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Interview

Literaturtage Karlsruhe: In die Vorfreude mischt sich auch Sorge

In die Vorfreude auf die Karlsruher Literaturtage mischt sich Sorge. Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe, spricht im Interview über das Wachsen der regionalen Literaturszene und das Verschwinden öffentlicher Foren.

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Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann.
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Auf ein reichhaltiges Programm bei den Literaturtagen Karlsruhe freut sich Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft. Das Festival wurde vor zehn Jahren gegründet und umfasst mittlerweile knapp 40 Veranstaltungen an elf Tagen. Foto: monika maier SWR/Monika Maier

Die Literaturtage Karlsruhe gehen ins zehnte Jahr. 2012 sprang die Literarische Gesellschaft Karlsruhe kurzfristig für eine andere Kommune als Ausrichter der baden-württembergischen Literaturtage ein.

Die damalige Ausgabe des Landesfestivals wurde umgewidmet zum Forum für regionale Autorinnen und Autoren.

Aufgrund des großen Zuspruchs hat sich das Festival verstetigt und bietet von Freitag, 7. Oktober, bis Montag, 17. Oktober, ein dichtes Programm. Warum hinsichtlich der Öffentlichkeit für Literatur in Karlsruhe dennoch nicht alles in Butter ist, darüber sprach der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft, Hansgeorg Schmidt-Bergmann, mit unserem Redaktionsmitglied Andreas Jüttner.

Fast 40 Veranstaltungen in elf Tagen, das ist ein wirklich umfangreiches Programm. Lässt sich daraus schließen, dass mit der Literaturszene in Karlsruhe also alles in Ordnung ist?
Schmidt-Bergmann

Die Literaturszene selbst ist in Karlsruhe sehr facettenreich. In den zehn Jahren, in denen wir die Literaturtage machen, ist der Umfang stetig gewachsen, und zwar bei gutem Niveau. Ganz wichtig ist, dass hierdurch auch neue Generationen hinzukommen, die ihre Formen ausprobieren, ihre Gruppen bilden und sich austauschen. Krisenhaft ist nicht die Literaturszene, krisenhaft sind die Umstände und die Fördermechanismen.

Inwiefern?
Schmidt-Bergmann

Literatur muss immer wieder neu um ihre Lobby kämpfen. Die Literaturtage machen wir mit einem Budget von zirka 18.000 Euro, wobei rund 10.000 Euro dankenswerterweise vom Kulturbüro kommen. Was allerdings oft übersehen wird, ist unser Personaleinsatz: Zwei Leute bei uns im Haus sind fast ein halbes Jahr mit der Vorbereitung und Koordination des Festivals beschäftigt, übernehmen alle redaktionellen Arbeiten und sind zuständig für die Anzeigenakquise, Presse- und Marketingaufgaben. Wir stellen die Logistik, wir betreuen die Website der Literaturtage und Social-Media-Kanäle, wir übernehmen der Vertrieb der Literaturtage-Materialien und vieles mehr.

Wie passt die knappe Finanzlage dazu, dass viele Veranstaltungen bei freiem Eintritt angeboten werden?
Schmidt-Bergmann

Die Aufgabe der Literaturtage ist es, ein Forum zu bieten. Es geht den meisten Beteiligten vor allem darum, ihre Bücher vorzustellen, die sie oft mit Selbstkosten verlegt haben. Ein solches Festival ist nur möglich mit sehr großem Einsatz aller Beteiligten, die sagen: Es geht nicht ums Geld, sondern um die Präsentation von Literatur in allen Formen. Wir haben hier Theatertexte, wir haben Lyrik, Prosa, Poetry Slam und auch Krimis. Das zeigt, wie stark die Literaturszene hier ist und dass wirklich viel geschrieben wird.

Welche Bedeutung hat das Schreiben?
Schmidt-Bergmann

Ohne Schreiben geht es einfach nicht. Das ist ein Instrument von Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis. Als Literarische Gesellschaft bieten wir das in allen Schulformen mit Schreiblehrgängen an. Das läuft sehr gut und lässt oft Hoffnungen, Sehnsüchte und Träume der jungen Menschen zur Sprache kommen. Alles ist im permanenten Wandel, aber das Schreiben bleibt. Es hat mit dem Kratzen auf Steinen begonnen, inzwischen sind wir eben am Laptop und in zehn Jahren genügt es vielleicht schon, Sätze zu denken, um sie zu verschriftlichen.

Sie haben die Notwendigkeit benannt, für Literatur ein Forum zu bieten. Von solchen Foren gab es in Karlsruhe schon mal mehr, beispielsweise die Bücherschau oder die Krimitage…
Schmidt-Bergmann

Diese Entwicklung kann man nur mit einer ganz großen Skepsis beobachten. Bei der Einstellung der Bücherschau finde ich das finanzielle Argument nicht überzeugend. Eine Bücherschau wäre wichtig für Karlsruhe, nur wird das hier politisch eben nicht gesehen. In Stuttgart wird sie ja weitergeführt. Wir haben also wieder etwas verloren, obwohl man sicher Formen gefunden hätte, dies fortzusetzen. Es ist in den vergangenen Jahren einiges abgespeckt worden, was einem umso mehr auffällt, wenn man zum Vergleich mal nach Mannheim schaut, was da jedes Jahr möglich ist und mit welchem Engagement dort die Stadt dabei ist.

Dabei bespielen die Literaturtage ja auch Teile der Stadt. Warum findet nur ein Bruchteil der Veranstaltungen bei der Literarischen Gesellschaft selbst statt?
Schmidt-Bergmann

Das Festival war von Anfang an dezentral gedacht, um Literatur in die Stadt hineinzutragen. Das ist auf viel Interesse gestoßen, und es werden auch in diesem Jahr wieder ungewöhnliche Orte bespielt, etwa ein Treppenhaus oder der Hauptfriedhof. Aber natürlich gibt es auch einige Veranstaltungen bei uns im Prinz-Max-Palais, denn wir verstehen uns als Zentrum der Literatur in Karlsruhe. Nur leider wird der Zustand des Gebäudes immer problematischer.

Was wäre hier nötig?
Schmidt-Bergmann

Eine Generalsanierung ist unumgänglich. Sie ist schon seit längerem geplant, auch die Machbarkeitsstudien sind da. Aber von politischer Seite haben wir bislang immer nur ein wohlwollendes Kopfnicken bekommen, ohne dass konkret etwas passiert wäre. Dabei sind die Probleme offensichtlich. Es fallen mal die Klimaanlagen aus, mal die Fahrstühle, mal die Klingelanlage. Wir spüren am Besucherinteresse, dass das Haus im Außenbereich nicht mehr attraktiv ist, und wir hoffen wirklich, dass sich hier bald etwas tut.

Um noch einmal auf das umfangreiche Programm der Literaturtage zurückzukommen: Was würden Sie Erstbesuchern besonders empfehlen?
Schmidt-Bergmann

Wer noch nie bei der Eröffnung im Badischen Staatstheater dabei gewesen ist, dem würde ich das dringend ans Herz legen. Dort gibt es seit Jahren ein sehr erfolgreiches Format: den Poetry Slam „Dead And Alive“. In diesem Wettbewerb treten Schauspieler in den Rollen verstorbener Dichter und quicklebendige Slammer, also junge Autorinnen und Autoren, auf. Da ist das Große Haus des Staatstheaters meistens voll besetzt, bei einem Altersdurchschnitt von 25 Jahren, und es macht richtig viel Spaß. Denn natürlich soll Literatur auch unterhalten.

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