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Exklusive Tour für die BNN zusammengestellt

Diese Kunst ist in Karlsruhe auch im Lockdown zu betrachten

Im Corona-Lockdown auf den Genuss von Kunst verzichten? Nicht nötig! In Karlsruhe wird man per Handy von Werk zu Werk durch die Straßen geführt. Exklusiv für die BNN hat der Karlsruher Künstler Karlheinz Bux jetzt außerdem eine etwa zweistündige Kunst-Tour durch die Innenstadt erstellt.

Die Untersicht ist beabsichtigt: Die Figur von Jürgen Goertz an der Fassade der L-Bank in Karlsruhe blickt den Spaziergänger von ihrer Säule herab an. Foto: Jörg Donecker

Kunstfreunde und solche, die es noch werden möchten, müssen im Corona-Lockdown zwar auf Museumsbesuche verzichten. Doch nicht auf den Genuss von Kunst generell. Nötig sind lediglich warme Kleidung und die Bereitschaft für einen Spaziergang an der frischen Luft.

Mit dem digitalen Projekt „Kunst am Bau“ der Stadt Karlsruhe kann man sich über die Website karlsruhe.de/kunstambau per Handy zu den im öffentlichen Raum zugänglichen Kunstwerken führen lassen – inklusive kurzer Beschreibung der Werke. Der Karlsruher Künstler Karlheinz Bux hat die Beschreibungen in Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro konzipiert. Das Kulturbüro ist unter anderem zuständig für die Förderung der Kunst im öffentlichen Raum und ging vor einigen Jahren auf Bux zu, um für das digitale Projekt Texte zu den verschiedenen Werken zu verfassen.

Exklusiver Kunst-Rundgang durch die Innenstadt

Für alle, die sich nicht ausschließlich auf die Wegführung per Handy verlassen möchten, hat Bux nun exklusiv für die BNN einen etwa zweistündigen Kunst-Rundgang durch die Karlsruher Innenstadt erstellt.

Innere Werte: Beim Blick zwischen die Steinplatten von Michaela Kölmels Werk „Ohne Titel“ auf dem KIT-Campus Süd offenbart sich ein reizvolles Spiegel-Bild. Foto: Karin Stenftenagel

Los geht’s im Stadtzentrum hinter der Kleinen Kirche: „Wir sind hier auf dem Dorf“, sagt Bux. In der Tat, die „Marktfrau“ von Hermann Föry, klein wie ein Kind, doch hoch auf einem Sockel über dem kleinen Pflasterstein-Platz thronend, schafft auf diesem Fleckchen Innenstadt eine eher dörfliche Atmosphäre. Schräg über die Zähringerstraße hinüber wartet schon das nächste Kunstwerk: Die Stahlplastik „Tor / Turm“ im Eingang des Amts für Hochbau und Gebäudewirtschaft hat auch ein Innenleben, das sich lohnt zu entdecken.

Mystische Gestalten und Kinder verschmelzen.
Karlheinz Bux über die Kunst Jürgen Goertz’

Die Tour geht wieder Richtung Norden, zum Neubau der L-Bank. An zwei Nebenzugängen und am Haupteingang auf der Nordseite blicken dem Spaziergänger seltsam anmutende Wesen in Bronze entgegen, geschaffen 1982 von Jürgen Goertz. Man muss schon näher hin und einmal von allen Seiten Zugang suchen, um die ganze Wirkung der surreal-fantastischen Figuren zu erfassen. „Mystische Gestalten und Kinder verschmelzen“, sagt Bux, unter einer Figur stehend, die von einer Säule hinabblickt.

Exklusiv für die BNN hat der Karlsruher Künstler Karlheinz Bux eine etwa zweistündige Kunst-Tour durch die Innenstadt erstellt. Foto: BNN

Die leichte Untersicht sei beabsichtigt, so Bux. „Man schaut von unten hoch“ - und blickt direkt in das neugierig starrende Gesicht. Auch die Figuren am Nordeingang, an die der Fußgänger durch die Auto-Unterführung nur schwer physisch herankommt, spielt genau mit diesen schwierig einzunehmenden Blickwinkeln. „Es ist bewusst so gemacht, dass man es nur schwer erkennt“, kommentiert Bux die sagenhafte Figurengruppe, die Elemente von Hühner- wie Menschenkörpern hat.

Bedrückende Gedanken? „Der Denkende“ von Karl-Heinz Krause sitzt in sich versunken auf dem KIT-Campus Süd. Foto: Karin Stenftenagel

Der „Platz der Grundrechte“ ist eigentlich eine Straße, und eigentlich erstreckt sich das Kunstwerk von Jochen Gerz über viele Plätze in der ganzen Stadt, erklärt Claus Temps, Leiter des Kulturbüros. Die Texte auf den kleinen Schildern, die in großer Gruppe auf dem Platz der Grundrechte, in einer Reihe auf dem Platz der Menschenrechte vor dem ZKM und einzeln an verschiedenen anderen Stellen in der Innenstadt zu finden sind, thematisieren Karlsruhes besondere Beziehung zum Recht und zu den nationalen Institutionen, die hier ihren Sitz haben.

Man wird aus diesem Menschen nicht schlau.
Claus Temps über den Künstler Emil Sutor

Auf dem Schlossplatz flaniert es sich vorbei an barocken weißen Statuen – so sieht es aus. Doch stammen mitnichten alle wirklich aus der Epoche, in der auch das Stadtschloss entstand. „Simson mit dem Löwen“ etwa ist nur eine Epoxidharz-Kopie des von Ignaz Lengelacher zwischen 1760 und 1764 geschaffenen Originals.

Aus Sutor wird man nicht schlau

Die Jagdgöttin Diana stammt im Original ebenfalls von Lengelacher, ist tatsächlich aber eine Neuinterpretation von Emil Sutor, der in Karlsruhe so viele Werke in unterschiedlichstem Stilen schuf – das kann man sich gut vor Augen führen, wenn man an seinen „Nackten Mann“ denkt, der bis vor dem Umbau viele Jahre vor dem Karlsruher Wildparkstadion die Fußballfans begrüßte. „Man wird aus diesem Menschen nicht schlau“, sagt Temps. Sutor sei der Künstler, der mit seinen Werken am häufigsten in Karlsruhe vertreten ist – ohne aber einen wiedererkennbaren Stil zu haben.

Hinter der Westseite des Schlosses von Bäumen geschützt versteckt sich eine wilde Kampfszene: Die Seepferdgruppe von Gabriel de Grupello zeigt Pferde, Putten und schmückendes Beiwerk in wildem, barockem Kampf. „Das ist eigentlich die erste „Kunst am Bau“ von Karlsruhe“, sagt Bux. Denn lange bevor das städtische Förderkonzept ins Leben gerufen wurde, ließ Großherzog Ludwig das eigentlich fürs Schwetzinger Schloss bestimmte Kunstwerk nach Karlsruhe bringen.

Minimalistische Gitterkomposition: Vor der KIT-Bibliothek steht die Stahlskulptur „10/1972“ von Alf Lechner – dass es sich hierbei um Kunst handelt, scheint so mancher Radfahrer, der seinen Drahtesel dort anlehnt, nicht zu bemerken. Foto: Karin Stenftenagel

Fürstlich fühlen können sich die Parkbesucher ein paar Meter weiter auf der anderen Seite des Schlossturms auf Stefan Strumbels Bronze-Thron, bevor es in östlicher Richtung auf den KIT-Campus zugeht. Dort stehen in der Nähe des Engler-Bunte-Instituts drei sehr unterschiedliche Arbeiten: „Vierzig Tonnen Eisen zerrissen“ benötigt kaum eine nähere Beschreibung – der Künstler Nino Maaskola schuf die archaisch anmutende Plastik mit Hilfe von Sprengstoff. Witz und Ironie versprüht dagegen Erwin Wurms „Big Mutter“, eine überdimensionale Wärmflasche mit Füßen in orange lackierter Bronze. Ganz unauffällig im Vergleich dazu ist Michaela Kölmels zweiteilige Skulptur „Ohne Titel“. Nur sehr Neugierige kommen wohl von selbst auf die Idee, sich die beiden Steinscheiben genauer anzuschauen – und werden beim Blick ins Innere mit einem ganz besonderen Spiegel-Bild belohnt.

Jetzt geht es immer weiter gen Osten, unmöglich, alle Werke auf der Tour im Einzelnen zu beschreiben. Ein nachdenkliches Ende findet der Rundgang auf dem Alten Friedhof vor der Gruftenhalle: Der „Engel“ von Franz Xaver Reich erinnert mit den im Sockel eingemeißelten Namen an die 63 Menschen, die beim Brand des Karlsruher Hoftheaters am 28. Februar 1847 starben. Besonders viele junge Leute sind dabei, von Teenagern bis Mittzwanzigern. „Es ist eine sehr berührende Arbeit“, findet Bux. „Man fragt sich: Warum so viele Junge?“ – „Mit Fragen enden wir“, meint Temps nachdenklich. Und Bux erwidert: „Das ist es ja, was Kunst ausmacht.“

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