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Vakzine für Entwicklungsländer

Projekt aus Karlsruhe sammelt eine Viertelmillion Euro für Corona-Impfungen in ärmsten Ländern

Eine kleine Initiative aus Karlsruhe hat eine Viertelmillion Euro an Spendegeldern für Corona-Impfungen in ärmsten Ländern gesammelt. Mit den finanziellen Mitteln soll das internationale Hilfsprogramm Covax gestärkt werden.

Wer sich wie dieser Landwirt in Ghana gegen das Coronavirus impfen lassen kann, zählt heute insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent zu den wenigen Glücklichen. Foto: UNICEF/UN0431339/Kokoroko

Viele Menschen messen den Verlauf der Corona-Pandemie in Wellen. Gerhard Büchele hat eher das Bild eines Waldbrands vor den Augen: gefährlich, rasant, unvorhersehbar und darum schwer zu bekämpfen.

Seit Monaten beobachtet der Seniorchef einer Lufttechnik-Firma aus Karlsruhe mit Sorge, wie weltweit größere Covid-„Brandherde“ entstehen. „Jeder weiß: Ein Feuer ist erst dann gelöscht, wenn alle Glutnester zerstört sind“, sagt Büchele. „Auf Corona übertragen heißt das, dass wir die Pandemie erst dann besiegen werden, wenn nicht ständig neue Flammen aufkommen und neue Mutanten entstehen. Covax Access ist bereit, dafür weite Wege zu gehen.“

Die BNN haben im April die kleine Initiative aus Baden vorgestellt, die sich ein großes Ziel gesetzt hat. Das zwölfköpfige Kernteam um Büchele engagiert sich für die UN-Initiative Covax (Covid-19 Vaccines Global Access), die es den ärmsten Ländern ermöglichen soll, ihre Bevölkerung durch Impfungen vor Corona zu schützen. Der Karlsruher Unternehmer und seine Mitstreiter machen außerdem Druck dafür, dass die Pharmafirmen ihre Patente für die Produktion von Impfstoffen in den Entwicklungsländern freigeben, die sich in Zukunft selbst versorgen sollen.

Sechs Monate nach seinem Start hat das private Projekt, das sich mittlerweile auf drei Bundesländer erstreckt, einen ersten Meilenstein erreicht: Covax Access ist es gelungen, eine Viertelmillion Euro an Spenden für Corona-Impfungen zu sammeln, die bald dem UN-Kinderhilfswerk Unicef überreicht werden sollen. Gerhard Büchele sieht sich allerdings noch lange nicht am Ziel.

Versorgungskluft wächst weiter

„Der Impfstoff muss schnell zu den Menschen in Afrika“, forderte Ende August Kanzlerin Angela Merkel. Ihre Kritik der „dramatischen Ungerechtigkeit“ klang jedoch wie ein Lippenbekenntnis. Denn die Kluft in der Versorgung der reichen und armen Länder mit Vakzinen ist im zweiten Jahr der Pandemie nicht kleiner, sondern größer geworden. In Deutschland sind heute knapp 64 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, in Afrika sind es gerade einmal 3,6 Prozent.

Im September hat die Zahl der Corona-Infektionen auf dem Kontinent die Acht-Millionen-Marke überschritten. Die Zahl der Todesfälle beträgt rund 206.000, allerdings ist sie laut einer neuen Studie des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) stark unterschätzt. Bis September hat die Hilfsinitiative Covax lediglich 224 Millionen Dosen verteilen können, darunter 55 Millionen Dosen in Afrika. Im Spätsommer wurde bekannt, dass die afrikanischen Länder dieses Jahr 25 Prozent weniger Impfstoffe erhalten werden als geplant. Covax bleibt damit weit hinter den eigenen Erwartungen.

Indien will Vakzinexporte wieder aufnehmen

Die Gründe dafür sind die Zurückhaltung von westlichen Regierungen, verfügbare Vakzine in einem größeren Umfang abzugeben, und die Covid-Notlage in Indien, wo bislang mehr als 33 Millionen Fälle registriert wurden. Das Land ist ein Großlieferant des Covax-Programms. Jedoch hat die indische Regierung seit April die produzierten Astrazeneca-Dosen zurückgehalten, um die eigene Bevölkerung schneller impfen zu können. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Indien ab Oktober wieder liefern wird.

Wir sind eine kleine Kraft, aber wir haben etwas erreicht.
Gerhard Büchele, Unternehmer aus Karlsruhe

„Beschämend“ findet Gerhard Büchele, dass die Entwicklungsländer in der Not faktisch auf sich alleine gestellt seien. „Covax wurde gegründet, um nach einem gerechten Verteilungsschlüssel den Impfstoff allen zugänglich zu machen. Diese einmalige solidarische Aktion ist aber leider auf nationale Egoismen gestoßen und eingebrochen.“ Bei aller Enttäuschung ist der Karlsruher Lüftungsprofi stolz auf sein Projekt, das den Menschen hilft: „Wir sind eine kleine Kraft, aber wir haben etwas erreicht.“

Am Anfang sei es eine „Mission Impossible“ gewesen, erzählt der Geschäftsführer der Firma mit 100 Beschäftigten. „Niemand hat uns das zugetraut.“ Das Team aus früheren Studien- und Sportsfreunden, Rotary-Mitgliedern und Medizinern sprach zunächst Arztpraxen, Apotheken und Kirchen in der Region an, ob sie seine Spendenaktion bekannt machen könnten. Die Resonanz sei positiv gewesen.

Karlsruher Initiative wirbt in Impfzentren

Büchele schätzt, dass seine Gruppe rund 75.000 Flyer verteilt hat und etwa 1.000 Plakate aufhängen ließ – unter anderem in der Karlsruher Kunsthalle, dem Staatstheater und dem Naturkundemuseum. „Wir haben etwa ein Drittel der impfenden Arztpraxen im Großraum Karlsruhe erreicht und sämtliche Impfzentren in Baden-Württemberg“, freut sich der Projektchef. In den vergangenen Monaten weitete er seine Kampagne auch auf Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz aus.

Büchele erzählt, dass ein Großbäcker mit 180 Filialen im Rhein-Main-Gebiet seine Brötchen in rund 800.000 Tüten mit Covax-Access-Aufdruck einpacken wird. Sein nächster Schritt sei es, den Rotary-Club mit seinen 1,2 Millionen Mitgliedern ins Boot zu holen. „Sie haben weltweite Impferfahrung mit ihrer Kampagne zur Ausrottung der Kinderlähmung. Ihr hohes Ansehen in Afrika und anderswo können wir nutzen.“ Der Karlsruher möchte, dass Rotary der Impfskepsis in den Entwicklungsländern entgegenwirkt und Druck für bessere Impfstoff-Verteilung macht.

Die Bundesregierung bremst - und das ist ein echtes Problem.
Gerhard Büchele, Unternehmer aus Karlsruhe

Er findet die deutsche Haltung in dieser Frage inakzeptabel. „Macron und Biden sind dafür, die Patente für Vakzine zu öffnen und das Know-how in die Entwicklungsländer zu übertragen, aber die Bundesregierung bremst – und das ist ein echtes Problem.“

Büchele zitiert den US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: „Deutschland nimmt die Welt in Haft.“ Er hält es für falsch, Millionen ungenutzte Dosen auf Vorrat zu halten, während die meisten Menschen in Afrika gar keinen Schutz hätten. Auch die im Westen gestarteten Auffrischungsimpfungen sieht Büchele kritisch: „Dieses ,Boosten’ beansprucht 25 Prozent der Impfstoffe, die sonst an Covax gegangen wären.“

Der monatelange Einsatz im Projekt habe ihm viel Kraft abgefordert, gesteht der 71-Jährige. „Neulich haben wir überlegt, wie lange wir das noch machen.“ Die hochmotivierte Gruppe hat beschlossen, sich erst aufzulösen, sobald Covax 40 Prozent der Bevölkerung von armen Ländern geimpft hat. Es sieht so aus, als würde Gerhard Bücheles Kampf für Impfgerechtigkeit noch eine ganze Weile weitergehen.

Spenden für Impfstoffe

Die Covax-Access-Initiative freut sich nach eigenen Angaben auch über kleine Geldspenden. Spendenbescheinigungen sind ab 25 Euro erhältlich. Gespendet werden kann per Unicef-Formular auf der Webseite www.covax-access.de oder per Überweisung an: Bank für Sozialwirtschaft Köln, IBAN DE57 3702 0500 0000 3000 00. Verwendungszweck: „Unicef Corona Impfaktion“.

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