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Klinikchef kritisiert Politik

Karlsruher Krankenhäuser operieren in der dritten Corona-Welle an ihrer Belastungsgrenze

Die dritte Welle versetzt die Karlsruher Kliniken in Alarmzustand. Der Chef des Städtischen Klinikums warnt in dieser kritischen Phase vor jedem Lockerungs-Experiment. Er fordert drei Dinge von der Politik, um das Ruder herumzureißen.

Zerreißprobe für die Kliniken: Auf der Intensivstation müssen die überarbeiteten Fachkräfte in der dritten Welle der Pandemie immer mehr Covid-Patienten versorgen. Die Konsequenzen für den ganzen Krankenhausbetrieb sind gewaltig. Foto: Robert Michael/dpa

„Der kritische Zeitpunkt ist erreicht.“ Die Lage ist für Michael Geißler so „besorgniserregend“, die Sache so wichtig, dass der Chef des Städtischen Klinikums mit einem dramatischen Appell an die Bürger und an die Politiker reagiert.

„Damit wir handlungsfähig bleiben, muss der Bevölkerung jetzt klar sein: Alles, was draußen nicht funktioniert, kommt in diesem gefährlichen Stadium der dritten Welle zu 100 Prozent bei uns auf den Covid-Stationen an“, sagt er.

Die Intensivabteilung drohe bereits jetzt überzulaufen, warnt der Medizinische Geschäftsführer. „Wir haben am Städtischen Klinikum dort gerade kein Bett mehr frei.“

Abstriche an der Versorgung der anderen Patienten

Die Modellrechnungen der Wissenschaftler haben laut Geißler stets den Pandemieverlauf richtig prognostiziert. Und sie prophezeiten „in den nächsten zwei bis vier Wochen eine Belastung der Intensivstationen, die größer als am Jahreswechsel sein wird“, warnt er.

Die medizinische Betreuung der Gesamtbevölkerung müsse darunter leiden. Alle irgendwie aufschiebbaren Leistungen für Nicht-Covid-Patienten könnten dann zur Disposition stehen. Nur direkt existentiell bedrohende Akutfälle wie Herzinfarkt oder Tumor wolle das Klinikum als Maximalversorger immer sofort behandeln.

Geißler fordert deshalb sofort drei Konsequenzen durch die Verantwortungsträger in Bund und Ländern: ein striktes Einhalten der Lockdown-Beschlüsse, „eine effizientere Teststrategie“ und eine neue Impfkampagne, die bis Juli allen Deutschen die vor schwerem Krankheitsverlauf schützende Erstimpfung bringe.

Warnung vor Experimenten

Für Geißler kommen Lockerungen jetzt überhaupt nicht infrage. „Keine Experimente wie Modellversuche in Bayern und im Saarland, das ist völlig inakzeptabel, dafür habe ich in der anflutenden dritten Welle überhaupt kein Verständnis“, kritisiert der Mediziner die Politik.

Stattdessen müssten bei weiter steigenden Infektionszahlen, einer Zunahme der Todesfälle und noch wachsendem Druck auf die Intensivstationen „Verschärfungen wie die Ausgangssperre“ kommen. In diesem Falle reiche auch kein kurzer „Brückenlockdown“, sondern müsse man die Kontakte über sechs bis acht Wochen drastisch herunterfahren.

Das Klinikum fordert die konsequente Umsetzung einer Testpflicht in Firmen und Schulen, „sie sind neben dem privaten Umfeld aktuell die Treiber der Pandemie“.

Die Priorisierung von Gruppen beim Impfen muss aufgehoben werden, das ist Schnee von gestern.
Michael Geißler, Städtisches Klinikum Karlsruhe

Dazu verlangt Geißler die Konzentration auf die Erstimpfung und damit ein Hinausschieben der Zweitimpfung auf maximal zwölf Wochen. Mit diesem schnellen Impfschutz für den Großteil der Bevölkerung bis 1. Juli würde die Zahl der schweren Covid-Krankheitsverläufe einbrechen, die Kliniken entlastet, „weniger Menschen müssen sterben“.

Die Zahl der Mutationen werde reduziert und vor allem auch den Bürgern ein Sommer mit vielen Lockerungen ermöglicht. „Die Priorisierung von Gruppen beim Impfen muss aufgehoben werden, das ist Schnee von gestern“, meint er.

„Durch die Misstöne der Konferenz der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten ist die Bevölkerung verunsichert“, kritisiert der Klinikchef. „Keiner weiß, wo es lang geht, das führt zur Überforderung der Bürger“, geißelt er „ein Versagen in der Kommunikation bei der Politik“.

Grenzwertige Situation an den ViDia Kliniken

Im Städtischen liegen 25 Covid-Patienten auf Allgemeinstationen und elf auf der Intensivstation. Dazu kommen jetzt auch drei Kinder, eines auf der Intensivstation. „

Bei uns war die Situation in der vergangenen Woche sehr grenzwertig“, berichtet Karl-Jürgen Lehmann, Vorstand der ViDia Kliniken Karlsruhe, von „einer großen Anspannung“. Dort versorgt man insgesamt 45 Covid-Patienten, davon befinden sich neun auf der Intensivstation. Das überbeanspruchte Personal könne dies „gerade noch stemmen“.

Aber schon jetzt müsse man Abstriche bei den Leistungen für die anderen Patienten machen.

„Die Gesamtbelastung ist einfach sehr hoch“, weil jetzt gegenüber der Weihnachtszeit viel mehr Non-Covid-Patienten mit gravierenden Krankheiten teilweise über lange Zeit ein Klinikbett benötigten.

„Unbedingt alle gefährlichen Kontakte herunterfahren“, appelliert Lehmann. Das müsse viel strenger eingehalten werden als derzeit. Noch könne man bei ViDia alles absolut Dringliche leisten, andere Krankenhaus-Leistungen aber würden verschoben.

Lehmann hat die Sorge, dass sich selbst dies nicht mehr halten lässt, „wenn nicht von der Politik nachjustiert wird“.

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