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Stadtbild bedroht

Händler halten Mahnwache in Karlsruhe-Durlach

Auf Klappstühlen sitzen rund 50 Händler in Durlach und machen auf die zermürbenden Folgen des Lockdowns aufmerksam. Für die Zukunft des ganzen Ortes zeichnen sie ein düsteres Bild.

Mahnwache: Geschäftsleute aus der Durlacher Innenstadt weisen vor dem dortigen Rathaus auf ihre teils existenzbedrohende Lage durch den Lockdown hin. Foto: Jörg Donecker

Seit gut dre Jahrzehnten hat Birgit Schlagenhof-Braun ihr Kosmetik- und Wellness-Institut in der Hubstraße. Aber so etwas wie jetzt hat die Geschäftsfrau noch nicht erlebt.

„Wir verstehen etwas von Hygiene“, sagt sie, „unser Hygienekonzept ist gut.“ Dennoch ist sie mit ihrem zehnköpfigen Team zum Nichtstun verdammt. Lockdown – und Linderung ist nicht wirklich in Sicht. „Die fehlende Perspektive setzt uns sehr zu“, erklärt Birgit Schlagenhof-Braun.

Von ganz kleinen Anfängen ist ihr Geschäft Stück für Stück gewachsen. Bis der Lockdown kam. Jetzt hat sie ihr Erspartes in das Geschäft gesteckt und einen großen Kredit aufgenommen.

„Wir haben ganz viele tolle Stammkunden“, sagt die Chefin. Ohne diese wäre die Lage völlig unerträglich – trotz allem Optimismus und der Bereitschaft zum Durchhalten.

Händler auf Klappstühlen

Jetzt sitzt Birgit Schlagenhof-Braun neben rund 50 weiteren Durlacher Geschäftsleuten auf einem der vielen Klappstühle vor dem dortigen Rathaus. Vor sich haben sie rote Plakate. „Ohne uns stirbt Durlach“, heißt es darauf. „Uns wird die Existenz geraubt.“

Angemeldet hat die Mahnwache Meike Eberstadt vom Kräuterladen in der Pfinztalstraße. Im Nahbereich ihres Geschäfts haben zwei Schuhläden dichtgemacht. „Wir sitzen doch alle in einem Boot“, sagt sie. Das Durlacher Stadtbild drohe zu kippen.

Zur Untätigkeit verdammt ist auch Holger Witzel, der Chef des Modehauses Nagel, das dreimal in Durlach vertreten ist und 20 Mitarbeiter zählt. Seit 16. Dezember ist dort geschlossen. „Wir konnten 46 Prozent unserer Winterware nicht verkaufen“, sagt Witzel. Einen Teil musste er unterhalb des Einkaufspreises abgeben.

Wintergeschäft fehlt

Das Geld, das man traditionell im starken Monat Dezember verdiente, half immer über die kostenträchtigen Monate Januar und Februar hinweg – diesmal fehlt es komplett. Demnächst muss er neue Ware bestellen, dabei weiß er überhaupt nicht, wie es weitergeht.

Die Zwangsschließung empfindet der Chef als ungerecht. „Wir sind auf Stammkunden spezialisiert, in unseren Häusern herrscht meist kein Riesenandrang – anders als bei den Discountern.

„Es kann mir niemand erzählen, dass der Socken-Kauf bei uns potenziell ansteckender ist als der Einkauf in einem Schreibwarengeschäft.“ Die Vielfalt von Durlach steht auf dem Spiel, macht der Geschäftsmann klar. Und zwar dauerhaft.

Das befürchten auch viele Passanten, die bei blauem Himmel stehengeblieben sind und die Mahnwache interessiert bis betreten verfolgen. „Und am Ende profitieren dann Amazon & Co.“, bringt es Thomas Kalinski auf den Punkt. Er hat ein Büro in Durlach, wohnt aber in Grötzingen.

Der gesunde kleinteilige Handel in Durlach droht vor die Hunde zu gehen, gibt ihm eine Frau mit Kinderwagen recht. „Wenn da die Politik nicht eingreift, macht sie sich schuldig.“ Nesrin Abdullah, eine weitere Passantin, kann sich gut in die Lage der Händler einfühlen: „Da stehen Lebensträume und Existenzen auf dem Spiel.“

Keine Corona-Leugner

Die Geschäftsleute, die hier bei der Mahnwache versammelt sind, sind keine Corona-Leugner. Mit der Pandemie müsse man umgehen. Aber angemessen und intelligenter als bisher, wie sie finden. Schon vor der offiziellen Maskenpflicht hätten die allermeisten hier Hygienekonzepte und Mund- und Nasenschutz-Zwang eingeführt.

„Das muss man doch mitberücksichtigen, bevor man uns die Lebensgrundlage entzieht“, meint einer. Ein anderer gibt zu bedenken, dass die gleichmacherischen Schließungen weit in die Zukunft wirkten. „Hier werden Fakten geschaffen, die für die kommenden Jahre eine ganze Sozialstruktur verändern.“

Solidarität

Es geht auch um Solidarität. „Ich bin zwar nicht so stark betroffen, aber ich fühle mit den Kolleginnen und Kollegen“, sagt Natalie de Alvarez, die in der Pfinztalstraße eine Yogaschule betreibt.

Ähnlich äußert man sich bei Reifen Derbogen, dessen Geschäft in der Pforzheimer Straße nahe dem Durlacher Bahnhof ansässig ist.

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