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Karlsruher Friedhofskultur

Karlsruher Totengräber erzählt von lustigen und traurigen Erlebnissen bei seiner Arbeit

Fast ein Vierteljahrhundert hat Volker Langenbein als Totengräber gearbeitet. Einige seiner Erlebnisse hat er für den Geschichtenband „Totengräbers Tagebuch” aufgeschrieben.

Tagebuch als Tatoo: Der ehemalige Totengräber Volker Langenbein hat ein Buch geschrieben und arbeitet heute als Grünpfleger auf dem Hauptfriedhof. Foto: Joerg Donecker

Alle zwei Wochen geht Gisela Henseler auf den Hauptfriedhof und kümmert sich um das Familiengrab von ihren Eltern und ihrem Bruder Klaus Bransky. „Früher war ich noch öfter dort. Aber das schaffe ich heute einfach nicht mehr“; sagt die 83-Jährige. Weil das Nutzungsrecht für die Grabstätte in zwei Jahren ausläuft, und sie es nicht verlängern wird, hat sich die Rintheimerin in den vergangenen Tagen viele Gedanken gemacht und sich mit folgender Frage an die BNN gewandt: „Was passiert eigentlich mit den Gebeinen, wenn ein Grab neu belegt wird?“

Gebeine bleiben für immer im Grab

„Das Grab ist die letzte Eigentumswohnung. Aus der zieht niemand mehr aus“, lautet die Antwort des ehemaligen Totengräbers Volker Langenbein. Höchstens ein Stockwerk tiefer. Werden beim Ausräumen eines Grabes nach Ablaufen der Ruhezeit noch sterbliche Überreste gefunden, werden diese nämlich zunächst in einen speziellen Gebeinesarg gelegt. Anschließend wird das neue Grab etwas tiefer ausgegraben und in dieser Vertiefung zunächst einmal der lediglich 80 Zentimeter lange Gebeinesarg bestattet.

Nach der Räumung von Gruften und Urnengräbern werden die dort gefundenen sterbliche Überreste auf anonymen Grabfeldern bestattet. Muslimische Gräber werden – sofern nicht anders vereinbart – ebenfalls geräumt. Jüdische Gräber werden dagegen immer wieder verlängert.

Totengräber als Buchautor

Für Volker Langenbein war das Ausräumen von Grabstätten viele Jahre lang Teil seiner täglichen Arbeit. Fast ein Vierteljahrhundert lang hat der 51-Jährige auf verschiedenen Karlsruher Gottesäckern als Totengräber gearbeitet, nun ist er auf dem Hauptfriedhof für die Grünflächenpflege zuständig. Einige seiner Erlebnisse hat er aufgeschrieben und als Geschichtenband „Totengräbers Tagebuch“ veröffentlicht.

Was ein Totengräber beim Ausräumen eines Grabes vorfindet, hängt nach Langenbeins Erfahrungen vor allem von der Beschaffenheit des Bodens und dem Material des Sarges ab. „Für den Verwesungsprozess braucht es Sauerstoff“, weiß der Fachmann. Deshalb werden Leichname in lockeren Böden schneller zersetzt als in einem lehmigen Untergrund. Auch Särge aus Hartholzarten wie Eiche oder Nussbaum verlangsamen den Verwesungsprozess.

Um den Zerfall der Leichname nicht künstlich hinauszuzögern, sind Zinksärge auf den Karlsruher Friedhöfen nicht gestattet und Gebeinesärge aus leichten Holzarten wie Fichte oder Kiefer.

Leichname sind nach 20 Jahren oft schon komplett zersetzt

Allzu viele Überraschungen hat Volker Langenbein beim Ausräumen von Grabstätten während der vergangenen 25 Jahren allerdings nicht erlebt. In vielen Gräbern sind bereits sämtliche Knochen verwest, in manchen müssen noch der Schädel sowie die großen Hüft- und Oberschenkelknochen erneut bestattet werden. Dass die Ruhezeit in Karlsruhe derzeit 20 Jahre beträgt, hat auch pragmatische Gründe: Nach dieser Zeit sind die meisten Leichname komplett zersetzt. Nur in seltenen Fällen stoßen Totengräber auf eine so genannte Wachsleiche, bei der der Verwesungsprozess durch den Ausschluss von Sauerstoff – etwa durch eine Wasserschicht - unterbrochen wird.

Gebisse und Prothesen aus Metall verwesen nicht und werden ebenfalls noch einmal bestattet. „Einmal haben wir auch eine leere Weinflasche gefunden“, erinnert sich der Ex-Totengräber. Eheringe, Schmuck oder Zahngold seien ihm beim Ausheben von Gräbern aber noch nicht untergekommen. Und wenn das doch passiert? Auch Wertgegenstände bleiben auf dem Friedhof, sagt Langenbein, Totengräber seien schließlich keine Grabräuber.

Eigene Dämonen bekämpft

Mit dem Buch wollte der ehemalige Totengräber übrigens auch die eigenen Dämonen bekämpfen. „Die Arbeit auf einem Friedhof ist physisch und psychisch sehr belastend. Viele Dinge habe ich sicherlich auch zu nahe an mich herangelassen“, sagt Volker Langenbein. Einmal habe sich die Mutter eines tödlich verunglückten Mädchens während der Trauerfeier an seine Schulter gedrückt und ihm das ganze Hemd voll geweint. „Da kann man nichts anderes machen als stehen bleiben und warten“, sagt Langenbein.

Andere Erlebnisse bringen ihn aber noch heute zum Schmunzeln. Einmal sei auf dem Weg von der Trauerfeier zum Grab eine Frisbee über den Sarg geflogen und wenige Sekunden später von einem Hund im Flug gefangen worden. Und als er einmal eine Urne akkurat in der Mitte der dafür geschaffenen Nische in einer Gräberwand platzierte, schob der Ehemann der Verstorbenen das Gefäß mit der Asche seiner Frau mit den Worten „Ich brauch da später auch noch Platz“ an die Seite. „Da fiel es richtig schwer, nicht laut loszulachen“, sagt Langenbein. Das Lachen muss sich ein Totengräber bei der Arbeit aber ebenso verkneifen wie das Mitwippen im Takt von Abschiedsliedern.

Seine eigene Bestattung hat Volker Langenbein übrigens schon penibel geplant. Seine Asche soll von Angehörigen oder Freunden auf der Kanaren-Insel Fuerteventura in alle Winde verstreut werden. Eine eigene Grabstätte brauche er nicht, sagt Langenbein. Wer sich an ihn erinnern möchte, kann schließlich sein Buch lesen.

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