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Je früher, desto besser

KIT-Forscher: Schulschließungen können Trendwende bei Corona-Fallzahlen bringen

Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben die Wirksamkeit verschiedener Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus untersucht. Laut ihrer Analyse von Daten aus zehn Ländern können insbesondere frühzeitige Schulschließungen effektiv sein.

Karlsruher Forscher haben untersucht, wie sich frühzeitige Schulschließungen auf die Ausbreitung des Coronavirus auswirken. Ihr Ergebnis: Je früher, desto besser. Foto: Armin Weigel

Schulen schließen oder nicht? Diese Frage spaltet Politiker, Eltern und manche Wissenschaftler. Welche Rolle Kinder und ältere Schüler bei der Verbreitung des Coronavirus spielen, ist genauso ungeklärt wie umstritten. Karlsruher Forscher zeigen nun auf, dass frühe Schulschließungen bei der Eindämmung der Pandemie hilfreich sein könnten.

Die Wissenschaftler am Karlsruher Service Research Institute/Institute of Information Systems haben sich mit sogenannten nichtpharmazeutischen Interventionen (NPI) beschäftigt. Dazu zählt das Reduzieren von sozialen Kontakten, also konkret beispielsweise Ausgangsbeschränkungen oder eben Schulschließungen.

Je früher Schulen schlossen, desto stärker sanken Zahlen

Laut einer Pressemitteilung untersuchten die Forscher die zwischen dem 22. Januar und dem 12. Mai von der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität erhobenen täglichen Fallzahlen aus Österreich, Belgien, Deutschland, Italien, Norwegen, Spanien, Schweden, der Schweiz und Großbritannien sowie 28 US-Bundesstaaten. Länderspezifische Merkmale wie Altersstruktur, Bevölkerungsdichte, medizinische Infrastruktur und Klima seien berücksichtigt worden.

Hätten wir im Frühjahr in Deutschland einen Tag länger gewartet, hätte dies 125.000 zusätzliche Infektionen bedeutet.
Niklas Kühl, Laborleiter am KIT

„Nach unserem Forschungsansatz konnte bei den Schulschließungen ein signifikanter Effekt auf die Dauer zwischen NPI-Beschluss und deren Auswirkung in den Daten identifiziert werden“, sagte Niklas Kühl, Leiter des „Applied AI in Services Labs“ am KIT.

Je eher die Schulen geschlossen worden seien, desto deutlicher habe sich der Effekt sinkender Fallzahlen gezeigt, so Kühl. „Hätten wir im Frühjahr in Deutschland einen Tag länger gewartet, bis wir die Schulen schließen, hätte dies laut unseren Analysen 125.000 zusätzliche Infektionen bedeutet, die Schließung sieben Tage später sogar 400.000 zusätzliche Fälle“, urteilte Kühl.

Warum das Tragen von Masken nicht untersucht wurde

Denn bis beschlossene Maßnahmen auch wirken, dauere es im Schnitt zwei Wochen. Das Ergebnis der Erhebung bedeute jedoch nicht, dass andere Maßnahmen oder Faktoren, die nicht in das Modell einbezogen worden seien, nicht auch einen wesentlichen Einfluss auf die Eindämmung der Pandemie haben könnten, so die Wissenschaftler in ihrer Veröffentlichung. Das Tragen von Masken wurde in der Untersuchung nicht analysiert, weil diese Maßnahme in den betrachteten Ländern zumeist erst spät eingeführt wurde.

Die Forscher betonen aber, dass alle Forschungsarbeiten zur Wirksamkeit von Maßnahmen „mit einem hohen Maß an Unsicherheit verbunden“ seien. Dies liege insbesondere daran, dass je nach Land die konkrete Umsetzung stark variiere und die Bevölkerung die Maßnahmen unterschiedlich diszipliniert einhalte.

Christian Drosten: „Verdient Aufmerksamkeit“

Für ihre Aussagen über die Effektivität von Maßnahmen nutzten die Wissenschaftler Lucas Baier, Niklas Kühl, Jakob Schöffer und Gerhard Satzger vom KIT die sogenannte „Concept Drift-Erkennung“. Diese Methode aus dem Gebiet des maschinellen Lernens wird angewandt, um eine strukturelle Veränderung – einen sogenannten Drift – in einer datenerzeugenden Umgebung zu erkennen.

„Unsere Analyse zeigt, wie wichtig eine rechtzeitige Reaktion auf die Ausbreitung der Pandemie ist, um die aktiven Fälle auf einem überschaubaren Niveau zu halten“, schreiben die Karlsruher Wissenschaftler. Mit ihrer Untersuchung wollen sie laut Pressemitteilung zur faktenbasierten Grundlage für nationale und übernationale gesundheitspolitische Entscheidungen beitragen.

Virologe Christian Drosten teilte die Pressemitteilung über die Karlsruher Studie auf seinem Twitter-Account und schrieb, er könne die Ergebnisse zwar nicht bewerten, sie verdienten aber Aufmerksamkeit.

Bei der Veröffentlichung der Karlsruher Wissenschaftler handelt es sich um einen sogenannten Preprint. So nennt man wissenschaftliche Publikationen, die der finalen Veröffentlichung vorausgehen.

Preprints dienen der kritischen wissenschaftlichen Begutachtung durch andere Forscher (Peer-review). So soll vor der endgültigen Veröffentlichung sichergestellt werden, dass die Methodik sauber und die Ergebnisse plausibel sind. Die Karlsruher Forscher haben ihren Preprint im „European Journal of Information Systems“ veröffentlicht.

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