Skip to main content

Baudenkmal gefährdet

IHK Karlsruhe will ihr Haus am Friedrichsplatz abreißen

Erhalten oder Abreißen? Diese Streitfrage zwischen Veränderern und Stadtkonservatoren köchelt hinsichtlich des IHK-Hauptgebäudes am Friedrichsplatz bislang unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Derzeit gibt es laut Stadt keine konkrete Bauvoranfrage, und das Haus von 1955 steht unter Denkmalschutz.

Bedrohte Architektur am Friedrichsplatz: Ihr Hauptgebäude möchte die Industrie- und Handelskammer durch einen Neubau ersetzen. Foto: Jörg Donecker

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) will ihr Hauptgebäude am Friedrichsplatz abreißen und durch einen funktionaleren Neubau etwa für ein Ausbildungszentrum ersetzen. Mit diesem Ansinnen ist die IHK schon lange intern bei der Stadt vorstellig geworden. Es gab dazu viele Gespräche. Bislang beißt die IHK im Rathaus anscheinend mit diesem Projekt auf Granit. Immerhin steht der Bau von 1955 unter Denkmalschutz.

Die Karlsruher Architekten Backhaus & Brosinsky haben ihn entworfen. Dieses architektonische Erbe ersetzt seit 65 Jahren an der Ecke von Lammstraße und Erbprinzenstraße die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Ostzeile des Friedrichsplatzes. Eine Initiative von fünf Karlsruher Vereinen, die sich dem Stadtbild verpflichtet fühlen, befeuert gerade die Diskussion um Aufgeben oder Erhalten denkmalgeschützter Bausubstanz in der mit 305 Jahren jungen Fächerstadt.

Gebäude steht teilweise leer

Aktuelles Beispiel ist die Zukunft des Landratsamts-Hochhauses. In dieser Gemengelage hängt das sicher in der Bürgerschaft und in der Stadtpolitik bei Bekanntwerden sehr umstrittene Projekt der IHK noch in der Schwebe.

IHK-Hauptgeschäftsführer Guido Glania bestätigt das Vorhaben. Die Vollversammlung der IHK habe die Prüfung beschlossen, „wie ein Haus der beruflichen Bildung in der Lammstraße realisiert werden kann”.

Momentan stehen laut Glania die Obergeschosse des Gebäudes aus Gründen des Brandschutzes leer. Dort wolle man aber künftig Weiterbildungskurse und Prüfungen veranstalten, meint er. Die IHK sehe in dem Neubauprojekt „eine Möglichkeit, den Friedrichsplatz noch attraktiver zu gestalten und den umliegenden Einzelhandel zu stärken”, bekräftigt Glania . Gegenwärtig kläre man dabei die Belange des Denkmalschutzes.

Bei der Stadt weiß man nix Genaues

Im Rathaus wird abgewiegelt. Man wisse nichts Genaues, so lassen sich die Infos zu dem IHK-Vorhaben zusammenfassen. Im einen Amt will man gar nichts dazu sagen, im Bauordnungsamt wird die offizielle Sprachregelung bedient: „Es liegt keine Bauvoranfrage vor”, sagt dessen Leiterin Monika Regner.

Eine andere Spitzenperson der Stadtverwaltung zuckt, ohne die Skepsis gegenüber dem auch ihr bekannten Abrissplan zu verbergen, nur die Schultern und verweist auf die in diesem Fall, ihrer Ansicht nach, kaum überwindbare Hürde des Denkmalschutzes.

Da das Gebäude ein eingetragenes Kulturdenkmal ist, „steht ein Abbruchwunsch unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch die Denkmalschutzbehörden”, erklärt Regner. Doch auch beim Zentraljuristischen Dienst, der städtischen Denkmalschutzbehörde, liege kein entsprechender Antrag vor, versichert sie.

Für den besonders dem Denkmalschutz verpflichteten Stadtrat Lüppo Cramer (KAL) ist das Eckgebäude der IHK direkt gegenüber dem Eingang zum Einkaufscenter „Ettlinger Tor” städtebaulich für Karlsruhe unverzichtbar. Cramer stellt deshalb die Frage: „Bleibt der Denkmalschutz akzeptierte Größe in der Stadt?”

IHK residierte früher im heutigen Stadtmuseum

Der Betonskelettbau mit einer Verkleidung aus glatten Natursteinen ist den Karlsruhern ein vertrauter Anblick. Das Haus der Wirtschaft, Lammstraße 13 -17, ist seit dem 10. November 1955 der Sitz der 1813 als Handelsstube von 37 Karlsruher Kaufleuten gegründeten IHK. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die IHK an den Friedrichsplatz.

Zuvor residierte der Zusammenschluss der Wirtschaft von Stadt und Region seit 1920 im repräsentativen Prinz-Max-Palais an der Karlstraße, in dem heute das Stadtmuseum untergebracht ist. Das IHK-Haus von 1955 ist 1999 mit einem modernen Querriegel an der Erbprinzenstraße zum „Haus der Wirtschaft” ausgebaut worden.

Backhaus & Brosinsky waren in der Nachkriegszeit Größen der Karlsruher Architekturwelt. „Das war ein ganz renommiertes Büro des Wirtschaftswunders”, betont Gerhard Kabierske vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) am KIT. „Der Qualitätsanspruch dieser Architekten ging über das Normalmaß hinaus”, erklärt der Baugeschichtler. Mit Werken wie dem IHK-Gebäude „sind Backhaus & Brosinsky gleich neben Erich Schelling” in ihrer stadtbildlichen Bedeutung für den Wiederaufbau Karlsruhes zu nennen, sagt Kabierske.

Architektenduo setzte viele Akzente

Hermann Backhaus und Harro Brosinsky hatten beide an der Technischen Hochschule Karlsruhe Architektur studiert. Das größte Beispiel ihres Wirkens, welches das Karlsruher Stadtbild mitprägt, ist die Nordstadt, die von 1950 bis 1955 als Paul-Revere-Village für die amerikanischen Truppen an der Erzbergerstraße entstand. Auch die Wohnbebauung Mühlburger Feld mit zwei Hochhäusern am Entenfang hat dieses Duo geplant. Gleiches gilt für die Gebäude von Schwabe und Gritzner in Durlach sowie den Studiobau des SWR an der Kriegsstraße.

Herausragend ist ihre Bedeutung für Karlsruhe aber besonders durch die neue Synagoge 1972 am Rand der Nordstadt sowie eben die Industrie- und Handelskammer am Friedrichsplatz. Der fünfgeschossige Stahlbetonskelettbau mit der Rasterfassade wurde übrigens ab 1997 von Erich Schneider-Wessling modernisiert.

Der Erweiterungsbau des Hauses der Wirtschaft nach dem Plan des bedeutenden Kölner Baukünstlers entlang der Erbprinzenstraße war im Jahr 2000 fertig. Der Neubau kostete 31 Millionen, die Modernisierung des Altbaus zwei Millionen Euro.

nach oben Zurück zum Seitenanfang