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Für viele ein Feindbild?

Junge Polizisten aus Karlsruhe lieben ihren Job trotz fehlenden Respekts

Jacqueline Stotzt und Sebastian Lehn mögen ihren Beruf, auch wenn es ihnen nicht immer leicht gemacht wird. Zu Besuch beim Einsatzzug Karlsruhe.

Jacqueline Stotzt und Sebastian Lehn sind dem Einsatzzug Karlsruhe zugeordnet. Foto: Uli Deck/ARTIS

„Mann wirft mit Mülleimer und bespuckt Polizeibeamtin.“ Sätze wie dieser sind immer häufiger in Polizeimeldungen zu lesen. So beispielsweise vor wenigen Tagen in Karlsruhe. Oder: „Nachdem die Polizei einen stark alkoholisierten Radfahrer kontrolliert und zur Dienststelle gebracht hatte, griff der Mann einen Polizeibeamten an und verletzte ihn schwer. Der Polizist befindet sich seitdem im Krankenhaus.“

Bundesweit trägt sich Erschütterndes zu. Das Bundeslagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamten” des Bundeskriminalamtes (BKA) zeigt: Die Ordnungshüter werden mittlerweile mit Steinen beworfen, mit Messern und Eisenstangen angegriffen, getreten und geschlagen. Dennoch entscheiden sich viele junge Menschen ganz bewusst für eine Ausbildung bei dem Auge des Gesetzes.

Junge Polizeiobermeister haben auch schon negative Erfahrungen gemacht

Jacqueline Stotz und Sebastian Lehn würden es sogar immer wieder tun. Die 23-Jährige ist seit viereinhalb, der 25-Jährige seit dreieinhalb Jahren im Dienst. Heute haben beide den Grad Polizeiobermeister inne und sind dem „Einsatzzug Karlsruhe” zugeteilt. Und hier ist „kein Tag wie der andere“, sagt Sebastian Lehn.

Denn die jungen Leute werden zu den unterschiedlichsten Einsätzen gerufen und für vielseitige Arbeiten eingeteilt. Mal gehen sie nur auf Streife in der Stadt, mal helfen sie bei der Absicherung eines Gebietes im Umland. „Wir haben beide schon unsere negativen Erfahrungen gemacht”, erklärt der Polizist.

Doch davon würde sich das Duo nicht abschrecken lassen. Besonnen zu agieren haben sie sich zur Königsdisziplin gemacht. „Einen kühlen Kopf bewahren ist wichtig”, fährt Sebastian Lehn fort - und das ist auch wichtig. Ist die Polizeigewalt doch nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland ein Thema.

Was die beiden daher besonders schätzen, das seien „normale Gespräche mit Passanten“, wie Sebastian Lehn sagt. Denn die seien leider selten. „Ich verstehe mich als Freund und Helfer und freue mich, wenn ich als dieser auch wahrgenommen werde.“ Oft seien die Menschen aber ängstlich, würden erschrecken, wenn der uniformierte Trupp des Weges kommt.

Es gab noch nie einen Moment, in dem ich Angst hatte oder meine Berufsentscheidung bereut hätte.
Jacqueline Stotzt

Anderen wiederum mangele es an Respekt. Anfeindungen und Pöbeleien seien keine Seltenheit. „Auch wir werden beschimpft, an unserer Arbeit gehindert”, erzählt Jacqueline Stotz. Aber: „es gab aber noch nie einen Moment, in dem ich Angst hatte, oder meine Berufsentscheidung bereut hätte.” Im Gegenteil: „Ich bin ja Polizisten geworden, um einzuschreiten, um zu schlichten, um zu helfen.“

Auch von der Familie gab es nie Bedenken. „Meine Angehörigen unterstützen mich, wo es nur geht. Sie wollen ja auch, dass ich einen Job habe, den ich gerne mache und für den ich jeden Tag gerne aufstehe.“ Und das sei bis heute definitiv so. Besonders der Urgroßvater sei zu Lebzeiten stolz auf seine Enkeltochter gewesen: „Weil er früher selbst bei der Polizei war, als Dolmetscher“, fährt Stotz fort.

Als kleines Mädchen habe sie das schon spannend gefunden, entschied sich daher, ein Praktikum bei den Ordnungshütern zu machen. „Das würde ich jedem ans Herz legen, der mit dem Gedanken spielt, zur Polizei zu gehen“, sagt sie. Dennoch: Die Zeiten werden härter. Die Gewaltbereitschaft vieler Menschen nimmt zu.

Täglich Hunderte Angriffe gegen Polizisten

Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, fasst das Ausmaß der Gräueltaten zusammen: „Jeden Tag werden in Deutschland durchschnittlich 200 Polizisten Opfer von Gewalt. Taten, die bestürzen, die konsequent geahndet werden müssen.” Wie das aktuelle Lagebild zeigt, wurden im Vorjahr 69.466 Ordnungshüter Opfer von Widerstandshandlungen und tätlichen Angriffen. Insgesamt bedeutet das eine Zunahme von Übergriffen um 5,4 Prozent im Vergleich zum Jahr 2018.

Sebastian Lehn und Jacqueline Stotz aber lassen sich nicht unterkriegen. Denn die beiden Polizisten haben es sich mit ihrem Einsatztrupp zur Aufgabe gemacht, Anstand und den friedvollen Umgang zu wahren. „Wenn die Polizei dafür nicht eintritt, wer dann?“, fragt Lehn. Unterstützer könnten sie aber jeder Zeit gebrauchen. Deshalb wirbt er dafür, sein Kollege zu werden. „Wer es sich vorstellen könnte, der kann die Polizisten auch einfach mal ansprechen. Wir helfen gerne.“

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