notwendig. Es geht nicht darum, dass ich Geld damit verdienen will: Das Testen muss funktionieren, sonst bringt es nichts“, sagt Stein.

Das Testen muss funktionieren, sonst bringt es nichts.
Jörg Stein, Apotheker aus Karlsruhe

Er plädiert dafür, dass bei Kindern möglichst die Erwachsenen den Testvorgang überwachen. „So sollte in der Schule ein Lehrer daneben stehen und überprüfen, ob der Schüler seinen Speichel richtig gesammelt hat.“ Zwar würden die so gewonnenen Erkenntnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger sensitiv sein als die professionellen Tests. „Aber wenn man mit Spucken oder Gurgeln das Virus zu 85 bis 90 Prozent nachweisen könnte, wäre ein Selbsttest auf jeden Fall sinnvoll“, urteilt der Apotheker.

Noch einige wichtige Fragen nicht geklärt

Die Apothekerverbände warnen, dass vor dem Start der Heimtests in Deutschland noch einige offene Fragen geklärt werden müssen. Vor allem diese: Was macht der Verbraucher bei einem positiven Ergebnis? „Wenn die Apotheke jemanden auf Corona positiv testet, benachrichtigt sie das Gesundheitsamt“, erklärt Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung ABDA.

„Meldet der Heimanwender das auch? Begibt er sich in Quarantäne? Oder sagt er: Schade, ich will aber trotzdem in den Urlaub. Das ist ungeklärt.“ Laut Sellerberg müsste also die Frage der Kontrolle beantwortet werden: Wer überprüft, ob die Menschen nach den Selbsttests wirklich tun, was sie tun sollen?

nach oben Zurück zum Seitenanfang