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Führung durch die Geschichte

In den Schutzräumen galt die Regelung: Überleben statt Komfort

Bei einer Führung der Zivilschutzanlage in der Pulitzerstraße zeigt Renate Straub wie das Leben im Bunker aussehen würde.

Renate Straub zeigt Teilnehmer Daniel Baur eine Handpumpe für den Luftaustausch im Bunker.
Renate Straub zeigt Teilnehmer Daniel Baur eine Handpumpe für den Luftaustausch im Bunker. Foto: Jörg Donecker

Kinder spielen, Vögel zwitschern. Die Atmosphäre hat in diesem Moment fast schon etwas Surreales. Nach 90 Minuten im Untergrund, nach einer Tour durch die ehemalige Zivilschutz-Mehrzweckanlage in der Putlitzstraße, nach 90 Minuten, in denen man versucht hat sich vorzustellen, wie es wäre, tatsächlich über längere Zeit mit über 2.000 Menschen in solch einer Anlage zu (über)leben, wird um so deutlicher, was das Wort Frieden bedeutet.

Vor einem halben Jahr wurde dieses Relikt aus dem Kalten Krieg, dass in Friedenszeiten als Tiefgarage genutzt wird, noch mit ganz anderen Augen, mit vermutlich ungläubigem Gesichtsausdruck betrachtet. Doch inzwischen ist Krieg in der Ukraine. Das Interesse an Führungen durch solche Schutzräume habe zugenommen, bestätigt Renate Straub von Stattreisen Karlsruhe. Vor allem Gruppenführungen sind es, die nachgefragt werden.

Am Montag war es eine „normale“ Tour, so wie sie mehrmals jährlich angeboten wird. Ein buntes Grüppchen hat sich versammelt. Ein ehemaliger Bewohner des Wohnblocks, der hier in den 80er Jahren entstand, eine Frau aus der Nachbarschaft, die hier einen Stellplatz für ihr Auto angemietet hat, Studierende, Pärchen. Sie hören, dass der Schutzraum nur begrenzten Schutz gegeben hätte. Gegen einen Bomben- oder Raketeneinschlag hätte die nur 40 Zentimeter dicke Decke nicht ausgereicht. „Sechs Meter dick, müsste die Betondecke sein, um einer Bombe zu widerstehen“, sagt Straub. Die Schutzanlage war nur dazu da, um Menschen vor herumfliegenden Splittern, vor Trümmern, Hitze und gegebenenfalls atomarer Strahlung zu schützen.

Der Lebensalltag im Bunker in der Pulitzerstraße

Luftfilteranlagen hätten für saubere Atemluft gesorgt, dicke Stahltüren wären zum Schutz geschlossen worden und mit Überdruck sollte verhindert werden, dass schädliche Gase in die Schutzräume gelangen. Für Stromausfälle gab es ein Notstromaggregat. Maximal zwei Wochen lang hätten hier über 2.200 Menschen im Extremfall ausharren können, verteilt auf zwei Ebenen und unter Bedingungen, die man sich lieber nicht vorstellen mag. Nur für ein Drittel der Schutzsuchenden wären Doppelstockliegen vorhanden gewesen, geschlafen worden wäre rollierend im Achtstunden-Rhythmus. Pro Person hätte es täglich nur 2,5 Liter Wasser gegeben. „Für alles“, stellt Straub klar.

Die Hygiene hätte gelitten. Pro Stockwerk war auch lediglich eine kleine Notküche mit zwei Kochplatten eingeplant. Dazu ein Arztbereich plus Krankenstation. Und 29 Campingtoiletten pro Etage, die durch Plastikvorhänge voneinander abgetrennt worden wären. Mehrere 10.000 Plastiktüten lagen bereit, die man in diese Toiletten eingespannt hätte und die man nach vollbrachtem „Geschäft“ in größere Müllsäcke entsorgt hätte. „Es ging hier nur ums Überleben, nicht um Komfort“, stellt Straub klar.

Nutzung der Zivilschutzanlagen über die Jahre

Gebaut wurden Zivilschutz-Mehrzweckanlagen verstärkt ab der Kubakrise im Jahr 1962 bis zum Mauerfall. Danach wurde nur noch vollendet, was bereits genehmigt war. Die Kriegsgefahr schien gebannt. Karlsruhe hatte damals mehr als 30 solcher Anlagen, in denen für rund 25 Prozent der Einwohner Platz gewesen wäre.

Bis 2007 wurden die Schutzräume noch regelmäßig gewartet, danach war Schluss. Die Räumlichkeiten werden seither nach und nach entwidmet und die Eigentümer können dann bauliche Veränderungen vornehmen. Dass diese Anlagen kurzfristig reaktiviert werden könnten, bezweifelt Straub. Mit der Mehrzweckanlage in der Putlitzstraße konnte dank der Ardensia, der ehemaligen Baugenossenschaft „Familienheim Karlsruhe“, wenigstens eine Zivilschutzanlage erhalten werden. Als Relikt aus Zeiten des Kalten Kriegs.

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