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Landwirte in und um Karlsruhe unter Druck

Krähen geben gestressten Wiesen den Rest

Landwirt Stefan Hahn kämpft um eine schlichte Wiese. Krähenschwärme zerpicken die Reste der viel zu trockenen Grasnarbe. Bauern, Jäger und Naturschutz ringen um eine Strategie, die Schäden zu verringern.

Die Landwirte Sebastian Lust, Hans Klenert, Thomas Knodel, Stefan Hahn und Helmut Postweiler (von links) begutachten zusammen mit Artur Bossert (rechts) vom Naturschutzbund (Nabu) Karlsruhe eine ruinierte Wiese. Foto: Jörg Donecker

Wie ein vertrockneter Acker sieht das Stück Land mit ein paar alten Streuobstbäumen hoch über Hohenwettersbach aus. Stefan Hahn und Hans Klenert bewirtschaften das Eckgrundstück an der Einmündung des Kutschenwegs in die Ochsenstraße gemeinsam. Es ist seit mindestens 100 Jahren allerdings nicht Acker, sondern Wiese.

Heu wirft der Boden ab, als Tierfutter. Doch dann kam das Trockenjahr 2020. Selbst jetzt im November fällt viel zu wenig Regen. Stattdessen fallen hungrige Krähen ein. Sie haben sich die geschädigte Grasnarbe vorgeknöpft. Aufgepickt, aufgeworfen, umgegraben: Der Boden besteht aus graubraunen Krümeln und nur noch wenig grünem Gras.

Obwohl sie gekaufte Samen eingesät haben, sind Hahn und Klenert pessimistisch. Wenn es dumm läuft, wächst hier erstmal kein Gras mehr. Mit der neuen Schadensdimension könne es nicht weitergehen wie bisher, fordern die beiden Grünlandbesitzer.

Will ich die Betriebe sterben lassen oder tue ich was?
Peter Lust, Bio-Landwirt in Karlsruhe

Krähen stecken ihre Schnäbel schon immer gern in Getreide und Gemüse. Aber so abgeräumt wie in diesem Jahr hätten sie noch nie, sagen auch Peter und Sebastian Lust, Vater und Sohn aus Hohenwettersbach. Ihre Vollerwerbslandwirtschaft setzt auf Bio-Anbau. Aber das naturnahe Wirtschaften beschreibt Peter Lust nun so: „Ich habe Saatgut eingesät, direkt hinter der Maschine hockten die Vögel und fraßen das meiste auf.“ Da müssten sich die Verantwortlichen fragen: „Will ich die Betriebe sterben lassen oder tue ich was?“

Geräte, die akustisch Vogelschwärme vertreiben, schützen nach Lusts Beobachtung kaum noch die Ernte. Bio-Landwirt Thomas Knodel aus Langensteinbach geht es nicht anders. Und auch Helmut Postweiler aus Wolfartsweier macht die Erfahrung mit seinem Anbau von Salat und Gemüse. „Inzwischen fressen sie fast alle Salatsorten, wenn sie nichts anderes finden. Kürzlich hatte ich einen ganzen Krähenschwarm im Feldsalat.“

Die Landwirte wollen nicht einfach die alte Debatte um mehr Abschuss von Krähen neu entfachen. Sie suchen eine gemeinsame Linie mit denjenigen, die Vogel- und Artenschutz vertreten.

Artur Bossert gehört dazu. Der Vorsitzende der Ortsgruppe Karlsruhe des Naturschutzbundes (Nabu) Deutschland bestätigt viele Beobachtungen der Landwirte. „Beide Krähenarten sind Allesfresser. Sie ziehen Würmer und auch Mäuse aus dem Boden, und sie fressen das, was frisch sprießt. Wenn nicht mehr viel da ist, sind die von ihnen verursachten Schäden gravierender.“

Ausgedörrte Grasnarbe wird umgepflügt

Früher bestritt der Nabu, dass Krähen landwirtschaftliche Kulturen schädigen. Nur zerpickte Silofolien erkannten sie als Problem an. Unstreitig ist aber: Mit zunehmender Trockenheit leiden die insektenreichen Grünflächen. Dann ist zum einen Krähenspeise knapp, zum anderen löst sich die Grasnarbe vom ausgedörrten, lockeren Boden. Flugs sehen die schlauen Vögel ihre Chance. Eine saftige Wiese umzupflügen wie jüngst die Eckwiese am Kutschenweg käme ihnen eher nicht in den Sinn.

Unwillkommen: Landwirte klagen darüber, dass ihnen Krähenschwärme Wiesen ruinieren Foto: Jörg Donecker

In der Stadtverwaltung ist die Problemlage unbestritten. Drei Ämter befassen sich mit dem Thema. Für Vogelschutz von Amts wegen steht Alexander Bantz als Mann der Unteren Naturschutzbehörde im Zentralen Juristischen Dienst. „Es gibt klare Regeln zum vollen Schutz der Saatkrähe und während der Brut- und Setzzeit auch für die Rabenkrähe“, erklärt er. „Ausnahmen sind nur denkbar, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt, erhebliche wirtschaftliche Schäden abzuwehren.“

Zusätzliche Jagdzeit auf Krähen wäre möglich

Der Wildtierbeauftragte Karlsruhes aus der Abteilung Forst, Stefan Lenhart, ergänzt: „Eine zusätzliche Jagdzeit zum Beispiel im Herbst ist unter Umständen möglich. Aber die größten Schäden entstehen im Frühjahr. Da wäre Bejagung eine Störung der absoluten Schonzeit, die allen Wildtieren erheblich schaden würde.“ Zu bedenken gibt Lenhart, der selbst Jäger ist, zudem: „Wir sind hier im urbanen Raum. Da sind viele Menschen unterwegs.“

In der Abteilung Landwirtschaft des städtischen Liegenschaftsamts schließlich kennt Matthias Maier die Klemme, in der vor allem Haupterwerbslandwirte auf Karlsruher Gemarkung stecken. „Kultur – Ertrag – Kosten: Aus dieser Kombination ergibt sich die Wirtschaftlichkeit.“ Die schlauen Vögel machen durch manche Rechnung einen Federstrich. „Jeder Betrieb hat da seine eigene rote Linie. Existenzgefährdung ist möglich.“

Deshalb denken die Verantwortlichen im Rathaus gemeinsam über ein Mosaik an Maßnahmen nach. Stefan Hahn und seine Gleichgesinnten wünschen sich einen Runden Tisch. Kontakt hat Hahn auch mit einem Jagdpächter für das Gebiet an Ochsenstraße und Kutschenweg aufgenommen, das Teil einer Gemeinschaftsjagd ist.

„Mir ist wichtig, dass eine möglichst faktenbasierte Debatte mit den Entscheidungsträgern, geschädigten Landwirten und Naturschützern im Gange bleibt“, sagt Hahn. Inzwischen gebe es in und um Karlsruhe so viele Saatkrähen, dass sie wie die Rabenkrähen gejagt werden sollten, findet er.

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