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Digitaltechnik oder Mechanik?

Karlsruher Fachleute: Die Smartwatch kann es gegen Uhrmacherkunst nicht aufnehmen

Läuft die mit dem Internet verbundene Smartwatch der traditionellen mechanischen Nobeluhr den Rang ab? Bei den Konzessionären und auf den Online-Marktplätzen will man von einem Rückgang des Interesses an Rolex & Co. nichts wissen.

Ein Mann hält eine Smartwatch (rechts) und eine klassische Armbanduhr in der Hand. Foto: Jörg Donecker

Charlotte Pereira ist begeistert. „Als Digital-Native kann ich mich total an diesem Stück Technik berauschen“, sagt die KIT-Studentin. Dann zieht sie den linken Ärmel ihres Hoodies hoch. Zum Vorschein kommt eine so genannte Apple Watch. Das ist eine Mischung aus Armbanduhr und Kleincomputer von äußerst reduziertem Design: Ein flachgedrückter Quader mit abgerundeten Ecken und mattschwarzem Finish, seitlich eine drehbare Krone.

Das unscheinbare Gerätchen kann alles, kommt die junge Frau ins Schwärmen: Es misst die Herzfrequenz, tut Nachrichten aus dem Internet kund, verwaltet Termine und versorgt seine Trägerin mit Twitter-Posts. Ach ja: Die Uhrzeit anzeigen kann es auch. „Ganz viele meiner Freunde haben jetzt eine Smartwatch“, sagt die Studentin.

Ungebrochene Begehrlichkeit

Dass schlaue Uhren wie das 2015 erstmals vorgestellte Modell des Iphone-Herstellers aus dem kalifornischen Cupertino weit verbreitet sind, ist auch Lars Liedke nicht entgangen. „Dieser Trend hat sicher seine Berechtigung“, sagt der Mitinhaber des Traditionsjuwelierhauses Kamphues in der Kaiserstraße.

Dass die Smartwatch - es gibt auch Modelle von Herstellern wie Samsung, Garmin oder TAG Heuer - der hochwertigen mechanischen Uhr den Rang ablaufen könnte, sieht der Experte allerdings nicht. Zwar kann ein Schweizer Chronometer etwa des Marktführers Rolex theoretisch zwar weniger als eine mit dem Internet verbundene elektronische Smartwatch. Was an ihrer Begehrlichkeit jedoch nichts ändere.

„Wir haben eine lange Warteliste speziell für Rolex-Uhren“, erläutert Liedke. Die Nachfrage nach einzelnen Modellen sei deutlich höher als das Angebot. Auch der Boom von schlauen Uhren wie der Apple Watch ändere daran nichts.

Luxusuhren sind mechanisch

Das bestätigt Daniel Feld, Pressesprecher des in Karlsruhe ansässigen Online-Portals „Chrono 24“. Das Portal, das sich als Marktplatz für Luxusuhren versteht, hat aktuell rund eine halbe Million Armbanduhren von hohem Niveau im Angebot, lediglich 500 Stück sind Smartwatches.

Während der Durchschnittspreis der auf „Chrono 24“ veräußerten Armbanduhren bei etwa 7.000 Euro liegt, ist eine elektronische und internetfähige Uhr bereits für deutlich weniger als 1.000 Euro zu haben. Vor allem auf lange Sicht sind bestimmte Modelle gesuchter Marken kaum zu schlagen. Während elektronische Exemplare absehbar einem deutlichen Wertverlust unterliegen, steigt eine Rolex oft über viele Jahre im Wert.

Omega statt Ostafrika

Kapital sei grundsätzlich vorhanden, hat Daniel Feld beobachtet, ebenso das Interesse an noblen Chronometern von zumeist Schweizer Herstellern wie Rolex, Jaeger le Coultre oder Omega.

Das Geschäft mit den mechanischen Preziosen boomt ihm zufolge auch deshalb, weil es „Ausgaben-Verschiebungen“ gegeben habe: „Wenn in diesem Jahr der große Sommerurlaub nicht stattfinden konnte, setzen manche eben auf ein anderes emotionales Produkt: Omega statt Ostafrika.“

Bewusstsein fürs Handgelenk

Ganz grundsätzlich stellen Fachleute wie Daniel Feld ein wieder „gewachsenes Bewusstsein für das Handgelenk“ fest - auch bei jungen Leuten. Da seien Armbanduhren renommierter Hersteller mit großem Erkennungseffekt und Kultstatus gefragter denn je. Andere sprechen auch von einem Angeber-Faktor: Die Armbanduhr als tragbares Schmuckstück muss eine entsprechende Außenwirkung entfalten.

Mich faszinieren Design, Materialien und die Mechanik.
Hüseyin Semircök , Uhrenliebhaber

Solche Überlegungen weist Hüseyin Semircök weit von sich. Der Karlsruher ist Informatiker und hat beides: Eine Apple Watch und eine Kollektion mehrerer Chronometer von Herstellern wie Rolex, IWC und Panerai. „Mich faszinieren Design, Materialien und die Mechanik“, sagt der Liebhaber. Vielleicht auch gerade deshalb, weil so ein handgemachtes Chronometer die Gegenwelt zu seinem von Software-Programmen dominierten Berufsalltag ist.

Keine Konkurrenz

Sowohl Smartwatch als auch klassische mechanische Armbanduhr sind auch bei Juwelier Pletzsch in der Kaiserstraße zu haben. Man sehe beides nicht als Konkurrenz, erklärt das Personal; bei der Kundschaft stehe die hergebrachte Uhrmacherkunst weiterhin hoch im Kurs. Die Entscheidung für eine bestimmte Armbanduhr entspreche oft auch dem Lebensgefühl in einem bestimmten Lebensabschnitt, hat man im Hause Pletzsch festgestellt.

Dass die Smartwatch dem in Handarbeit gefertigten mechanischen Klassiker aber den Rang ablaufe, das stehe nicht zu befürchten. Für Elektronik-Freunde wie der Studentin Charlotte Pereira soll doch jeder mit seiner individuellen Leidenschaft glücklich werden. „Für mich kommt eine Rolex vor allem aus einem Grund nicht infrage“, sagt sie. „Das billigste Modell kostet ein Vielfaches meiner Apple Watch.“

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