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Corona-Pandemie verschärft Situation

Karlsruher Kinderarzt kritisiert Triage in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Der Kinderschutzbund schlägt Alarm: Durch die Corona-Pandemie sei die psychische Belastung für Kinder und Jugendliche immens gestiegen. Sport könnte da helfen.

Verzweiflung: Kinder und Jugendliche mit seelischen Problemen stellt die Pandemie-Zeit oft vor besondere Herausforderungen. Foto: Axel Heimken/dpa

Karl Prömpeler-Kuhn hat jahrzehntelang als Kinder- und Jugendarzt gewirkt. Er ist bestens vernetzt, sein Wort hat Gewicht. Wenn er als Vorsitzender des Kinderschutzbundes im Stadt- und Landkreis seine Stimme erhebt, dann nicht ohne Grund.

Jetzt hat er es getan. Dem Mediziner und Kinderschutz-Experten zufolge hat die im Zusammenhang mit Corona befürchtete Triage bisher in deutschen Krankenhäusern nicht stattgefunden. „Aber sie findet in den Kinder- und Jugendpsychiatrien statt.“

Viel zu viele Kinder und Jugendliche mit psychiatrischem Behandlungsbedarf sind dem Kinderschutzbund zufolge auf der Warteliste. Diese Wartezeiten für eine Aufnahme in den Kinder- und Jugendpsychiatrien seien deutlich zu lang. In Einzelfällen handle es sich um Monate.

„Notruftelefone und Plattformen wie Krisenchats erleben jeden Tag die Traurigkeit, die Verzweiflung und die Perspektivlosigkeit von Teilen einer ganzen Generation“, schreiben Karl Prömpeler-Kuhn und Kinderschutzbund-Geschäftsführerin Renate Gissel an den Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) sowie Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne).

Sport als kleine Sofortmaßnahme

Das Schreiben alarmiert: „Wir können und dürfen als Gesellschaft nicht die berechtigten Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Kinder und Jugendlichen in einem Maße hinten anstellen, wie das bisher geschehen ist.“ Dem Arzt und Verbandschef Prömpeler-Kuhn zufolge könnten Bewegung, Sport und der Umgang mit Gleichaltrigen für Kinder und Jugendliche Linderung verschaffen. Im Gespräch mit den BNN nennt der Experte das „eine kleine Sofortmaßnahme“.

Sein Appell an die Entscheidungsträger in Rathaus und Landesregierung: „Setzen Sie sich als ersten Schritt zur Verbesserung der sozialen Situation von Kindern und Jugendlichen dafür ein, dass diese in Gruppen im Freien wieder Sport treiben können.“ Es bestehe die Gefahr, dass jemand „ausraste“, findet Prömpeler-Kuhn drastische Worte.

Dass sich die Lage teilweise verschärft hat, bestätigt Bernhard Friedl. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie betreibt in Karlsruhe-Mühlburg eine Praxis und weiß aus Erfahrung: „Die Beschränkungen sind eine Belastung.“ Erst recht, wenn Kinder und Jugendliche mit Risikopatienten im selben Haushalt leben.

Die Beschränkungen sind eine Belastung.
Bernhard Friedl, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie

„Willst Du den Papa umbringen?“ – mit solchen Bemerkungen werden dann Außenkontakte unterbunden. Was im Einzelfall nicht ohne Folgen für die Psyche des Kindes bleibt. Und noch eine Beobachtung hat Facharzt Friedl gemacht. Nicht wenige seiner jungen Patienten haben seit Beginn der Pandemie deutlich an Gewicht zugelegt.

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Andrang schon ohne Pandemie hoch

Wenn es hart auf hart kommt und die Klinik gefragt ist, steht diese jedenfalls uneingeschränkt bereit. Selbstmordgefährdete junge Leute oder solche, die Gewalt gegen andere ankündigen, werden stets aufgenommen, ebenso Fälle von schweren Psychosen. Meike Bottlender, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Städtischen Klinikum, spricht von einer prinzipiell hohen Nachfrage.

Meike Bottlender, Klinikdirektor. Foto: pr

Durch Corona habe sie sich jedoch nicht über die Maßen erhöht. Was nicht heißt, dass die Pandemie vorhandene Probleme nicht verstärkt hätte: Wenn depressive Jugendliche zwangsweise zu Hause sitzen müssen, sei das nicht förderlich. Genauso wie wenn Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit online anstatt im Klassenzimmer unterrichtet werden. „Die Pandemie legt hier eben noch eine Schippe drauf“, beschreibt der Klinikchef die Lage. Die Marschrichtung des Kinderschutzbundes findet der Direktor nachvollziehbar. Auch viele seiner Patienten wünschten sich den organisierten Sport zurück.

34 stationäre Plätze

Selbst ohne Corona ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Südlichen Hildapromenade nach Darstellung von Klinikdirektor Meike Bottlender nicht gerade überdimensioniert.

Es gibt dort 34 stationäre Betten, von denen allein zehn auf die psychosomatische Station entfallen und mithin nicht für Notfälle zur Verfügung stehen. 14 Plätze werden für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren vorgehalten, zehn weitere für Kinder von sechs bis 13 Jahren. Hinzu kommen zwölf Plätze in der Tagesklinik. „Ich würde mir mehr wünschen“, sagt der Direktor.

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