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Jugend in der Krise

Geschlossene Kinder- und Jugendhäuser in Karlsruhe - wer kümmert sich jetzt?

Für junge Menschen mit familiären Problemen sind die Kinder- und Jugendhäuser in den Stadtteilen wichtige Anlaufstellen. Während der Corona-Krise muss das sozialpädagogische Angebot des Stadtjugendausschuss heruntergefahren werden - mit teilweise dramatischen Folgen für die Jugendlichen.

Mit Mundschutz: Im Kinder- und Jugendhaus Durlach erhalten die Besucher ein warmes Mittagessen und sozialpädagogische Unterstützung. Foto: Jörg Donecker

Geduldig stehen die Kinder mit Mundschutz an der Essensausgabe und lassen sich von den Mitarbeiterinnen des Kinder- und Jugendhauses (KJH) Durlach noch einmal Fusilli mit Tomatensoße aufs Tablett geben. Ab Mittwoch sind die Jugendtreffs des Stadtjugendausschusses Karlsruhe (stja) aller Voraussicht nach bis mindestens zum 10. Januar allerdings geschlossen, und dann fällt neben dem Mittagessen für die Schülerschaft auch die persönliche sozialpädagogische Betreuung für Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil flach.

„Viele Jugendliche sind sehr verunsichert. Der Lockdown geht an ihnen nicht spurlos vorbei“, sagt die Durlacher KJH-Leiterin Nadine Mössinger. Vor allem Kinder und Jugendliche ohne familiären Rückhalt hätten unter den Einschränkungen während der Corona-Pandemie zu leiden. „Die jungen Leute haben Zukunftsängste. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, einige haben schon ein Schuljahr verloren, manche kriegen vielleicht keinen Abschluss und keinen Ausbildungsplatz“, sagt Mössinger.

In den vergangenen Monaten konnte der Betrieb des Kinder- und Jugendhauses in Kleingruppen für eine begrenzte Anzahl von Besuchern zumindest teilweise aufrechterhalten werden. Nun seien Kinder aus sozial schwächeren Familien aber wieder auf sich alleine gestellt – mit teilweise dramatischen Folgen. „Wenn problembehaftete Familien auf engem Raum zusammensitzen, nimmt auch die Gewaltbereitschaft zu“, betont Mössinger.

Die Monate während der bisherigen Corona-Pandemie bezeichnet die Sozialpädagogin als „sehr intensiv“. Viele Kinder und Jugendlichen hätten in Einzelgesprächen von ihren Sorgen und Nöten berichtet oder sich ihren Frust von der Seele geredet.

Telefonische Sprechstunden können persönlichen Kontakt nicht ersetzen

Willi Grüßinger kann die Einschätzung seiner Kollegin teilen. „In einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie werden viele Jugendliche, die ohnehin schon mit Problemen zu kämpfen haben, weiter abgehängt“, mahnt der Leiter des Kinder- und Jugendhauses in der Oststadt. Grüßinger und seine Kollegen sind über die Diensthandys für die regelmäßigen Besucher der Jugendhäuser zwar jederzeit erreichbar.

Trotzdem können telefonische Sprechstunden oder Online-Beratungen die Präsenz der Sozialarbeiter sowie Freizeitangebote und Hausaufgabenhilfe vor Ort nicht ersetzen. „Der Charakter der offenen Jugendarbeit geht verloren. Außerdem fehlt das Spontane“, sagt Grüßinger. Gerade Jugendliche könnten nicht auf Knopfdruck über ihre Probleme sprechen, sondern bräuchten eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und der persönlichen Zuwendung.

Gruppenarbeit in virtuellen Welten

Trotzdem haben Grüßinger und seine Mitarbeiter aus der Not der vergangenen Monate auch eine Tugend gemacht. Im KJH Oststadt werden Medienbildung und die kreative Auseinandersetzung mit Computerspielen seit einigen Jahren großgeschrieben. Um Kontakte zwischen den Jugendlichen zu minimieren, wurden die sonst in der Gruppe praktizierten Rollenspiele bereits in virtuelle Welten verlegt. Und in den Spielpausen werden dann auch mal schulische oder familiäre Probleme zum Thema gemacht.

„Viele Jugendliche stehen während des Lockdowns alleine auf weiter Flur“, sagt Elisabeth Peitzmeier, Geschäftsführerin des Stadtjugendausschusses Karlsruhe. Deshalb sei es wichtig, dass die Landesregierung die Jugendhäuser weiterhin als Bildungseinrichtungen betrachte und die Treffs so schnell wie irgend möglich wieder öffnen dürfen.

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