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75 Jahre seit dem Atombombenabwurf

KIT-Historiker: „Das Ausmaß des Grauens in Hiroshima ist nicht vorstellbar”

Die Tragödie von Hiroshima verpflichtet Forscher, sich der Verantwortung für die Folgen des wissenschaftlichen Fortschritts bewusst zu sein. Neuzeithistoriker Rolf-Ulrich Kunze aus Karlsruhe spricht über Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und Ethik.

Rolf-Ulrich Kunze, geboren 1968 in Osnabrück, ist Professor für neuere und neueste Geschichte am KIT. Foto: Gabi Zachmann / KIT

Die Atomwaffen sichern heute das strategische Gleichgewicht der Atommächte. Ihr Besitz dient manchen Staaten als Garantie dafür, dass sie nicht angegriffen werden. 75 Jahre nach Hiroshima versuchen auch kleinere Länder, in den Besitz der Atombombe zu kommen, um deren Abschreckungspotential nutzen zu können.

Kann die Entwicklung und der Einsatz einer Massenvernichtungswaffe unter Umständen richtig sein? Braucht die Wissenschaft eine neue Ethik und Selbstverpflichtung, um dem Wohl der Menschen zu dienen?

Alexei Makartsev sprach darüber mit Rolf-Ulrich Kunze, Neuzeithistoriker am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Die Forscher des Manhattan-Projekts wollten die Atombombe – und waren später entsetzt über die Zerstörungskraft ihrer Waffe. Kann es ethisch vertretbar sein, modernste Wissenschaft dazu einzusetzen, um viele Menschen zu töten und damit einen Krieg zu beenden?
Kunze

Das Ausmaß des Grauens in Hiroshima ist nicht vorstellbar. Das Argument, dass die Atomwaffen der Abschreckung dienen und sie „nur“ in Japan zum Einsatz kamen und sonst ausschließlich experimentell, ist kein wirklich humanes Argument. Wer Berichte über den Atomangriff liest und die Bilder sieht, muss zu dem Schluss kommen,dass wir eine ethische Dauerverpflichtung haben, darüber zu reflektieren.

Wissenschaft ist an sich die Suche nach Erkenntnissen. Können sich Wissenschaftler darauf berufen, dass sie nur forschen und keinen Einfluss darauf haben, welche Folgen ihre Entdeckungen haben?
Kunze

Nein, das können sie niemals. Wissenschaftler sind in demokratischen Staaten auch politisch verantwortliche Bürger. Sie müssen in dieser Rolle die Verantwortung annehmen und können sie nicht delegieren.

Die Wissenschaft ist aber auch in wirtschaftliche Tätigkeit eingebunden, bei der Profit als Ziel im Vordergrund steht. Forscher liefern Erkenntnisse, andere entscheiden, wie man sie nutzt – das verhindert, dass die Forschenden moralische Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen. Ist das bedenklich?
Kunze

Ja, auf jeden Fall. Es ist eine Katastrophe, wenn private Unternehmen, die durch keine andere Instanz als die Wall Street kontrolliert werden und demokratisch nicht legitimiert sind, darüber entscheiden können, ob Schlüsseltechnologien entwickelt oder angewendet werden. Wenn ich überlege,dass ein Privatunternehmen die Entscheidung trifft, ob und wie wir zum Mars fliegen, dann ist es grauenvoll. Das erinnert an die mehr oder weniger aufgeklärten Fürsten der Neuzeit und ihre Launen. Mit demokratischer Kontrolle hat das nichts zu tun.

Killerroboter, Klonen von Menschen, Nukleartechnologie: Hat die Wissenschaft ihren Kompass für richtig und falsch, Gut und Böse verloren? Braucht sie eine neue Ethik und eine Selbstverpflichtung, der Menschheit und der Natur zu dienen?
Kunze

Es kommt nicht auf die Wissenschaft an sich, sondern auf die Individuen an. Und es gibt immer wieder verantwortliche Individuen, die dieser Rolle aktiv gerecht werden. Der Rahmen dafür muss in unserer Zeit aber ein globaler sein. Denn die Probleme, die wir haben, betreffen die ganze Menschheit und sind nicht auf nationaler Ebene zu lösen. Ich bin optimistisch: Es hat bei den globalen Absprachen 100 Jahre gedauert von den ersten Haager Friedenskonferenzen bis zur Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs – aber er arbeitet heute. Daher ist es wichtig, dass die Menschen immer wieder die Hoffnung oder auch die Utopie haben und davon angetrieben werden.

Auf der Suche nach Regulationen für Wissenschaftler werden bei kniffligen Fragen gerne Ethikkommissionen eingesetzt. Brauchen wir solche Instanzen, die die Freiheit der Forschung einschränken und damit den Fortschritt bremsen können?
Kunze

Den Fortschritt kann man nur im Kontext sehen. Wenn uns etwa Fortschritt durch Technik versprochen wird,ist es wichtig, dass eine Gesellschaft über diese Dinge diskutiert und sie aushandelt. Dazu gehören auch Ethikkommissionen. Dabei sollte nicht die Freiheit der wissenschaftlichen Erkenntnis beschränkt werden, sondern wir alle müssen entscheiden, wie wir mit bestimmten Dingen umgehen. Das ist mühsam und frustrierend. Bürgerbeteiligung und Politikberatung sind langwierige Prozesse, aber sie sind sehr wichtig.

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