Skip to main content

Vorfreude und Frust beim Blick in die Zukunft

Das sagen Karlsruher zum Umgang mit der Pandemie

Worauf freuen sich die Karlsruher am meisten, wenn die Corona-Zeit einmal zu Ende ist? Mit dieser Frage haben sich die BNN in der Innenstadt umgehört. Die Antworten waren teils sehr emotional und von der aktuellen Situation geprägt.

Koffer packen und weg: Darauf freuen sich viele Karlsruher mit Blick auf eine Zukunft, in der die Corona-Pandemie unter Kontrolle ist. Konkret planen können sie aber noch immer nicht. Foto: Christoph Schmidt

Die einen würden gerne einfach wieder reisen oder gemütlich im Café sitzen – andere wollen „endlich die Masken“ loswerden. Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft haben viele. Aber wer versucht, mit Menschen in der Karlsruher Innenstadt einfach nur über die Vorfreude auf eine Zeit „nach Corona“ zu sprechen, wird schnell in hoch emotionale Gespräche verstrickt. Oft geht es nicht nur um den Blick voraus. Das Hier und Jetzt beschäftigt, und die Meinungen gehen weit auseinander.

Jeder hat seine eigene Strategie zum Umgang mit der Krise

„Die Krise erfordert von uns allen eine hohe Anpassungsleistung“, erklärt die Psychotherapeutin Birgit Gruner. „Weil sie seit Monaten anhält, sind bei einigen die mentalen und auch finanziellen Puffer längst aufgebraucht.“ Im Umgang mit der Situation entwickle jeder seine eigene Strategie. Während der eine beispielsweise kreativ nach neuen Wegen suche, lasse ein anderer vielleicht eher seiner Wut freien Lauf.

Ganz gelassen blickt der 29-jährige Manuel Oliver in die Zukunft, obwohl er von den Einschränkungen direkt betroffen ist. Seit Monaten ist der Koch in Kurzarbeit – mit Unterbrechung im Spätsommer. „Ich bin froh, dass es die Unterstützung überhaupt gibt“, sagt der gebürtige Argentinier. „In meiner Heimat werden die Menschen mit der Situation allein gelassen.“

Oliver freut sich darauf, einfach mal wieder im Café zu sitzen, einen Kaffee zu schlürfen und ein Buch zu lesen. Die ungewollte Freizeit hat er genutzt, um sein Deutsch aufzubessern. „Dazu wäre ich sonst wohl nicht gekommen.“ Nicht hadern, sondern kreativ umplanen empfiehlt auch Birgit Gruner im Umgang mit der Krise. „Es gibt immer 1.000 Möglichkeiten. Als Menschen tendieren wir dazu, Erlerntes immer auf die gleiche Weise anzugehen. Das müssen wir brechen, um vielleicht etwas Gutes im Schlechten zu finden.“

Bei manchen ist der Frust greifbar

Beim Blick in die Zukunft sind aber viele deutlich weniger entspannt als Manuel Oliver. „Dass die Diktatur weg ist“, blafft ein Mann nahe dem Rentenalter, gefragt, worauf er sich in der Zeit nach Corona am meisten freue. Dann stiefelt er eilig weiter. Gesprächiger sind ein junger Mann und eine junge Frau, die gemeinsam nahe des Ludwigsplatzes stehen. Er freue sich besonders darauf, wenn „die Masken endlich weg sind“, sprudelt es aus ihm heraus.

Dann redet er drauf los, der Frust ist greifbar: Von den sogenannten Querdenkern und ihren Demos halte er nicht viel, aber er wünsche sich, dass möglichst viele „Vernünftige“ gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen. Für die Mittel im Kampf gegen das Virus hat er nicht viel übrig, für Menschen, die sie widerspruchslos akzeptieren, auch nicht. Nicht einmal von einer Pandemie will er sprechen. Seine Begleiterin, die in der Gesundheitsbranche arbeitet, rudert in diesem Punkt ein wenig zurück. Aber auch sie beklagt, dass das Zwischenmenschliche leide, die Maßnahmen nicht verhältnismäßig seien.

Reisen fehlen vielen am meisten

Für junge Menschen sei der Umgang mit der Krise schwieriger, glaubt Psychotherapeutin Gruner. „Sie sind in einer Zeit groß geworden, in der alles immer verfügbar ist. Da kommt man von einem sehr hohen Niveau“, sagt sie. „Die Perspektivlosigkeit, die manche derzeit empfinden, ist eigentlich sehr relativ. Wie wichtig sind manche Dinge im Vergleich zum eigenen Leben? Wer wie viele Ältere Armut oder gar Kriege erlebt hat, weiß eher, wie man Krisen übersteht.“

Auf Reisen freuen sich besonders viele Menschen mit Blick auf eine Zukunft, in der die Corona-Pandemie unter Kontrolle ist. Petra wollte in diesem Jahr nach Schweden und Marokko, beides fiel ins Wasser. Sobald es wieder geht, will sie in den Flieger steigen. Und auch für Alfred Gilbert soll es weit weg gehen. Der 65-Jährige ist seit einem halben Jahr in Rente. Gemeinsam mit seinen Brüdern wollte er für drei Monate mit Camper und Motorrad durch die USA fahren. „Geplant war alles. Dann kam Corona“, sagt er.

Expertin rät zu Realismus bei der Planung

Aus der Not machte er kurzum eine Tugend. Gemeinsam mit seinem Bruder schraubte er den Sommer über an einem alten VW Karmann-Ghia. Eingeschränkt fühlt er sich nicht – eine klarere gemeinsame Linie von Bund und Ländern würde er sich derzeit aber trotzdem wünschen. Und die Reise-Idee liegt vorerst auf Eis. „Mit der neuen Planung warten wir lieber noch ein bisschen“, kündigt er an.

Zur Zurückhaltung und realistischen Betrachtung der Lage rät bei aller Vorfreude auch Psychotherapeutin Birgit Gruner. „Niemand weiß, was passiert. Aber wer beispielsweise jetzt von einer Hochzeit mit 100 Gästen im Februar ausgeht, wird höchstwahrscheinlich enttäuscht.“ Früher habe man länger auf Dinge warten müssen und sich länger darauf gefreut, das müssten viele in dieser Zeit wieder lernen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang