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Wie seriös sind Statistiken und Prognosen?

Karlsruher Mathematiker über Zahlen in der Corona-Krise: „Es gibt große Sehnsucht nach Vereinfachung“

Statistische Auswertungen und Prognosen liefern seit Monaten die Grundlage für die Corona-Politik. Doch was können Zahlen leisten und wo gibt es Gefahren, manipuliert zu werden? Der Karlsruher Mathematik-Professor Norbert Henze gibt im Interview Tipps zum kritischen Umgang mit der Interpretation der Zahlen.

Hatte fast 30 Jahre lang einen Lehrauftrag am KIT: Mathematiker Norbert Henze beschäftigt sich insbesondere mit der Stochastik. Von 2002 bis 2010 war er Prorektor für Struktur und Entwicklung am KIT. Zuletzt setzte er sich für eine gute Ausbildung von Lehramtsstudenten ein. Foto: Jörg Donecker

Zahlen, Berechnungen und Statistiken bestimmen seit Monaten die Corona-Politik in Deutschland. An den täglichen Meldungen zu Neuinfektionen, Todesfällen oder Inzidenzwerten kommt kaum jemand vorbei.

Mit Modellrechnungen versuchen Physiker und Mathematiker, Entwicklungen vorauszusehen oder die Wirksamkeit von Maßnahmen zu überprüfen. Die Mathematik hat damit neben gesundheitlichen Fragen aktuell eine zentrale politische Dimension, die gelieferten Parameter sind Grundlage für zahlreiche tiefgreifende Entscheidungen.

Der pensionierte Stochastik-Professor Norbert Henze, der fast 30 Jahre an der Universität Karlsruhe und später am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gearbeitet hat, erklärt im Gespräch mit den BNN, was Zahlen leisten können, wo die Grenzen liegen und warum Menschen immer auf den Kontext achten sollten.

Was kann die nüchterne Mathematik leisten, wenn es um hochemotionale Themen wie Leben oder Arbeitsplätze geht?
Henze

Einiges. In den vergangenen Monaten hat sich viel getan. Allein die Schätzung der Reproduktionszahl R mit vielen Unsicherheiten und Glättungen ist eine Sache für sich. Trotzdem gibt es natürlich Grenzen in der Präzision der Berechnungen und damit der Vorhersagen. Es gibt so viele Variablen und Unsicherheiten, dass man oft nur mit Wahrscheinlichkeiten rechnen kann. Die Komplexität der Krise lässt sich in keinem noch so umfangreichen Modell abbilden. Mit den verfügbaren Zahlen hinken wir ja ohnehin dem tatsächlichen Geschehen hinterher. Dazu kommen die zeitliche und örtliche Dynamik, beides ist schwer zu vermitteln.

Wie transparent ist die Datengrundlage?
Henze

Aus meiner Sicht macht hier vor allem das Robert Koch-Institut (RKI) einen sehr guten Job. Auf der Website veröffentlicht es seit langem umfangreiche Zahlen und Daten zur Pandemie. Wenn man wirklich etwas wissen möchte, findet man hier viele Antworten. Das kostet natürlich Zeit und macht Arbeit. Das Problem ist nur: Die meisten Menschen verabscheuen Komplexität.

Wie kann man dem Wunsch nach einfachen Informationen gerecht werden, ohne ungenau zu sein?
Henze

Das ist sicher nicht immer so einfach möglich, gerade in der Corona-Krise. Es gibt diese große Sehnsucht nach Vereinfachung. Für Populisten ist genau das ein Einfallstor. Gleichzeitig gibt es ja durchaus leicht verständliche Werte wie die täglichen Infektionszahlen und die 7-Tage-Inzidenz. Unabhängig davon, wie gut sich jemand in komplexe Sachverhalte reindenken kann oder will: Jeder sollte mittlerweile verstanden haben, dass er mit seinem Verhalten direkt mitverantwortlich für die Entwicklung der Zahlen ist. Deshalb kann ich nur dazu ermutigen, sich mit den Fakten zu beschäftigen und Vertrauen in die Einschätzungen der Experten zu haben.

Wie kann man sich vor manipulierten Zahlen und Statistiken schützen?
Henze

Grundsätzlich hilft ein kritischer gesunder Menschenverstand. Man sollte darauf achten, ob die Informationen in einem korrekten Kontext stehen und die Grundlage nachvollziehbar ist. Ein Beispiel: Wird gesagt, dass 20 Prozent einer gewissen Gruppe von Verkehrsteilnehmern für 30 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle verantwortlich sind, sagt das für sich genommen wenig. Ist diese Gruppe beispielsweise für die Hälfte aller gefahrenen Kilometer verantwortlich, relativiert sich der Wert. Gerade bei Prozentangaben sollte man genau hinschauen und die Zahlen richtig einordnen. Steigt etwa das Risiko für eine bestimmte Erkrankung durch irgendein Verhalten wie Rauchen von eins zu 100.000 auf zwei zu 100.000, beeindruckt das kaum jemanden. Ganz anders klingt eine Steigerung um 100 Prozent. Trotzdem ist beides richtig.

Die Bedeutung mathematischer Modelle und Simulationen ist in den vergangenen Wochen immer größer geworden. Was können sie leisten und wo sind ihre Grenzen?
Henze

Die Modelle müssen so einfach wie möglich sein, gleichzeitig aber die Komplexität abbilden. Berücksichtigt ein Modell zu viele Parameter, bildet es möglicherweise einen konkreten Sachverhalt gut ab, ist aber nicht übertragbar. Sind es zu wenige, wird die Vorhersage sehr ungenau. Und ganz allgemein gilt: Je weiter der Blick in die Zukunft geht, desto unpräziser werden Modellvorhersagen. Wo der Zufall hineinspielt – und das tut er an vielen Stellen – lassen sich nur noch Wahrscheinlichkeiten berechnen und Bereiche angeben. Letztere werden automatisch größer, je weiter die Prognose vorausblickt.

Auch unter Experten sind manche Zahlen umstritten, beispielsweise der Inzidenzwert, der als Grundlage für viele politische Entscheidungen dient. Tut diese auch öffentlich geführte Debatte gut?
Henze

Auf jeden Fall. Wissenschaft braucht unterschiedliche Meinungen und einen Diskurs. Beim Inzidenzwert zeigt sich das besonders deutlich. Die Zahl ist gewissermaßen die politische Variante der mathematischen Vereinfachung. Sie ist nicht das Ergebnis komplexer wissenschaftlicher Berechnungen. Aus politischer Sicht ist das sicher notwendig, dort muss man mehr Faktoren berücksichtigen als ein Wissenschaftler in seinem Fachgebiet.

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