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Demonstration einmal anders

Auf der Karlsruher Nachttanzdemo gegen den Kapitalismus spart man sich die Schilder

„Solidarität für alle“ ist eine der Forderungen der Nachttanzdemo in Karlsruhe. Auf der Demonstration gegen „ausufernden Kapitalismus“ lief am Samstagabend einiges anders als gewohnt.

Beat the system Demo Karlsruhe Kaiserstrasse
Unterwegs mit Beats: Bei der Nachttanzdemo in der Karlsruher Innenstadt kamen etwa 100 Menschen zusammen, um gegen ihrer Überzeugung nach eine ungerechte Verteilung von Wohlstand zu demonstrieren. Foto: Peter Sandbiller

Es wird schon dunkel als sich die Demonstrierenden am Samstag auf dem Kronenplatz versammeln. Deshalb hat man sich die Plakate gespart. Weniger für die Augen, dafür mehr für die Ohren: „Nachttanzdemo“ heißt der Aktionstag, der einiges sein soll: eine Demo gegen den Kapitalismus. Aber auch eine Party.

Aus dem offenen Kleinbus an der Spitze des Zuges liefert ein DJ tanzbare Beats. Im Anschluss wird es veganes Essen im Café Noir geben, danach eine Party im Bulacher Kulturzentrum P8.

Teilnehmer der Demo sind zwischen Zweifel und Neugier

Vorab verkündete Schlagsätze wie „Solidarität statt Konkurrenz“ und „Luxus für alle – Herrschaft für niemanden!“ lassen für einige die Frage offen, worum es hier eigentlich konkret geht. Manche runzeln darüber die Stirn, andere macht es neugierig. „Ich bin gespannt auf die Vorträge“, sagt Ines. „Außerdem“, ergänzt Sarah, „ist die Musik einfach geil.“

Während der Wagen mit viel Bass durch die Straßen rollt, ziehen knapp 100 Menschen hinterher – nicht Parolen schreiend, sondern tanzend. Für diesen Ansatz, erklärt Denise, eine der Organisatorinnen des Aktionstages, hätten sie im Internet zuvor einiges an Gegenwind bekommen.

Ich möchte, dass meine Kinder eine bessere Welt erleben.
Denis, Teilnehmer auf der Karlsruher Nachttanzdemo

Themen wie die Klimakrise und „das Patriarchat“ seien viel zu wichtig, um eine Party daraus zu machen, so der Vorwurf einiger Linker. Dies verkenne jedoch, dass das Ziel dahinter keine „pseudopolitische Spaßveranstaltung“ sei, sondern Zugänglichkeit, rechtfertigt sich Mitorganisatorin Denise.

Kritik am System als gemeinsamer Nenner

Laute, schwarz vermummte Gestalten, wie sie oft mit linken Bewegungen assoziiert werden, sucht man vergebens. Die Dichte an Stiefeln, „Vokuhila“-Frisuren, übergroßen Vintage-Jacken und anderen inoffiziellen Erkennungszeichen dessen, was man als „links“ bezeichnen könnte, ist dennoch verhältnismäßig hoch. Aber eben auch dabei: Leute mittleren Alters, teilweise mit Lastenfahrrad, teilweise mit Kindern.

Denis, der mit seiner Familie aus Ungarn kommt, war es wichtig, mit seiner Tochter hier zu sein. „Ich möchte, dass meine Kinder eine bessere Welt erleben. Dass sie wissen, dass es bessere Werte gibt“, sagt er.

Diese Werte ließen sich nicht auf einzelne Aspekte wie Frauenrechte oder Lohngerechtigkeit festnageln, so der Tenor unter den Teilnehmern.

Der Kern der Kritik in den Redebeiträgen: Einige haben zu viel, andere zu wenig – unabhängig von Leistung oder persönlichem Schicksal. Eine „Profitlogik des Wirtschaftssystems“ trage Verantwortung dafür, so die Nachricht. Das führe zu einem falschen Umgang mit der Natur, zur Abwertung behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt, zur „Verkennung von sozialer Arbeit“, zur Ausbeutung von Menschen und zum „Zufallsglück des Reisepasses“.

Demonstration ist als Zeichen der Vernetzung

Dieses System sei „nicht naturgegeben, sondern menschengemacht“, kritisieren die Veranstalter bereits im Vorfeld. Somit liege es in der Hand der Menschen, etwas zu verändern. „Aktuell ist es leichter, sich das Ende der Menschheit vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus“, sagt einer der Redner.

Mona, eine Demonstrantin, formuliert es dramatischer: „Ich bin heute hier, weil es gerade einfach verdammt scheiße läuft.“ Die zahlreichen Probleme würden durch eine Tanzdemo nicht gelöst. Aber die Demo schaffe Sichtbarkeit, Vernetzung und Selbstwirksamkeit.

Beat the system Disco in P 8 in Karlsruhe
Feiern im Kulturzentrum: Im Anschluss an die Kundgebung in der Innenstadt trafen sich die Teilnehmer noch im P8, wo DJs für tanzbare Beats sorgten. Foto: Peter Sandbiller

Auf diesen Prinzipien fußt auch die Organisation der Aktion: Es gibt keinen festen Verein, sondern ein paar Menschen, befreundet oder um Ecken bekannt, die etwas auf die Beine stellen wollen.

Die Treffen wurden konkreter, Kontakte zu anderen Aktivisten, DJs oder Marketingexperten wurden geknüpft. So wurde die Nachttanzdemo auf die Beine gestellt, mit der die Organisatoren jenseits von Zorn und Resignation ein Zeichen setzen wollen – nichts müsse so bleiben, wie es aktuell ist.

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