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Anti-Baby-Pille wird unbeliebter

Karlsruher Frauenärztin über Verhütung: „Keine Methode verteufeln”

Die Pille hat als Verhütungsmittel an Beliebtheit verloren. In den sozialen Netzwerken und auf Schulhöfen schwören junge Frauen den Hormonen ab. Das kann allerdings auch gefährlich sein, warnt eine Karlsruher Frauenärztin.

Stäbchen, Diaphragma, Pille, Spirale, Kondom oder Ring: Verhütungsmethoden gibt es zahlreiche.
Stäbchen, Diaphragma, Pille, Spirale, Kondom oder Ring: Verhütungsmethoden gibt es zahlreiche. Foto: André Rösler

Pille, Spirale, Stäbchen, Spritze, Ring, Pflaster, Kondom, Sterilisation, Diaphragma, Kupferkette und -ball: Verhütungsmethoden gibt es viele. Lange Zeit war die Hormonpille der unangefochtene Spitzenreiter, wurde Mädchen und Frauen quasi standardmäßig ab einem gewissen Alter verschrieben.

Verhütungspille wird bisweilen als „Gift“ gesehen

„Damals war es eher schwierig, die Frauen zu ermutigen, die Pille auch mal abzusetzen, wenn sie gerade in keiner Partnerschaft waren“, erinnert sich Anne Rudigier, Frauenärztin und Beraterin bei pro familia in Karlsruhe.

Diese Einstellung habe sich in den vergangenen fünf Jahren gedreht. „Jetzt wird die Pille sehr kritisch und negativ gesehen“, erzählt Rudigier und berichtet von Frauen, die sagen, sie wollten sich „dieses Gift nicht antun“.

Viele Frauen kommen in Rudigiers Beratung, nachdem sie schon fünf oder zehn Jahre lang die Pille genommen haben, und suchen nach einer Alternative.

„Ich denke, es ist normal, wenn eine Generation jahrelang sehr früh die Pille genommen hat, dass sie sich jetzt für Fruchtbarkeit und ihr eigenes Körpergefühl interessiert“, sagt die Frauenärztin.

Im Internet werden neue Verhütungsmethoden zu richtigen Trends

Über die sozialen Medien würden sich Trends außerdem sehr rasch verbreiten. „Teilweise werden dann Dinge in den Fokus gerückt, die sich noch gar nicht durch Erfahrung erprobt haben.“, warnt Rudigier. Ein Beispiel sei eine neue Verhütungsmethode namens „Kupferball“. Ohne Hormone soll er auskommen und anders als die Kupferkette auch ohne eine Verankerung in der Gebärmutterschleimhaut.

„Mit dieser Methode wird noch Erfahrung gesammelt. Der Kupferperlenball wird noch wenig eingesetzt“, erklärt Rudigier. „Er kann verrutschen, so dass viele Kollegen lieber bei den bewährten Kupferspiralen bleiben.“

Verhütungsspiralen nun auch für junge Frauen

Diese seien als Alternative zur Hormonpille in den vergangenen Jahren beliebter geworden. „Bis vor einigen Jahren war die Spirale eine Methode, die erst nach der Geburt eines Kindes gelegt wurde“, erzählt Rudigier. Jetzt sähen auch viele junge Frauen in der Spirale eine sichere Verhütungsmethode, die lange – bis zu fünf Jahre – liegen könne.

Auch das Diaphragma habe eine Renaissance erlebt. Nachdem eine gesamte Generation wenig mit den Silikonkappen anfangen konnte, die den Muttermund verdecken und mithilfe eines Milchsäure-Gels die Empfängnis verhütet, wird es nun wieder beliebter.

Begünstigt habe das laut Rudigier ein anderer Trend: „Viele Frauen benutzen Menstruationstassen. Sie haben Erfahrung damit, diese tief in die Scheide einzuführen.“ Außerdem gebe es mittlerweile ein Diaphragma, das den meisten Frauen passe, weswegen die früher unumgängliche Anpassung beim Frauenarzt wegfalle.

Spirale, Antibabypille, Hormonspritze und Hormonring sind nur einige von vielen verschiedenen Verhütungsmethoden.
Spirale, Antibabypille, Hormonspritze und Hormonring sind nur einige von vielen verschiedenen Verhütungsmethoden. Foto: xblickwinkel/McPhotox/OtfriedxSchreiterx

Frauenärzte lernen im Studium nicht die Anwendung des Diaphragmas

Das Diaphragma ist laut Anne Rudigier in den Frauenarztpraxen eine Außenseitermethode. „Es wird im Studium unter vielen Methoden nur kurz gestreift, aber es ist leider noch nicht Teil der praktischen Ausbildung.“ Deswegen zögerten viele Ärzte, zu dieser Methode zu beraten, sagt Rudigier.

Ein anderer Trend, der vor allem im Internet an Beliebtheit gewonnen hat, ist die sogenannte „natürliche Familienplanung“. Dabei messen Frauen täglich ihre Temperatur und dokumentieren den Zustand von Muttermund und Zervixschleim. So kann der Eisprung nachgewiesen werden. Sicher ist diese Methode aber nur, wenn in der fruchtbaren Zeit auf Sex verzichtet oder gleichzeitig mit Kondom und Diaphragma verhütet wird.

Man muss wirklich Lust haben, sich mit seinem Körper und dieser Methode auseinanderzusetzen.
Anne Rudigier, Frauenärztin bei pro familia Karlsruhe, über die „natürliche Familienplanung”

Die Karlsruher Frauenärztin Rudigier empfiehlt diese Methode vor allem Menschen, die in der Partnerschaft eine gute Kommunikation haben und wenig Spontanität benötigen. Und keine absolute Sicherheit brauchen – wenn sie also mit einer ungeplanten Schwangerschaft zurecht kämen, obwohl sie sich diese vielleicht nicht unbedingt wünschen.

Temperaturmethode, Apps und Zählen sind alleine nicht sicher

„Man muss wirklich Lust haben, sich mit seinem Körper und dieser Methode auseinanderzusetzen“, sagt Rudigier und warnt davor, sich auf das reine Zählen der Zyklustage oder entsprechende Handy-Apps zu verlassen. „Das ist höchst gefährlich, weil sich der Eisprung immer verschieben kann.“ Die Programme würden eine Sicherheit vortäuschen, die gar nicht gegeben ist.

Keine Methode verteufeln und keine in den Himmel loben.
Anne Rudigier, Frauenärztin bei pro familia Karlsruhe, über Verhütungsmethoden

Die richtige Verhütungsmethode zu finden, ist also gar nicht so einfach – insbesondere, wenn man Hormone meiden möchte. „Für mich ist es wichtig, von den Modebeurteilungen wegzukommen“, sagt Rudigier. Jede Frau sollte ihre individuelle Situation bewerten, „keine Methode verteufeln und keine in den Himmel loben“.

Das sei in der Vergangenheit bei der Pille oft der Fall gewesen: „Sie wurde von den jungen Frauen oft ausschließlich positiv gesehen, so dass sie gar nicht mehr als Medikament wahrgenommen wurde“. Aber das Pendel sei ins andere Extrem geschwungen. Jugendliche würden heute häufiger kritisch hinterfragen. „Dieses klare ‚Ich nehme keine Hormone, selbst wenn ich schwanger werde‘ ist stärker geworden“, berichtet Frauenärztin Rudigier.

Ärztin hält prinzipielle Ablehnung der Pille für gefährlich

„Das ist natürlich keine Richtung, die wir unterstützen.“ Sie wolle zwar niemanden zur Pille überreden. „Aber so, wie ich früher auch einmal ermuntert habe, die Pille abzusetzen, versuche ich heute, solche festen Haltungen zu hinterfragen. Weil es eben ein Trend ist.“

In einem Alter, in dem Mädchen und Frauen gar nicht so leicht auf anderweitige Weise verhüten können, sei die zunehmende prinzipielle Ablehnung von Hormonen gefährlich.

Eines allerdings hat sich laut Rudigier in den vergangenen Jahren kaum verändert: Dass Verhütung Frauensache ist. Zwar kämen gerade Jugendliche mittlerweile häufiger als Pärchen zur pro-familia-Beratung, junge Erwachsene in der Familienplanung sowieso. „Aber es ist weiterhin der Schwerpunkt, dass die Frau das Thema übernehmen muss.“

50 Jahre pro familia

Die Karlsruher Beratungsstelle von pro familia feiert im Herbst 2020 ihr 50-jähriges Bestehen. Wie die Feierlichkeiten genau aussehen werden, ist derzeit wegen der Corona-Pandemie aber noch unklar.

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