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Bürgerbegehren startet

Fahrradfreundliches Karlsruhe: Allein mit Farbe ist es beim Stadtumbau nicht getan

Der Rad- und Fußentscheid Karlsruhe geht seine Anliegen jetzt offensiv an. Welche Ideen haben die Aktiven, damit für Fußgänger und Radfahrer das Unterwegssein in Karlsruhe schöner wird?

Am 10.08.2022 fahren Radler auf ihrer rot gekennzeichneten Geradeausspur zwischen den Autofahrbahnen an der neu gebauten Kreuzung Ettlinger Tor.
„Würden Sie Ihr Kind hier Rad fahren lassen?“ So fragt der Verkehrsaktivist Heinrich Strößenreuther. Ein Farbauftrag wie am Ettlinger Tor reiche nicht. Foto: Jörg Donecker

Der Atem stockt kurz. Auf der Leinwand im Saal tauchen zwei Kinder mit Fahrrädern auf einem schmalen roten Band auf, links daneben ein riesiger Lkw, rechts ein zweiter Schwertransporter. „Würden Sie Ihr Kind hier Rad fahren lassen?“, fragt Heinrich Strößenreuther. Das ist der Maßstab, den der bundesweit bekannte Aktivist für bessere Radwege den Karlsruhern mitbringt.

Es geht um Radwege für unsichere, junge oder schon ältere Radfahrer, um ein Angebot auch, das Autofahrer als sicher empfinden und es deshalb ausprobieren. Es geht aber auch um gute Wege für alle, die zu Fuß unterwegs sind in der Stadt.

Wohin die Reise gehen soll, zeigt beim offiziellen Auftakt zum Fuß-und-Radentscheid Karlsruhe am Dienstagabend im Haus der Industrie- und Handelskammer (IHK) am Friedrichsplatz ein weiteres Foto. Als es aufleuchtet, ist das Aufatmen im Saal spürbar. Ein Erwachsener und ein Kind rollen da gemütlich nebeneinander her auf einer extrabreiten Radspur. Vom Autoverkehr trennt sie eine Reihe einfacher Metallpfosten.

Rad- und Autoverkehr in Karlsruhe konsequent trennen

Radwege und Autoverkehr konsequent baulich zu trennen, das fordert Strößenreuther, der geistige Vater der Berliner Mobilitätswende: „Belanglose Straßenmalereien sind kein Schutz.“ Viele, die bisher nie aufs Fahrrad, sondern ins Auto steigen, empfänden die Radwege nicht als sicher. Seien Radfahrstreifen ungeschützt – wie in Karlsruhe auch an neu gestalteten Kreuzungen, etwa Durlacher und Ettlinger Tor – steige der Anteil der Fahrten mit dem Rad nicht weiter.

Karlsruhe kennt der Gast aus Berlin seit den 1990er Jahren. In dieser Zeit hat sich Karlsruhe zur aktuell fahrradfreundlichsten Großstadt Deutschlands gemausert. Setzen die Verkehrsplaner weiße und rote Farbe ein, hält Strößenreuther das zwar nicht für ausreichend, sieht darin aber doch einen wichtigen Schritt im Ringen der Interessengruppen um den Straßenraum: „Es ist schon mal markiert, wem die Stadtgesellschaft die Fläche jetzt zur Verfügung stellt.“

Verkehrslobbyist Heinrich Strößenreuther spricht am 9.8.2022 beim Fuß- und Radentscheid Karlsruhe im Saal der IHK Karlsruhe.
Verkehrslobbyist Heinrich Strößenreuther, Mitinitiator des Berliner Radgesetzes. Foto: Kirsten Etzold

Was tun, wenn der verfügbare Raum schon bis zur letzten Handbreit verteilt ist? Der Mitinitiator des Radgesetzes Berlin greift Ideen aus dem Publikum auf und gibt vielen noch einen zusätzlichen Dreh. Attraktiv fürs Auge, mit Witz und durch Anmeldung legal nicht nur auf dem Gehweg, sondern auch auf der Straße: Das ist das Rezept, das der erfahrene Radverkehrsstreiter aus der Bundeshauptstadt in die Stadt des Rechts mitbringt.

Warum nicht einen Schiedsrichterstuhl vom Tennisplatz ausleihen und Autofahrer per Megafon ansprechen, wenn sie radelnde Aktionsteilnehmer mit Schwimmnudeln als Abstandhalter bedrängen oder zu dicht überholen? Wie wäre es, als Gruppe in Engelskostümen Radfahrer sanft zu stoppen, die über gemischt genutzte Flächen zischen und Slalom um die Fußgänger fahren?

Mit Pappkartons und Kreide lassen sich Kreuzungen innerhalb weniger Stunden nach niederländischem Vorbild umgestalten. So wollen Ortskundige am Humboldt-Gymnasium und an der Brauerstraße vormachen, wie Schulkinder und andere Fußgänger durch Umbau der Straße den Platz bekommen, der ihnen zurzeit fehlt.

Radfahrfreundliches Karlsruhe: Friedliche Visionen statt Provokation

Solche Aktionen stoßen zwar regelmäßig auf Protest, setzen aber nicht auf Konfrontation, sondern auf die Vision. Dass die Wirklichkeit werden kann, zeigt das neue Stück Radweg an der Fritz-Erler-Straße. Als Planung eine halbe Ewigkeit in der Schublade, zweigten Aktivisten die Extraspur in der Pandemie zweimal stundenweise ab. Nun ist sie im Bau.

Provokante Tipps verkneift sich Strößenreuther in Karlsruhe. Die betont friedfertige Linie haben sich die Initiatoren des Fuß-und-Radentscheids um Elisabet Loris-Quandt, Bjarne Rest und Michael Reichert gewünscht. Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und ihren Radverkehrsplanern sei erfreulich und intensiv. Demnächst sammeln die Aktiven des Fuß-und-Radentscheids Unterschriften für das Bürgerbegehren, auch der Internetauftritt www.fussradka.de steht.

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