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Erster kommunaler Parkfriedhof Deutschlands

Der Karlsruher Hauptfriedhof ist mehr als ein Ort für die Toten

Um dem stressigen Alltag in der Stadt zu entkommen, verbringen die Karlsruher ihre Mittagspause gerne in den Grünanlagen. Der Schlossgarten ist dabei ein beliebtes Ziel. Wo können Beschäftigte in der Oststadt eine Auszeit nehmen? Zum Beispiel auf dem Hauptfriedhof.

Naturoase in der Stadt: Im Karlsruher Hauptfriedhof ist unter anderem ein kleiner Teich mit eigenem Wasserfall angelegt. Unter anderem Mitarbeiter des KITs verbringen hier teilweise ihre Mittagspause. Foto: Jörg Donecker

Ein älterer Herr schaut sich um. „Feld 18 suche ich”, sagt er und blickt Simone Maria Dietz fragend an. Sie dreht gerade mit dem Friedhofsmobil eine Runde über das Gelände und hält kurz an. Die Kunsthistorikerin, die im Infocenter des Karlsruher Hauptfriedhofs arbeitet und Führungen anbietet, lächelt.

Freundlich weist sie dem Besucher den Weg. Bei einer Fläche von rund 50 Fußballfeldern, auf der insgesamt mehr als 35.000 Gräber verteilt sind, kann man sich schon mal verlaufen.

Die Felder des rund 140 Jahre alten Hauptfriedhofs in der Oststadt tragen nicht nur unterschiedliche Namen, sie grenzen sich auch durch verschiedene Eigenheiten voneinander ab. Auf einer im Mai diesen Jahres der Öffentlichkeit vorgestellten Grabanlage steht eine vier Meter hohe Kerze.

Sie wurde aus einer alten Eiche hergestellt und begründet den Namen des „Kerzenhain”, wie die Anlage heißt. Ein Stück entfernt plätschert ein kleiner Wasserfall. Er soll den Quell des Lebens symbolisieren, der angrenzende ausgetrocknete Flusslauf dagegen die Trauer.

120 Menschen sind rund um den Friedhof beruflich tätig

Der Hauptfriedhof, der erste kommunale Parkfriedhof in ganz Deutschland, bietet den Besuchern vielerlei Möglichkeiten, die Trauer über Verluste zu verarbeiten. Im Lebensgarten befinden sich 14 Stationen, an denen sich Besucher mit den Phasen der Trauerarbeit auseinandersetzen können – ein Rohr lädt Trauernde beispielsweise dazu ein, sich ihre Wut ein Stück weit aus dem Leib zu schreien.

Die Schaukel steht symbolisch für die Mutter, die plötzlich nicht mehr da ist.
Simone Maria Dietz Kunsthistorikerin

Für Kinder gibt es auf dem Friedhofsgelände sogar einen Spielplatz. Die eine Hälfte, die „heile Kinderwelt”, ist mit ganz normalen Spielgeräten bestückt. Auch in der „Trauerwelt”, die sich jenseits einer kleinen Brücke befindet, gibt es eine Schaukel.

Diese lässt sich jedoch nicht bewegen. „Die Schaukel steht symbolisch für die Mutter eines Kindes, die die Schaukel immer angeschubst hat und plötzlich nicht mehr da ist”, erklärt Simone Maria Dietz.

Für Ideen wie diese wird der Karlsruher Hauptfriedhof im September ausgezeichnet. Das „Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur” ehrt die Anlage als Orte, der für Erinnerungskultur und Traditionen steht. „Auf dem Friedhof werden Menschen bestattet, es ist aber auch ein Platz für die Lebenden”, sagt Dietz.

120 Menschen sind rund um die „einzigartige Naturoase in der Stadt”, wie die Kunsthistorikerin ihre Arbeitsstelle bezeichnet, beruflich tätig – von Steinmetzen über Landschaftsgärtner bis zu Verwaltungsangestellten.

Nicht nur Trauernde kommen auf den Friedhof

Nicht nur Trauernde kommen in die Anlage. Manche Mitarbeiter des nahe gelegenen KIT verbringen auf den Bänken entlang der Wege ihre Mittagspause. „Hier kann man seine Gedanken schweifen lassen”, so Dietz. „Viele Leute suchen auf dem Friedhof nach Ruhe. Manche haben ein Buch als Begleiter dabei”, sagt Dietz, die seit 2015 im Infocenter angestellt ist.

Landschaftsgärtner kommen aufgrund der einzigartigen Gestaltung des Friedhofs genauso in die Oststadt wie Leute, die Gräber von berühmten Personen suchen. „Ehemalige Bürgermeister, bekannte Chemiker und Physiker, Gräber von Künstlern oder auch Gräber, die von Künstlern gestaltet wurden – das Feld ist groß”, sagt Dietz. Hans Thoma und Freiherr Karl von Drais sind nur zwei Namen bekannter Persönlichkeiten, die auf dem Hauptfriedhof begraben sind.

In manchen Dingen aber unterscheidet sich der Hauptfriedhof dennoch von anderen Grünanlagen wie dem Schlossgarten. Es ist kein Ort zum Picknicken oder zum Eis essen. Ein Besuch lohnt sich schon allein wegen der Eichhörnchen, der Füchse und der Reiher, die zwischen den Gräbern unterwegs sind.

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