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Warten auf den Neustart

Karlsruher Veranstalter in der Corona-Krise: „Wir sind die absoluten Verlierer“

Die Karlsruher Veranstaltungsbranche steht auch sechs Monate nach dem Lockdown ohne echte Perspektive da. Die Rufe nach staatlicher Unterstützung werden auch in Karlsruhe lauter. Doch würden die Menschen überhaupt kommen?

Verwaister Club: Die Betreiber des Gotec haben erst 2019 saniert. Seit März bleibt die Tanzfläche leer. Foto: Andreas Seidel

Der Hilferuf des Mühlburger Technoclubs Gotec füllt eine Din-A4-Seite. Gerichtet ist das Schreiben an Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Überschrieben ist es mit den Worten „Ausruf des Notstandes“. Der von Manager Andreas Seidel verfasste Brief reiht sich ein in eine lange Liste von verzweifelten Klagen, die aus allen Bereichen der Veranstaltungsbranche kommen.

„Wir sind die absoluten Verlierer der Corona-Krise“, sagt Gotec-Geschäftsführer Wolfgang Rappold. Spricht man mit anderen Mitgliedern der Branche, ist meist die Rede von gefühltem Berufsverbot, fehlender Perspektive und geringer Unterstützung.

Bei der Neureuter Firma Crystal Sound sind die Mitarbeiter auch sechs Monate nach Beginn der Krise in Kurzarbeit, ein Ende ist nicht abzusehen. „Wenn die Maßnahmen so unausweichlich sind, muss man sich überlegen, was man mit den Menschen in dieser Branche macht“, richtet Geschäftsführer Gerd Gruss sein Appell an die Politik.

Seit vielen Jahren kümmert sich Crystal Sound um die Veranstaltungstechnik bei zahlreichen Großevents, beispielsweise beim Open Air in Wacken oder bei „Das Fest“. Der Umsatz ist fast vollständig eingebrochen. Parteitage oder kleine Firmenevents spülen ein bisschen Geld in die Kasse. „Das ist aber nicht einmal ein Prozent im Vergleich zu sonst“, sagt Gruss.

Staatliche Unterstützung – neben der Kurzarbeit – gibt es dennoch keine. Der Umsatz des zum gleichen Unternehmensverbund gehörenden Rock Shops ist nicht stark genug zurückgegangen, um die Bedingungen für Hilfszahlungen zu erfüllen. „Wir müssen uns verschulden, um zu überleben. Bis zum nächsten Frühjahr geht das vielleicht noch gut“, berichtet der Geschäftsführer. „Aber wir brauchen dringend Planbarkeit und eine Öffnungstendenz.“

Für Clubs steht die wichtige Wintersaison bevor

Ins gleiche Horn stoßen die Betreiber des Gotec. „Man muss einen Anfang finden“, fordert Geschäftsführer Rappold. Seit sechs Monaten ist sein Club geschlossen. Ein Barbetrieb wie in manchen städtischen Discotheken kommt aufgrund der Lage im Gewerbegebiet Gablonzer Straße nicht in Frage.

Die Vermietung für Privatveranstaltungen spült ein paar Euro in die Kasse. „Das ist wichtig, aber es deckt natürlich nicht einmal die Kosten.“ Deshalb hofft Rappold nun auf einen langsamen Neustart. Es gebe genügend positive Beispiele – etwa in der Schweiz, wo die Clubs seit Wochen öffnen dürfen, oder in Sachsen-Anhalt, wo ab dem 1. November mit 60 Prozent Auslastung, Mindestabstand und Anwesenheitsliste gefeiert werden darf.

„Die Politik sollte sich trauen und vor allem uns Club-Betreibern vertrauen“, sagt Rappold. Normal dürfen 600 Gäste ins Gotec, wenigstens mit 200 würde man gerne starten. Schon im Sommer hatte der Club finanziell zu kämpfen, nun steht die noch wichtigere Wintersaison vor der Tür. „Selbst wenn es wieder los geht, werden wir lange brauchen, um aufzuholen und den Schaden zu reparieren“, fürchtet der Geschäftsführer.

Eventagentur sucht die Chance im Digitalen

Eine harte Landung hatte auch die Bulacher Eventagentur u-motions zu verkraften. Im ersten Halbjahr verbuchte sie 30.000 Euro Umsatz, normal liegt man zu dieser Zeit bei rund zwei Millionen Euro. Binnen weniger Tage hagelte es Anfang März Stornierungen. Mitte März schickte Geschäftsführer Nikolaus Körner sein Team in die Kurzarbeit.

Trotzdem versucht der Chef die Krise auch als Chance zu sehen. Im Spätsommer arbeitete er mit seiner Mannschaft an dem vom Land veranstalteten Strategiedialog Automobilwirtschaft, der am 17. September teilweise virtuell über die Bühne ging.

„Wir haben schon vor zwei Jahren im digitalen Bereich investiert“, erzählt Körner. „Da ist in den vergangenen Monaten durchaus ein Markt entstanden.“ Dennoch steht u-motions nun wieder vor einem großen Auftragsloch. Der firmeneigene Materialverleih liegt schon seit Monaten brach. „Wir haben viele Jahre gut gewirtschaftet, daher mache ich mir um die Firma keine Sorgen“, sagt Chef Körner. „Aber ich lebe jetzt von meiner Altersvorsorge. Es ist sicher nur wenigen klar, wie es sich anfühlt, komplett auf Null zu fallen.“

Selbstständige müssen mit Storno-Risiko leben

Von der Stornierungswelle und den fehlenden Perspektiven sind neben zahlreichen Firmen auch viele Solo-Selbstständige betroffen. Karikaturist Erol Tuncay ist einer davon. Der Karlsruher verdient seit 13 Jahren sein Geld damit, auf Messen oder Firmenfeiern Porträts zu zeichnen. Ende Februar fiel durch die Absage der Tourismus-Messe in Berlin der erste Auftrag weg, in den Tagen danach leerte sich der Terminkalender für das folgende halbe Jahr völlig. „Das war echt verrückt“, erzählt der Künstler.

Um wenigstens ein bisschen was zu verdienen, stellte Tuncay sein Geschäftsmodell um und begann, Karikaturen auf Basis von Fotos zu zeichnen. Vor der Krise hatte er das nie gemacht. Tuncay fertigte über 100 Zeichnungen von Corona-Helden an. Mehr als ein Zubrot waren die digitalen Alternativen aber nicht. „Es lässt sich nicht davon leben“, sagt er.

Selbstportät im Café: Normal verdient Karikaturist Erol Tuncay sein Geld fast ausschließlich mit Veranstaltungen. Nur sehr langsam kommen wieder Buchungen rein. Foto: jodo

Mittlerweile trudeln langsam die ersten Anfragen von Agenturen bei dem Karikaturisten ein. „Aber immer unter Vorbehalt. Alle Fragen nach der Stornogebühr. Die verlange ich natürlich nicht und trage damit das Risiko“, erzählt der Künstler.

Zurückhaltung unter den Besuchern

Mit großer Sorge beobachten viele in der Veranstaltungsbranche die aktuelle Entwicklung – denn selbst wenn kleinere Events wieder erlaubt sind, heißt das noch lange nicht, dass sie auch ausgetragen und angenommen werden. „Wenn etwas Außergewöhnliches passiert, ziehen sich die Menschen in ihr Schneckenhaus zurück“, sagt Event-Experte Nikolaus Körner.

Diese Erfahrung hat auch Crystal-Sound-Chef Gerd Gruss gemacht. An der Kulturbühne an der Messe Karlsruhe, die er als Mitveranstalter ins Leben gerufen hatte, erlebte er große Zurückhaltung. Das Event blieb ein Minusgeschäft. „Die Menschen haben Angst. Aus jeder Ecke hören wir Verunsicherung“, erzählt er. Aufgeben ist für ihn trotzdem keine Option. „Wir wissen nicht, wann und wie. Aber es wird weitergehen“, ist er überzeugt.

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