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In Südstadt und Waldstadt

Karlsruher Initiative „Sei Mensch“ verteilt in der Corona-Pandemie Lebensmittel an Bedürftige

Rund 35 Privatpersonen organisieren in der Initiative „Sei Mensch“ Lebensmittelspenden für Menschen, die sich den Einkauf im Supermarkt nicht leisten können. In der Vorweihnachtszeit haben sie ihr Angebot sogar erweitert.

Warme Mahlzeit: Neben Lebensmittel- und Kleiderspenden bekommen Bedürftige bei der Inititative „Sei Mensch“ vor der Liebfrauenkirche auch ein warmes Essen, gespendet von verschiedenen Karlsruher Restaurants. Foto: Jörg Donecker

Jeden Montag und Samstag stehen Sandra Czepielewski, Serdar Kunduz und ihre etwa 35 Mitstreiter mehrere Stunden unter Strom: Lebensmittelspenden werden abgeholt, zusammengetragen, sortiert und an langen Tischen aufgestellt.

Die private Initiative „Sei Mensch“ gibt seit dem ersten Lockdown im April Grundnahrungsmittel, frisches Obst und Gemüse sowie von Restaurants gespendete warme Mahlzeiten an Menschen aus, die sich den ganz alltäglichen Supermarkt-Einkauf oft nicht leisten können. Jede Woche. Auch im Sommer haben sie sich keine Pause erlaubt, auch wenn da zeitweise die Lebensmittelspenden zurückgingen.

Eine Kiste darf jeder Besucher mit allem füllen lassen, was er oder sie gerade dringend braucht. Mehl, Salz, Nudeln, Marmelade, Bananen, frische Tomaten – was gerade an Spenden da ist.

Erweitertes Angebot: Vor Weihnachten verteilen die Freiwilligen von „Sei Mensch“ neben Lebensmitteln auch warme Kleidung und Spielzeug. Foto: Jörg Donecker

„Eine Kiste voll Menschlichkeit“, nennt Sandra Czepielewski das. Nun, da die Infektionszahlen und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder stark zugenommen haben, sei auch die Spendenbereitschaft wieder enorm gestiegen, sagt sie.

Die Leute haben nicht nur Lebensmittel, sondern viel Zeit und Mühe investiert.
Sandra Czepielewski, Initiative „Sei Mensch“

„Wir haben über unsere Facebookseite zum Plätzchen backen aufgerufen, und die Leute haben mega viel gebacken“, freut sich die 40-jährige Leiterin einer Karlsruher Bankfiliale. „Das hat so eine starke Symbolik: Die Leute haben nicht nur Lebensmittel, sondern viel Zeit und Mühe investiert.“

Vor Weihnachten wird das Angebot ausgeweitet

Zudem gibt es vor Weihnachten eine weitere „Abteilung“ bei der Spendenausgabe: warme Kleidung und Spielzeug. Auch Tierfutter ist neuerdings mit im Programm. Zwischen den Jahren findet keine Ausgabe statt. Dann wollen die Helfer in der Innenstadt auf Obdachlose zugehen und ihnen Pakete mit warmer Kleidung, Lebensmitteln und Plätzchen anbieten.

„Natürlich im Rahmen der Lockdown-Regelungen“, betont Czepielewski. Auch die Spendenausgabe hat sich seit Beginn durch strengere Hygienemaßnahmen verändert. „Wir passen uns eben an“, ergänzt ihr Partner Serdar Kunduz. „Wir sind ja keine offizielle Institution, aber wir werden geduldet und sind immer im Gespräch mit dem Ordnungsamt.“

Sowohl bei der Liebfrauenkirche in der Südstadt als auch bei der Emmaus-Kirche in der Waldstadt findet die Essensausgabe seit jeher unter freiem Himmel statt.

Spenden-Ausgabe nach strengen Corona-Regeln

Inzwischen gibt es ein Corona-konformes Abholsystem: „Die Leute holen sich im Lauf des Tages eine Nummer ab“, erklärt Kunduz, „da weiß zum Beispiel die Nummer 30, dass sie nicht schon um 18.30 Uhr bei der Liebfrauenkirche sein muss.“ Das funktioniere einwandfrei.

Maximal zwei Besucher halten sich bei der Ausgabe gleichzeitig im Zelt auf, mit mindestens zwei Metern Abstand zueinander und anderthalb Metern Abstand zu den Lebensmitteln – die werden nur von den Helfern angefasst und ausgegeben. Maskenpflicht, Desinfektionsmittel und sogar Fiebermessen gehören mittlerweile auch zum Konzept. „Wenn jemand erhöhte Körpertemperatur oder Erkältungssymptome hat, darf er nicht ins Zelt. Dann wird ihm eine Kiste gepackt und gebracht, ohne dass er sich im Einzelnen aussuchen kann, was drin ist.“

Die Initiative der beiden Karlsruher stößt inzwischen auf Interesse in ganz Deutschland. Aus Stuttgart oder Nürnberg wurden Kunduz und Czepielewski schon angerufen, weil die Menschen auch in ihren Städten Ähnliches aufbauen wollen. „Wir bekommen auch per Post Lebensmittelspenden, gerade vier Pakete aus Sachsen“, sagt Kunduz.

Die Initiative „Sei Mensch“ soll langfristig weiter bestehen, auch nach Corona – und das Engagement auch auf andere Bereiche ausgeweitet werden. Man will mit Schulen zusammen arbeiten, Angebote für Kinder und Jugendliche machen, Coachings mit Pferden kann sich Czepielewski vorstellen, die begeisterte Reiterin und ausgebildeter Coach für Persönlichkeitsentwicklung ist.

2020 hat auch sehr viele positive Seiten.
Serdar Kunduz, Initiative „Sei Mensch“

Derweil machen die beiden und die vielen Helfer weiter. Woche für Woche, trotz mancher Rückschläge. Die Lebensmittel werden mit Privatautos abgeholt und zusammengetragen. Es fehlt ein großer Transporter, um Fahrten einzusparen. „Ich suche was für um die 1.500 Euro“, sagt Czepielewski. Auch eine größere Lagermöglichkeit für die Spenden wird noch gebraucht.

Doch ans Aufhören denkt bei „Sei Mensch“ niemand. „2020 hat auch sehr viele positive Seiten“, sagt Serdar Kunduz. „So viele Menschen gehen auf die Straße, um gegen etwas zu protestieren, gegen Masken oder gegen die Regierung. Aber es gibt auch viele, die sich für etwas einsetzen.“ Sandra Czepielewski ergänzt: „Für mich ist 2020 ein Jahr der Nähe, Fürsorge und Gemeinschaft. Ein Jahr der Menschlichkeit.“

Lebensmittel-Ausgabe in der Süd- und Waldstadt

Die Lebensmittelausgabe in der Waldstadt findet jeden Samstag bei der Emmauskirche, Königsberger Straße 35, von 14 bis etwa 16 Uhr statt. In der Südstadt werden jeden Montag bei der Liebfrauenkirche, Augartenstraße 52, ab 18.30 Uhr Lebensmittel ausgegeben. Über die Feiertage wird eine Pause eingelegt.

Die letzte Spendenausgabe in diesem Jahr findet am Montag, 21. Dezember, vor der Liebfrauenkirche statt. Ab dem 4. Januar will „Sei Mensch“ wieder regelmäßig montags und samstags vor Ort sein. Infos zur Initiative und Spenden-Möglichkeiten unter seimensch.eu oder über die Facebook-Seite „Sei Mensch“.

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