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Festival für Neue Musik

Stöhnen, rülpsen, spucken: Experimente mit der Stimme beim Karlsruher „ZeitGenuss“-Festival

Das ZeitGenuss-Festival für Neue Musik in Karlsruhe macht gleich zu Beginn unmissverständlich klar, dass eine Stimme weit mehr drauf hat als einfach nur schön zu singen. Und warum man trotzdem eins auf die Schnauze kriegen kann.

So klingt Wut in Musik: Das Ensemble Modern spielt unter der Leitung von Enno Poppe „Fury II“ für Kontrabass und Ensemble (2009) von Rebecca Saunders, die das ZeitGenuss-Festival diesmal kuratiert. Foto: Uli Deck/Artis

„Mund auf dreckig“, steht in Handschrift über der vierten halben Note. Auf der Bühne im Karlsruher Wolfgang-Rihm-Forum sieht das dann so aus: Sarah Maria Sun hat ihre knallroten Pumps ausgezogen.

Gerade war sie eine junge starke Frau, jetzt ist sie alt und gebrechlich. Sie lässt sich barfuß auf den Stuhl sacken, knickt ein und beginnt zu röcheln. Noch ist der Mund geschlossen. Ihr Knarzen und Schlürfen hört man trotzdem bis in die hintersten Reihen.

Das Stück „Die Alte“ für Stimme solo (2001) von Carola Bauckholt ist das fünfte an diesem Abend, der zum Auftakt des Festivals „ZeitGenuss“ unmissverständlich klarmacht, dass eine Stimme in der Neuen Musik weit mehr zu bieten hat als einfach nur schön zu singen.

Vorausgesetzt, es gibt erfahrene Interpretinnen wie Sara Maria Sun, die auch darstellerisch der Star ist in diesem beeindruckenden Eröffnungskonzert.

Virtuelle Schlägerei in knallroten Pumps

Ein paar Minuten später hat sie ihre Pumps wieder an und kämpft mit dem Gleichgewicht. Denn jetzt bekommt sie – von Geisterhand – immer wieder einen Schlag ins Gesicht und kippt schier nach hinten. „Ey!“ – „Ah so...“, lallt sie.

Gleich spuckt sie. In den Récitations für Stimme solo (1978), aus denen Sun eine vorträgt, erzählt der griechische Komponist Georges Asperghis über französisch anmutende Silbenfetzen kurze mentale Szenen.

Wie immer seit 2013 stillt „ZeitGenuss“ die Neugier auf das, was Komponisten der Gegenwart schaffen. Jedes Jahr ist das „Festival für Musik unserer Zeit“ in Karlsruhe einem Komponisten oder einer Komponistin gewidmet – verbunden mit dem Auftrag, das Programm zu kuratieren.

Ab sofort soll „ZeitGenuss“, das von einer Kooperation der Stadt und der Hochschule für Musik getragen wird, aus Spargründen zwar nur noch alle zwei Jahre stattfinden. Dann aber mit jeweils 90.000 Euro Zuschuss statt bisher 60.000 Euro, erläutert die neue Kulturamtsleiterin Dominika Szope.

Rebecca Saunders präsentiert vor allem weibliche Komponistinnen

Nach Kuratoren wie Dieter Schnebel oder Helmut Lachenmann hat Rebecca Saunders die nun neunte Auflage gestaltet: An verschiedenen Orten der Stadt erklingen bis 24. Oktober Werke von ihr, von Komponisten, die sie besonders schätzt und von Studierenden der Karlsruher Kompositionsklassen von Wolfgang Rihm und Markus Hechtle.

Rebecca Saunders hat vor 30 Jahren in Karlsruhe bei Rihm studiert, der sie zu Experimenten mit der Stimme inspirierte. Aus diesem Spektrum ist viel zu erleben im Programm bis 24. Oktober.

Aber mehr noch. Saunders, die als erste Frau den renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis erhalten hat, will Komponistinnen in den Vordergrund rücken.

Installation aus 2.464 Spieldosen

Ihr Programm hat Pfiff. „Wir sind durstig und hungrig“, erklärt sie in ihrer Rede. Nach der Stille in der Pandemie will sie, dass man Musik „nicht nur hören, sondern auch sehen und berühren“ kann.

So bietet das Festival auch Performances von Marina Abramovic und Ulay als Film-Loops (Samstag, 23. Oktober, ab 11 Uhr) im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM). Saunders’ interaktive Klanginstallation „Myriad“, die aus 2.464 Spieldosen besteht, zeigt das ZKM über den Festival-Zeitraum hinaus bis zum 7. November.

In der Kinemathek gab es eine Filmschau unter anderem mit einem Werk von Sara Glojnarić, die auch mit elektronischer Musik und Videos arbeitet und bei der Eröffnung mit „Artefacts #2“ vertreten war.

Mitglieder des Ensemble Modern aus Frankfurt steuerten die Begleitung zu den Vokal-Werken des Abends bei. In den Instrumentalstücken von Saunders – dem wütenden „Fury II“ (2009) und dem feinsinnigen „Scar“ (2019) – beeindruckte das Ensemble mit seiner Expertise für zeitgenössische Musik unter der Leitung von Enno Poppe.

Dessen Stück „Wespe“ für Stimme solo (2005) würzte das prickelnde Programm ebenso wie die Uraufführung von „The Incadescent Tongue“ von Liza Lim, in dem die Sängerin dem Klang einer Trompete nacheifert.

Programm

„ZeitGenuss – Festival für Musik unserer Zeit“ bis 24. Oktober in Karlsruhe. Programm: www.hfm-karlsruhe.de/zeitgenuss-2021

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