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Jahresrückblick – April bis Juni

Verklebte Schienen in Karlsruhe: Auch die Suche nach den Ursachen ist zäh

Klebrige Bitumen-Reste legen im Juni tagelang den Schienenverkehr in Karlsruhe lahm. Die Reinigung der Gleise gestaltet sich ebenso zäh wie die Suche nach den Ursachen.

Stefan Oberacker
Stefan Oberacker von der Bahnmeisterei der Verkehrsbetriebe ist im Sommer mit der anstrengenden Reinigung des Gleisnetzes beschäftigt. Foto: Jörg Donecker

Spachtel und Unkrautschaber sind Mitte Juni die wichtigsten Arbeitsgeräte von Stefan Oberacker. Damit rückt der Mitarbeiter der Bahnmeisterei bei den Verkehrsbetrieben Karlsruhe den klebrigen Bitumen-Resten auf den Gleisen im ganzen Stadtgebiet zu Leibe.

„Das war körperlich extrem herausfordernd“, erzählt Oberacker. Mehrere Tage und Nächte trotzt er den Strapazen bei tropischen Temperaturen. Schmerzen an Händen und Schultern werden ignoriert, Überstunden nicht mehr gezählt.

Oberacker ist einer der internen und externen Mitarbeiter, die im Sommer mit der Reinigung von Gleisen und Bahnen beschäftigt sind.

Zähflüssige Masse auf Schienen und Bahnen in Karlsruhe

Am Dienstag, 15. Juni, berichtet ein aufmerksamer Bahnfahrer gegen 16.30 Uhr zum ersten Mal von der zähflüssigen Masse auf den Gleisen. Es bleibt nicht die einzige Meldung. Im gesamten Stadtgebiet wird das teerähnliche Bitumen auf den Gleisen entdeckt. Um 18 Uhr ziehen die Verkehrsbetriebe Karlsruhe die Notbremse und stellen den Schienenverkehr in Karlsruhe ein.

Bereits am nächsten Tag bitten die Verkehrsbetriebe mit Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) zu einer Pressekonferenz und informieren über den aktuellen Sachstand des Schienenchaos.

Erste Gerüchte zu Pfusch am Bau nach Schienenchaos

Vergussmasse, die zwischen Gleisen und Straße verlegt wird, ist an mehreren Stellen weich geworden und wird anschließend von Bahnen im gesamten städtischen Gleisnetz verteilt. Über das wahre Ausmaß des Schadens können die Experten zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren.

Und auch wenn bereits Gerüchte über fehlerhaftes Material oder Pfusch am Bau die Runde machen, sind die Ursachen für das Chaos noch nicht bekannt. Klar ist lediglich, dass die Fehler bei Baumaßnahmen aus dem Vorjahr gemacht wurden.

Reinigung der verklebten Schienen in Karlsruhe erfordert viel Handarbeit

Die Reinigung von Bahnen und Gleisen gestaltet sich in den Tagen darauf selbst mit der tatkräftigen Unterstützung vom Technischen Hilfswerk und von mehreren Spezialfirmen ebenso so zäh wie das Bitumen. „Alles musste händisch nachgearbeitet werden“, sagt Oberacker. Fast täglich werden Streckensperrungen verlängert und erst ein Monat nach Beginn des Schienenchaos sind so gut wie alle innerstädtischen Verbindungen wieder befahrbar.

Der Grund für das Chaos steht aber noch immer nicht fest. Die Ursachenforschung läuft zu diesem Zeitpunkt zwar bereits auf Hochtouren – aber Gutachten brauchen Zeit und Zwischenergebnisse werden weder öffentlich bekannt gegeben noch von Insidern an die Presse durchgestochen. Geheimhaltung wird in diesem Fall auch wegen der Haftungsfragen großgeschrieben.

Keine Parallelen zu ähnlichen Vorfällen in anderen Städten

Bei der Suche nach dem Grund für das Chaos werfen die Verkehrsbetriebe den Blick auch über die Stadtgrenzen hinaus. In Heidelberg reißt eine Straßenbahn im Juli 2011 Vergussmasse aus dem Boden und legt eine Linie wochenlang lahm. In Essen wird im Sommer 2015 ebenso wie in Karlsruhe Bitumen von Bahnen über das gesamte Schienennetz verteilt. Außer den hochsommerlichen Temperaturen gibt es bei diesen Vorfällen aber keine Gemeinsamkeiten mit dem Vorfall in Karlsruhe.

Kosten nach Schienenchaos in Karlsruhe stehen bis heute nicht fest

Ab Mitte Juli gehen die Verkehrsbetriebe zur Tagesordnung über. Die Bahnen rollen wieder durch Karlsruhe und mit der Turmbergbahn und der nahenden Eröffnung der Kombilösung stehen wichtigere Projekte auf dem Programm. Was das Schienenchaos die Verkehrsbetriebe gekostet hat, steht auch Ende des Sommers noch nicht fest.

Relativ schnell wird die Summe von einer Million Euro für die Reinigung der Gleise und Bahnen kommuniziert. Mit einer detaillierten Auflistung lassen die Verkehrsbetriebe aber ebenso auf sich warten wie mit vorläufigen Untersuchungsergebnissen. Die Kommunalpolitik macht ebenfalls keinen öffentlichen Druck.

Die Gelassenheit hat ihren Grund: Die Verantwortung für das Chaos trägt nach Einschätzung der Verkehrsbetriebe ein Generalunternehmer. Wer am Ende tatsächlich für die Schäden aufkommen muss, die Lieferanten des Materials oder die Bauunternehmen, die es verlegt haben, wird derzeit von Materialwissenschaftlern der Universität Stuttgart untersucht.

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