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Brotaufstrich von Knielinger Kasernengelände

Kompaniechef kocht Marmelade aus Karlsruher Maulbeeren

Die kleinen süßen Früchte, die Karlsruhes letzte komplette Allee von Maulbeerbäumen abwirft, kocht ein Hauptmann der Bundeswehr zum einmaligen Brotaufstrich ein.

Feine Früchtchen: Vor der Maulbeerbaum-Allee im Materiallager der Bundeswehr in Knielingen zeigt Hauptmann Frank Junga ein Glas seiner exotischen Marmelade. Foto: Jörg Donecker

Der cremig-körnige Inhalt jedes Glases ist von einem satten, tiefdunklen Violett. Der Löffel gleitet hinein, die Neugierde steigt. Dann das Geschmackserlebnis: zart, süß, ein bisschen wie Brombeere, aber weniger säuerlich, vor allem aber – anders. Irgendwie exotisch.

Tatsächlich kocht Frank Junga eine einmalige Marmelade aus den Früchten, die Karlsruhes letzte ziemlich vollständig erhaltene Allee von Maulbeerbäumen in Knielingen abwirft.

Der delikate Fruchtaufstrich ist die süße Folge eines exotischen Experiments. In markgräflicher Zeit ruhten große Erwartungen auf der Produktion von Seide. Die Produktion des kostbaren natürlichen Rohstoffs war einzig und allein mithilfe von Maulbeerbäumen möglich. Nur das Laub dieser Baumart aus Fernost ernährte die Seidenraupen.

Geblieben von dieser Epoche ist bis in unsere Tage die Baumreihe am westlichen Rand der heutigen Großstadt Karlsruhe. Auch einzelne Maulbeerbäume gibt es noch im Stadtgebiet. Und damals wie heute: jeden Sommer Früchte, inzwischen infolge des immer milderen Wetters sogar in Überfülle.

Bundeswehr-Mann Junga erkannte die Maulbeere sofort

Frank Junga, gestandener Hauptmann der Bundeswehr, erntet auf dem Gelände des Materiallagers der Bundeswehr an der Sudetenstraße in Knielingen. Unübersehbar, wenn die Zeit reif ist: Dann purzeln die weichen, saftigen Früchtchen, die auch in der Größe Brombeeren vergleichbar sind, in üppiger Zahl zu Boden.

Viele Maulbeeren landen auf einer alten Sandsteinmauer. Sie ist teils rekonstruiert und endet erst außerhalb des Kasernengeländes an der Eggensteiner Straße – genau da, wo die Wendeschleife für die neue Straßenbahnlinie nach Knielingen Nord entstanden ist.

Die weißen Früchte sind einfach süß, das unverwechselbare Aroma steckt nur in den schwarzen Beeren.
Frank Junga, Bundeswehrhauptmann und Marmeladekoch

Maulbeeren sprenkeln mit ihrem dunklen Zuckersaft auch die Kühlerhauben der Autos, deren Fahrer unvorsichtigerweise unter den buschigen Baumkronen auf dem Bundeswehrgelände parken.

Die typischen Blätter des Maulbeerbaums sind gezähnt und gelappt und für hiesige Gefilde so ungewöhnlich wie die ganze Pflanze. So, fielen sie Frank Junga auch gleich ins Auge, als er vor sieben Jahren aus Darmstadt nach Grünwinkel zog, weil er in die Karlsruher Einheit der Materialspezialisten gewechselt war.

Maulbeerbaum ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit

In Knielingen gedeihen weiße und schwarze Maulbeerbäume, wissenschaftlich: Morus alba und Morus nigra. Seidenraupen munden die Blätter von Morus alba besser, so ist es von den Zuchterfahrungen überliefert. Die Beeren von Morus nigra hingegen eignen sich eindeutig besser für Jungas Marmelade. „Die weißen Früchte sind einfach süß, das unverwechselbare Aroma steckt nur in den schwarzen Beeren“, hat der leidenschaftliche Marmeladenkoch festgestellt.

Der Maulbeerbaum ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Er ist verwandt mit der Feige und mit dem Gummibaum. Und er gedeiht desto prächtiger, je wärmer die Sommer werden. Das kann Junga in Knielingen Jahr für Jahr mitverfolgen. „Früher habe ich im August geerntet, diesmal war da schon längst die Marmelade im Glas“, sagt er.

Locker zehn Kilo Früchte holt der Chef der Kompanie aus jedem Baum. Dafür muss er allerdings mehrfach ran. Bis zu zwei Monate lang legt er in der Erntezeit einmal pro Woche eine Folie um den Stamm aus. Dann muss er nur noch mit einer gut vier Meter langen Stange mit Haken gegen die Äste klopfen und die herabgepurzelten Früchtchen einsammeln.

So fasziniert ist der Militär von dem historischen Erbe an seiner beruflichen Wirkungsstätte, dass er sich in die Geschichte der Seidenproduktion eingelesen hat. Auch in der Ausstellung zur Stadtgeschichte im Pfinzgaumuseum in der Durlacher Karlsburg hat sich Junga informiert.

Waldenser brachten Maulbeerbäume als Futter für Seidenraupen nach Karlsruhe

Als die Waldenser Ende des 17. Jahrhunderts ihres Glaubens wegen aus Frankreich flohen, kamen sie unter anderem nach Palmbach und Neureut. Damals brachten sie nicht nur Kartoffeln, Luzerne und Tabakpflanzen mit. Sie versuchten auch, die Seidenkultur in ihrer neuen Heimat aufzubauen. Dazu pflanzten sie Maulbeerbäume als Futterquelle für die Seidenraupen.

Aus dem Kokon dieser Raupe eines Nachtschmetterlings schlüpft in der Natur ein weißer Falter. Das Gespinst, in dem sich die Raupe verpuppt, besteht aus einem einzigen, über 1.500 Meter langen Seidenfaden. Das ist der Grundstoff für die Produktion kostbarer Naturseide. Mehrere Seidenfäden geben zusammen einen Seidenfaden.

Die Maulbeerbäume, die die Waldenser aus ihrer alten Heimat mitbrachten, gediehen seinerzeit rund um Karlsruhe nicht besonders. Dennoch setzte man Mitte des 18. Jahrhunderts durchaus auf die Seidenproduktion.

Heute sind die klimatischen Verhältnisse weitaus günstiger. Daher kann jeder, der sich wie Junga an Maulbeermarmelade, aber auch an Maulbeergelee und Maulbeerwein versuchen will, an geschützter Stelle eine Neuanpflanzung im eigenen Garten wagen.

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