Skip to main content

HelioPas-Gründer Ingmar Wolff

Karlsruher Start-up hilft Landwirten per Satellitentechnik

Ernteausfälle treffen Landwirte direkt dort, wo es weh tut: im Geldbeutel. Wer Risiken wie Unwetter, Trockenheit oder Schädlingsbefall optimal einschätzen kann, ist wirtschaftlich im Vorteil. Dazu will Gründer Ingmar Wolff den Landwirten mit moderner Datenwissenschaft verhelfen.

Wirtschaftsingenieur mit grünem Daumen: Ingmar Wolff will Landwirten mit Künstlicher Intelligenz helfen, Ernterisiken besser einzuschätzen. Foto: Jörg Donecker

Montags bis freitags sitzt Ingmar Wolff an seinem Laptop im Cyberlab in der Hoepfner-Burg. Aber ab und zu zieht es den 33-Jährigen nach draußen: Raus auf die Felder, „Erde riechen, in der Realität der Landwirte baden”. Die Bedürfnisse und Nöte der Agrarproduzenten zu verstehen, gehört zum Job. Gemeinsam mit Benno Ommerborn hat der Wirtschaftsingenieur das Start-up HelioPas AI gegründet.

Mit Hilfe von Satellitenbildern analysiert eine lernende Software (Künstliche Intelligenz - kurz KI) den Zustand der Felder und macht Angaben zum Beispiel zur Bodenfeuchtigkeit. Das hilft den Produzenten von Kartoffeln, Salat oder Bohnen, punktgenau auf die Bedürfnisse auf dem Feld zu reagieren.

Wie würden wohl Angestellte mit Bürojob reagieren, wenn sie zum Beispiel wegen eines Wetterereignisses auf 30 Prozent Gehalt verzichten müssten?
Ingmar Wolff, Geschäftsführer und Mitgründer von HelioPas AI

Muss die Bewässerung angepasst werden? Ist eine andere Bewässerungsmethode sinnvoll? Wo gibt es Krankheitsherde oder Schädlingsbefall? Zieht bald ein Gewitter auf? „Für Landwirte sind das alles sehr reale Probleme”, sagt Ingmar Wolff. „Stellen Sie sich vor, ein Schädling frisst 30 Prozent der Ernte weg. Das bedeutet 30 Prozent weniger Einkommen für den Bauern”, erklärt er. „Wie würden wohl Menschen mit Bürojob reagieren, wenn sie zum Beispiel wegen eines Wetterereignisses auf 30 Prozent Gehalt verzichten müssten?”

Landwirte müssten schon von jeher mit dieser Realität umgehen, sagt Wolff. Er selbst lerne auch zwischenmenschlich ständig dazu, seit er viel mit Menschen zu tun hat, „die mit beiden Füßen auf dem Boden stehen”. Doch ganz so fern ist dem 33-Jährigen das Agrar-Thema gar nicht. Sein Großvater war einst in Brandenburg Landwirt.

Früher einmal besaß die Familie viele Hektar Land, heute sind es noch ein paar Gebäude. „Mein Onkel ist noch sehr naturverbunden, er ist Jäger und Imker”, sagt Wolff. Er selbst wuchs in Plankstadt und Karlsruhe auf, hat als Schülerpraktikant auf einem Hof gearbeitet, „den Mist im Kuhstall weggemacht, Unkraut gejätet, Traktor gefahren, Kühe gehütet”.

Die Dinge kommen irgendwann zusammen im Leben, wenn man seiner inneren Stimme folgt.
Ingmar Wolff, Geschäftsführer und Mitgründer von HelioPas AI

Das unternehmerische Denken habe er schon als Kind gehabt, habe immer gerne Menschen zusammengebracht. Hinzu kam die technische Ausbildung am KIT, und nun eben HelioPas. „Die Dinge kommen irgendwann zusammen im Leben”, sagt Wolff, „wenn man seiner inneren Stimme folgt”.

Analoge Visualisierung: Auf einem Stück Pressspanplatte hat das Team von HelioPas die unterschiedlichen Bewässerungstypen für landwirtschaftliche Felder dargestellt. Foto: Jörg Donecker

Geburtsstunde von HelioPas AI war ein Karlsruher Hackathon

Die Idee, Landwirten durch Datenanalyse die Bewirtschaftung ihrer Felder zu erleichtern, entstand vor rund drei Jahren bei einem Hackathon. Schon damals zeigten Investoren Interesse. Das Projekt lief eine Weile nebenher: Wolff hatte einen „Vollzeit-Plus-Job”, machte seinen Master fertig, hatte auch eine Forschungsstelle am KIT, bevor er vor rund elf Monaten als Vollzeit-Gründer startete.

Sein Mitgründer Benno Ommerborn ist schon 16 Monate in Vollzeit dabei. „Wir haben hier in Karlsruhe gegründet, weil wir hier waren, ganz einfach”, sagt Wolff. Hinzu kam das gründerfreundliche Umfeld am KIT, etwa der Kontakt zur PionierGarage . „Die Uni hier zieht auch richtig gute Leute an”, sagt Wolff, der auch schon einmal in München gegründet hat - eine Art digitale Speisekarte als App. „Das ist damals am Team gescheitert”, sagt er. „Aber mit jeder Gründung lernt man dazu.”

Am Morgen hat er schon eine Karotte gegessen, er ist Vegetarier. „Das hat aber eher spirituelle Gründe”, sagt er. Wolff meditiert jeden Tag, macht regelmäßig Yoga, neben anderen Sportarten: Laufen zum Beispiel oder Krav Maga (Selbstverteidigung), auch Radtouren in der Region bis hinunter zum Bodensee.

Auf den Schreibtischen im Cyberlab liegt viel Obst: Bananen, Orangen, Trauben. „Das Thema Ernährung ist etwas, das hier im Team alle berührt”, sagt Wolff. Wenn neue Leute ins Team kommen, verstärke sich das noch. „Wir fahren mit einem anderen Blick an Feldern vorbei.” Die Agrarbranche und auch HelioPas bewegten sich im Spannungsfeld zwischen gesunder Ernährung, Nahrungsmittelsicherheit, Umweltschutz, Klimawandel und nicht zuletzt Wirtschaftlichkeit.

Faszinierend ist für Wolff auch der Kontakt zu seinen Kunden: „Was die sagen, hat Hand und Fuß”, findet Wolff. „Sie sind sehr offen, wenn man ihnen nicht die Zeit stiehlt.” Ein typischer Satz, den er oft von Landwirten hört: „Ich muss gleich wieder aufs Feld.” Gemeinsam habe er mit ihnen, dass sie alle Unternehmer seien. „Was in deren Garage steht, ist ihr Vermögen. Sie müssen sich Gedanken über Investitionen machen und Strategien entwickeln, um ihren Betrieb wirtschaftlich zu halten.”

Mit der App WaterFox können Landwirte ihre Felder im Blick behalten

Seit Ende 2019 ist die App WaterFox verfügbar. Sie nutzt nicht nur Satellitenbilder, sondern auch Daten aus Forschungsprojekten und von anderen Datenlieferanten, die zum Beispiel von auf Feldern installierten Sensoren stammen. Auf der Grundlage und durch die Kombination all dieser Daten errechnet die von HelioPas entwickelte KI die Bedingungen für das Feld, das der Landwirt in der App angelegt hat.

Der Landwirt muss immer unabhängig entscheiden können.
Ingmar Wolff, Geschäftsführer und Mitgründer von HelioPas AI

„Je mehr qualitative Daten vorliegen, desto intelligenter wird der Algorithmus”, erklärt Wolff. Bewusst habe HelioPas sich dafür entschieden, die Landwirte in den Mittelpunkt zu stellen. Für andere Agrar-Akteure, etwa Versicherer oder Düngemittelhersteller, wären solche Daten ebenfalls hochinteressant. „Aber der Landwirt muss immer unabhängig entscheiden können”, findet Wolff. „Er muss den Vorteil haben. Alles andere wird nicht funktionieren.”

Die Daten müssten den Landwirten direkt helfen, dann seien nach seiner Erfahrung auch 80 Prozent bereit, eigene Daten zu liefern. „Wir wollen ein Freund des Landwirts als Produzent von Nahrung sein”, sagt der Gründer. Gleichzeitig sei man eng mit der Forschung verbunden, um einen „Weg in die Zukunft zu finden, der nachhaltig ist”.

Die Möglichkeiten, die sich durch moderne Datenwissenschaft (Data Science) für die Landwirtschaft heute bieten, vergleicht Wolff mit der Erfindung des 1908 in Karlsruhe entwickelten Haber-Bosch-Verfahrens. Seit 1908 ermöglicht es die Massenproduktion von Stickstoffdüngern, durch die bis heute ein Großteil der weltweiten Ernährung gesichert wird. Er verweist auf den Selbstversorgungsgrad mit Nahrungsmitteln, der in Deutschland seit den 1990er Jahren stetig gesunken ist .

Und auch durch die Corona-Pandemie stellten sich für die Gesellschaft neue Fragen bei der Nahrungsmittelversorgung, findet Wolff. „Wir haben jetzt die Chance, das zu lenken.”

nach oben Zurück zum Seitenanfang