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Nur geringes Angebot bei Fahrradhändlern

Die Folgen des Corona-Booms: Neue Fahrräder gibt es teilweise erst wieder im Herbst

Wer jetzt ein Rad möchte, neu und sofort fahrbereit, der muss erstens eine Portion Glück haben und darf, zweitens, auch nicht mehr besonderes wählerisch sein. Ansonsten heißt das Motto der Nach-Corona-Zeit: Geduld. Wartezeiten bis in den Herbst hinein sind keine Ausnahme. Die Lager der Geschäfte in der Stadt sind zwar nicht leergefegt, aber das Angebot zumindest ziemlich ausgedünnt.

Fahrradwerkstätten durften auch während der Corona-Pandemie öffnen. Die Händler erlebten nach dem Lockdown einen regelrechten Ansturm. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

„Wir sind dermaßen überrannt worden“, sagt Eric Meppiel vom Radwerk in der Oststadt mit Blick auf die vergangenen Wochen. Von Warteschlangen von bis zu mehr als einer Stunde können viele Händler berichten. Und wer jetzt noch schnell vor den Sommerferien sein altes Rad instandsetzen will, den erwarte ein „Lotteriespiel“, sagt Matthias Janiak, der Inhaber von Rad und Tat, der kaum Aussichten auf einen Werkstatt-Sechser macht: „Das dürfte kaum noch möglich sein“.

Corona-Ansturm ging über normalen Frühjahrs-Boom hinaus

Die „extreme Auslastung“ (Janiak) der Werkstätten nicht nur bei Rad und Tat, haben dabei nur bedingt mit einem Corona-Effekt zu tun, das ist gerade in den Frühjahrs- und Sommermonaten ein Dauerzustand. Doch der Corona-Stillstand hat den Fahrradgeschäften nach Wiedereröffnung der Läden nicht nur einen aufgestauten Andrang beschert, sondern echte Zuwächse. „Es haben noch mehr Menschen das Rad entdeckt“, stellt Janiak fest. Trotz der erzwungenen Verkaufspause verzeichnet er bis jetzt im Vergleich zum Vorjahr schon eine Umsatz-Steigerung.

Nicht nur Stammkundschaft, sondern viele Neukunden spülten die Auswirkung der Pandemie zu den Händlern. Da seien zum einen Kunden gewesen, die von Bus und Bahn nun aufs Rad umsatteln wollten. „Und auch solche, die wegen abgesagter Urlaube in Fahrräder investiert haben und investieren“, sagt Tobias Eicker, Junior-Chef bei Zweirad Eicker. Auch der Freizeitmarkt ist ein seit Jahren wachsender, durch Corona gab es einen weiteren Sprung. „Das hat deutlich zugenommen“, berichtet Meppiel.

Beispiele gibt es viele, Claudia F. aus der Oststadt ist eines. Ihr Mann fährt schon seit längerer Zeit per E-Bike zur Arbeit nach Bruchsal, im Frühjahr holte auch sie sich eines. Seither geht es am Wochenende mal durchs Albtal oder in die Pfalz rüber. Oder statt wie früher per Bahn oder Auto „auch mal abends zu Freunde nach Ettlingen”, sagt die 46-Jährige, die dem Radfahren früher nicht viel abgewinnen konnte. Aber mit der E-Variante? „Das ist echt gut.”

Mehr und mehr „Alltagsfahrer”

Dazu kommen die „Alltagsfahrer”, auch hier scheint Corona den Trend der zurückliegenden Jahre verstärkt zu haben. Es gebe eine wachsende Anzahl von Menschen, „die ihre Mobilität generell ändern wollen“, sagt Janiak. Eine Tatsache, die ihn nicht nur als Händler freut. Während des Lockdowns hätten noch mehr Menschen gemerkt, „dass man in einer Stadt wie Karlsruhe einfach super unterwegs ist mit dem Rad“, bemerkt Janiak.

Zudem steige die Zahl derer, die auch längere Distanzen zur Arbeit umweltfreundlich auf zwei Rädern zurücklegen wollen. Entsprechend steigt den Händlern zufolge die Nachfrage von Kunden, die Leasing-Modelle nutzen wollen, die von immer mehr Unternehmen angeboten werden.

„Wir haben sehr, sehr viele Neuanlagen“, sagt Meppiel, „und zwar nicht nur aus Karlsruhe, sondern aus dem ganzen Umkreis“. Seit Wiedereröffnung des Verkaufs habe man „das Doppelte zu tun“. Die Woge habe sich zwischenzeitlich zwar etwas geglättet – viele Kunden muss aber auch Eicker in seinen drei Filialen vertrösten.

Normal habe er zu dieser Zeit einen Bestand von rund 1000 Rädern, jetzt sind es nur gut 300. Darunter: Kein einziges Trekking-Rad in mittlerer Größe. „Wir könnten mehr verkaufen, haben aber die Ware nicht“, stellt Eicker fest. Auch weil es immer wieder mal zu Liefer-Engpässen kommt.

Jetzt noch ein neues Rad? Da ist Glück oder Geduld gefragt

Die globalen Corona-Nachwehen spürt eine Branche, in der viele Teile zum Beispiel auch aus China kommen. „Jetzt kommen die Lieferdellen“, sagt Janiak. Und das, obwohl bei den Herstellern „die Maschinen heiß laufen“. Wer in Karlsruhe jetzt noch ein neues Fahrrad wolle, „der muss ein bisschen Glück mitbringen. Und dann kommt es natürlich darauf an, was für eines“, sagt Janiak. Zwar sieht er die Stadt diesbezüglich mit Blick auf alle Mitbewerber „noch ganz gut aufgestellt“. Gleichwohl sei die Situation anders als in allen Jahren zuvor.

Ein Trend hat dabei auch im „Corona-Geschäft“ noch einen zusätzlichen Schub bekommen, nämlich der hin zum E-Bike. „Gerade noch fifty-fifty“ sei die Aufteilung, sagen Meppiel und Janiak, der ergänzt: „Das schwappt bald über“. Man nähere sich der „50:50-Marke“ an, sagt Eicker, der in den ersten Wochen nach Wiedereröffnung eine so noch nie dagewesene Erfahrung machte.

Weil vor dem Laden die Leute Schlange standen, hätten sich viele Kunden drinnen im Eiltempo entschieden. „Teilweise habe die sich gar nicht mehr groß umgeschaut. Wenn das erste Rad okay war, haben die gesagt: Passt, nehme ich mit. Auch bei hochwertigen E-Bikes“, berichtet Eicker: „Mir als Händler ging das persönlich manchmal schon zu schnell.“ Beeindruckend fand er die Disziplin der Kundschaft.

Lob für die Kunden: „Das war und ist wirklich ganz toll”

Eine Beobachtung, die Janiak teilt. „Das war und ist wirklich ganz toll, da ziehe ich den Hut vor. Die Menschen waren geduldig, haben gewartet“, berichtet Janiak, der allen Neu- und Altkunden gleich noch einen corona-unabhängigen Tipp mit auf die Fahrt gibt: Wer das Winterhalbjahr für Wartungen und Reparaturen nutzt, der wartet in den schönen Rad-Monaten nicht wochenlang auf einen Werkstatt-Termin.

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