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Gegen tägliche Belästigung

Junge Karlsruher wollen mit Video die schweigenden Männer aufrütteln

Es ist die alltägliche Belästigung von Frauen und Mädchen, die Aurelia Schierle nicht mehr hinnehmen will. Mit Freunden hat die Karlsruher Abiturientin das Video-Projekt „Boys Talk“ geschaffen.
3 Minuten
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Der Überraschungseffekt stellt sich gleich in der ersten Video-Szene ein. „Klara, 16“ steht da in leuchtend gelben Buchstaben geschrieben. Und es tritt auf: ein junger Mann.

Er blickt direkt in die Kamera. „Ich habe einmal in einem Biergarten als Kellnerin gearbeitet“, sagt er. „Eines Abends bediente ich eine Gruppe von Männern, die einen Junggesellenabschied feierte. Als ich gerade dabei war, die Getränke abzustellen, griff einer von ihnen in meine Hose und zog meine Unterhose hervor. Er fragte mich, ob er sie durchschneiden könnte. Ich wich total entsetzt zurück und war schockiert. Doch der Mann konnte nur entgegnen, dass man damit rechnen müsse, wenn man so geil sei.“

Dann erzählt der junge Mann auch noch, wie es weiterging, als Klara ihrem Chef von dem Übergriff erzählte. Der Biergartenbesitzer meinte lediglich, sie solle eine Ersatzbedienung für die Junggesellen-Party finden. „Die Männer haben weitergefeiert“, sagt der junge Mann vor der Kamera. „Ich war 16.“

Die Selbstverständlichkeit, mit der solche Attacken auf junge Frauen hingenommen werden – genau sie ist der Grund dafür, dass ein Mann vor der Kamera in Klaras Rolle schlüpft. Dieser Perspektivwechsel soll aufrütteln. „Boys Talk“ (deutsch: Jungs reden) heißt der Titel des Videos. Es ist ein Projekt der Karlsruher Abiturientin Aurelia Schierle und ihrer Freunde.

Beste Kumpel werden zu Grapschern

Junge Männer erzählen darin die wahren Geschichten von sexuellen Belästigungen und Angriffen, die Mädchen und junge Frauen in ihrem Alltag ertragen mussten. „Es ist schon erschreckend, wenn man merkt: Fast jede Frau, fast jedes Mädchen, mit dem man spricht, hatte ähnliche Erlebnisse“, sagt Schierle.

Partys, auf denen vermeintlich beste Kumpels zu üblen Grapschern werden. Dreizehnjährige Mädchen, die geschockt sind, weil ein wildfremder Mann ihnen Intim-Fotos schickt. Junge Frauen, denen Männer auf offener Straße derbe, obszöne Anzüglichkeiten hinterherrufen.

Die Karlsruher Abiturientin Aurelia Schierle initiierte ein Video-Projekt gegen sexuelle Gewalt. Foto: Schierle

Viele solcher Berichte hat die junge Karlsruherin gesammelt. „Die Täter fühlen sich sehr oft gar nicht belastet“, meint die Abiturientin. „Und Männer, die untätig dabeistehen, wenn Frauen beleidigt und belästigt werden, machen sich mitschuldig.“

Oft reagierten Zeugen mit einem Schulterzucken, nach dem Motto: „So ist es halt, da kann man nichts machen.“ Gemeinsam mit ihrer Freundin Shireen Hoeck beschloss Schierle: Doch, da kann man etwas machen. Im Internet – dem Ort so vieler Belästigungen – wollten sie sozusagen zurückschlagen.

Es ist die Aufgabe der Männer, das Ganze zu stoppen.
Aurelia Schierle, Initiatorin des Video-Projekts „Boys Talk“

Sie trommelten junge Männer aus dem Freundeskreis zusammen. Mathis Hauter sorgte für den Schnitt. Sechs Jungs sprachen einige ausgewählte Geschichten vor der Kamera von Hoeck ein. Denn eines wollten sie und Schierle gerade nicht: Frauen in der Opferrolle inszenieren.

Weil Opfer oft noch verspottet werden. Weil viele Männer bei solchen Frauenerzählungen abschalten. „Ich glaube, sie fühlen sich oft nicht angesprochen, weil sie selbst nicht die Täter sind“, sagt Schierle. „Aber es ist die Aufgabe der Männer, das Ganze zu stoppen.“

Richard Wagner (20) ist einer der jungen Männer, die im Video mitwirken. „Wir haben die Hoffnung, dass Männer und Jungs nicht wegklicken, wenn wir Gleichaltrige diese Geschichten erzählen“, sagt Schierles Freund. Er spricht im Film für die 17-jährige Leonie, die auf einer Party grob belästigt wurde. Der Gastgeber sagte damals dazu nur: Der Täter mache öfter „solche Sachen“.



Mädchen vertrauen sich bei Belästigung oft nur Mädchen an

Es sei eine eindringliche Erfahrung gewesen, die Erlebnisse der Mädchen vor der Kamera zu schildern, sagt Wagner: „Sobald man es ausspricht, hat man die Geschichte im Kopf.“ Bei dem Projekt sei ihm erst richtig bewusst geworden, wie allgegenwärtig das Problem ist – und dass liberale und progressive Studenten wie er manchmal in einer Art „Blase“ lebten.

„Es hat mich betroffen gemacht, dass es auch Kumpels von mir sein könnten, die sich so verhalten“, sagt Wagner. „Mädchen reden oft untereinander über solche Erlebnisse, aber in der WG oder bei Treffen im Park ist das kaum ein Thema.“

Männer, die so etwas machen, nehmen es viel ernster, wenn ein anderer Mann sagt: ,Was war denn das? Entschuldige dich!‘
Aurelia Schierle

Klar, fast Jeder habe in der Jungs-Umkleide erlebt, dass solche Sprüche fallen: „Haste gesehen, was die gepostet hat – und was die anhatte?“ Oder dass es über Belästigungsopfer heißt: „Die ist doch selber schuld.“ Meist aber würden solche abwertenden und anzüglichen Sprüche in Männerrunden „weggelacht“, stellt Wagner fest.

Das Video-Projekt habe ihm verdeutlicht, wie wichtig es sei, dass Frauen und Männer miteinander über die schockierenden Erlebnisse sprechen, ja, dass Männer zuhören – und im Alltag genau hinhören, den Tätern widersprechen: „Es braucht eben doch männliche Unterstützung, um dieser männlichen Gewalt entgegenzuwirken.“

Initiatorin Schierle sagt, es sei eine traurige Wahrheit, dass die frauenverachtenden Täter eher das Wort eines Mannes akzeptierten. „Männer, die so etwas machen, nehmen es viel ernster, wenn ein anderer Mann sagt: ,Was war denn das? Entschuldige dich!‘“

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