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„Weinbrenner im Schlachthof“

Markgräfliches Palais in Karlsruhe: Noch immer gehen die Meinungen weit auseinander

Beim Stadtbauforum geht es um den Umgang Karlsruhes mit seinem Baumeister Friedrich Weinbrenner. Gleich zum Auftakt der Veranstaltung hagelt es heftige Worte der Kritik.

Stadtbauforum im Schlachthofareal mit Markus Brock, Anke Karmann-Woessner, Daniel Fluhrer, Ulrich Maximilian Schumann, Clemens Kieser.
Beim Stadtbauforum im Schlachthofareal diskutieren unter Moderation von Markus Brock Anke Karmann-Woessner vom Stadtplanungsamt, Karlsruhes Baubürgermeister Daniel Fluhrer, Ulrich Maximilian Schumann von der Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft und Clemens Kieser vom Landesamt für Denkmalpflege (von links). Foto: Jörg Donecker

„Weinbrenner im Schlachthof“: Der Titel, unter dem das Stadtbauforum stand, sei augenzwinkernd gemeint, ließ Baubürgermeister Daniel Fluhrer (parteilos) eingangs wissen.

Die Überschrift sollte demnach die Debatte anfachen und namentlich dem Diskurs um das Markgräfliche Palais mit dosierter Ironie zu neuer Lebendigkeit verhelfen. Dass es der Diskussion jedoch überhaupt nicht an Vitalität fehlt, machte sogleich Ulrich Maximilian Schumann deutlich. Heftig teilte er aus.

Schumann teilt heftig aus

Der Präsident der Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft beklagte mit Blick auf das Schicksal des Palais am Rondellplatz eine Missachtung, ja eine Zerstörung des Erbes von Weinbrenner. Und attestierte der Stadtverwaltung eine fehlerhafte Informationspolitik: Gespräche zwischen den Kritikern des Bauprojekts auf der einen und den Bauherren und Planern auf der anderen Seite, wie sie Bürgermeister Fluhrer vermittelt haben will, habe es nie gegeben. Frei erfunden sei die Behauptung, bekräftigte Schumann. Und für das Palais sei es ohnehin „längst zu spät“.

Umbauarbeiten am Rondell Markgräfliches Palais in Karlsruhe
Beim Markgräflichen Palais nahe dem Rondellplatz sind die Rückbauarbeiten in vollem Gang. Der Neubau, den die als Eigentümerin verantwortliche PDS Bank errichtet, soll das Erbe von Friedrich Weinbrenner wahren. Foto: Rake Hora /BNN

Damit war die Frontstellung klar an diesem Abend. Angekündigt war er als Experten-Diskussion über die Frage, wie Karlsruhe angemessen mit seinem baukulturellen Erbe umgeht. Hätte die Stadt das Markgräfliche Palais nicht anstelle der PSD Bank erwerben müssen? Diese oft gestellte und von Kritikern als zentrales Problem ausgemachte Frage griff Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) gleich eingangs auf. Man habe den Stich nicht machen können.

Umbauarbeiten am Rondell Markgräfliches Palais in Karlsruhe
Nach wie vor gibt es deutliche Meinungsverschiedenheiten darüber, ob der Umgang von Bauherr und Architekt mit dem Markgräflich-Hochbergschen Palais sachgerecht ist oder nicht. Foto: Rake Hora /BNN

Karlsruher Bürgermeister äußern sich beschwichtigend

Folgt man dem OB, so sind die nun unter der Ägide der PSD Bank erzielten Ergebnisse jedoch „sehr überzeugend“. Und im Übrigen, so betonte Mentrup, sei ja lediglich der Mittelbau des Palais als historisch zu betrachten.

Beschwichtigend äußerte sich auch Baubürgermeister Fluhrer. „Es gibt heute Abend kein Richtig oder Falsch“, sagte er. Man wolle auch „kein Bashing“. Die Entwürfe sowohl für das Markgräfliche Palais, als auch für das Forum St. Stephan seien richtig gut. Dagegen sprechen Kritiker mit Blick auf das Palais enttäuscht von beliebiger „Investoren-Architektur“.

Erkennbar waren die Würdenträger der Stadtverwaltung beim Stadtbauforum darum bemüht, einen FAZ-Artikel vom März dieses Jahres zu entkräften. Ihm zufolge ist Karlsruhe dabei, seine Geschichte zu verscherbeln. Bürgermeister Fluhrer erkannte darin lediglich Polemik, die Chefin des Stadtplanungsamts, Anke Karmann-Woessner mochte der These ebenfalls nicht folgen.

Dagegen beklagte in einer Videobotschaft Bernhard Markgraf von Baden, die jetzige Diskussion komme „leider wieder mal viel zu spät“. Er sei kein Gegner moderner Architektur, sagte der Chef des Hauses Baden. Aber er sei eben für Weinbrenner und für Karlsruhe. „Sie sind die Ecksteine unserer Identität.“

26.07.2023 Ständehausstraße mit St. Stephan in Karlsruhe
Die städtebauliche Situation um der einst von Friedrich Weinbrenner gebauten Stephanskirche ist komplex. Foto: Rake Hora /BNN

„Etwas erschreckt“ über den Auftakt der Forumsveranstaltung zeigte sich Volker Staab. Er verantwortet mit seinem Büro Staab Architekten Berlin die Planung für das Markgräfliche Palais. In seinem Vortrag betonte er die Notwendigkeit, eine Balance für ein solches Projekt zu finden.

Einerseits müsse der Bauherr das Projekt wirtschaftlich gestalten, andererseits müssten denkmalpflegerische und architekturhistorische Belange berücksichtigt werden. Er persönlich hätte sich auch Flügel von geringerer Baumasse vorstellen können. Die Anforderungen hätten aber dagegen gesprochen. Der Umstand, dass der gesamte Mittelbau des Palais in Zukunft öffentlich nutzbar werde, sei jedenfalls gewiss in Friedrich Weinbrenners Sinn.

Ständehausstraße mit St. Stephan in Karlsruhe
Das Geviert rund um die katholische Kirche St. Stephan steht vor einer Neuordnung. Beim Stadtbauforum standen die dafür Verantwortlichen Rede und Antwort. Foto: Rake Hora /BNN

„Architektonische Mega-Strukturen“

Weinbrenner-Experte Schumann kritisierte, der historische Portikus des Palais sei „eine Brosche“, die in architektonische Mega-Strukturen eingearbeitet sei. Die Maxime müsse sein, „das Alte durch das Neue lesbar zu machen und umgekehrt“. Das sieht er nicht gewährleistet. „Eine Stadt stellt kein Museum dar“, gab hingegen der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, Markus Müller, zu bedenken.

Clemens Kieser vom Landesamt für Denkmalpflege sagte: „Wir sind dafür, das Bestehende zu schützen und das Neue zu begrüßen.“ Bernhard Slavetinsky, als Vorstandschef der PSD Bank zugleich Bauherr, versicherte, man nehme das baugeschichtliche Erbe ernst. Er machte aber auch kein Geheimnis daraus, dass seine Priorität die „vermietbare Fläche“ sei.

Detailreiche Erörterungen

In detailreichen Erörterungen rund um das Palais diskutierten die Teilnehmer des Forums streitig unter anderem Baufluchten, das Fehlen einer Fuge zwischen Mittelteil und Flügeln, die Beschaffenheit der Fassaden sowie die vorgesehene Ausformung der Dachlandschaft. Nur wenig Zeit blieb am Schluss für das zweite Projekt, das Forum St. Stephan. „Der Abend war überflüssig“, bilanzierte am Ende der Architekturhistoriker und einstige Stadtkonservator Gerhard Kabierske gegenüber dieser Redaktion. „Die Diskussion hätte vor einem Jahr stattfinden müssen.“

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