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„achteintel“ plant „LitfassMuseum“

Karlsruher Kollektiv will per Crowdfunding Kunst an leere Litfaßsäulen bringen

Nicht erst seit Corona herrscht auf zahlreichen Werbeflächen im Karlsruher Stadtgebiet Leere. Zwei Designer wollen diese Lücke füllen und dem Kulturbetrieb damit zum Neustart verhelfen.

So könnte das „LitfassMuseum“ aussehen: Hochformatige Kunstplakate im öffentlichen Raum, gestaltet von Künstlern aus der Region und finanziert von der Gemeinschaft. Foto: Michael Gibis

Bei jedem Spaziergang zum Spielplatz fällt sie ihm ins Auge: Die leere Litfaßsäule in Durlach, an der Michael Gibis fast täglich vorbeikommt. Schon vor der Corona-Pandemie wundert sich der Vater und Kommunikationsdesigner über die zumeist weiße Fläche. Und fragt sich: Kann man die nicht besser nutzen?

„Einfach mit bunten Farben etwas drauf zu malen, habe ich mich natürlich nicht getraut“, erzählt Gibis. Stattdessen stößt er eines Tages auf ein Schweizer Kunstprojekt mit sogenannten Kultursäulen. Und wendet sich an das Karlsruher Kulturbüro mit der Idee, so etwas auch hierzulande umzusetzen.

Aus diesen ersten Überlegungen im Februar ist mittlerweile ein handfestes Projekt geworden, das kurz vor der Verwirklichung steht. Ende Juli wollen Michael Gibis und sein Mitstreiter Daniel Ehniss, die sich für ihr „LitfassMuseum“ zum Kollektiv „achteintel“ zusammengeschlossen haben, für zehn Tage insgesamt 13 Litfaßsäulen in Karlsruhe mieten und mit Werken von Künstlern aus der Region bestücken.

Man ist in der Pandemie ja viel in der eigenen Umgebung unterwegs und merkt, dass Kultur und Kunst fehlen.
Daniel Ehniss, Webdesigner

Der Name „achteintel“ bezieht sich auf das Format der Plakate, die dafür benötigt werden: Acht DIN-A1-Drucke ergeben das schmale Hochformat, auf dem sich Künstler an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet ausprobieren dürfen. „Man ist in der Pandemie ja viel in der eigenen Umgebung unterwegs und merkt, dass Kultur und Kunst fehlen“, sagt Ehniss. Der Webdesigner, ebenso Familienvater aus Karlsruhe, hat für das geplante „LitfassMuseum“ eine Internetseite erstellt, auf der die Kunstausstellung auch nach der Laufzeit auf den Litfaßsäulen ein digitales Zuhause bekommen soll. „Die Werke sollen weiter leben“, sagt Michael Gibis. „Und natürlich haben wir den Wunsch, das „LitfassMuseum“ dauerhaft zu etablieren.“

Wollen die weiße Fläche mit Kunst bespielen: Michael Gibis (li.) und Daniel Ehniss aus Karlsruhe planen ein „LitfassMuseum“ in der Stadt. Foto: Carl Forger

Künstler erhalten für Ausstellung im Karlsruher „LitfassMuseum“ ein kleines Honorar

Das allerdings kostet viel Geld. Nach einem Tipp aus dem Kulturbüro wendete sich Gibis an den Anbieter der Werbeflächen, die normalerweise kommerziell belegt werden. Die Firma gewährte den Machern des „LitfassMuseums“ 50 Prozent Kulturrabatt. Trotzdem sind mehrere Tausend Euro nötig, um die Säulen zu mieten, die Kunstwerke zu drucken und den Künstlern ein kleines Honorar zu zahlen. „Das ist ein Zeichen der Wertschätzung“, sagt Gibis, „aber nichts, von dem man leben könnte.“ Die Organisatoren wollen alle Künstler gleich entlohnen, egal ob es sich um Hobby-Maler handelt oder um jemanden, der bereits europaweit ausgestellt hat.

Den Kulturmotor können wir nicht alleine neu starten.
Michael Gibis, Kommunikationsdesigner

Für die Gestaltung ihrer Litfaßsäulen müssen Künstler ungewohnte Formate ausprobieren. Foto: Michael Gibis

Insgesamt benötigen sie für die erste zehntägige Kunstaktion rund 8.000 Euro. Eine mögliche Förderung von der Stadt hätte vermutlich nicht ausgereicht. Deswegen brachte Daniel Ehniss die Idee ins Spiel, das „LitfassMuseum“ über Spenden aus der Gesellschaft finanzieren zu lassen – per sogenanntem Crowdfunding. „Uns hat der Gedanke gefallen, über die Fanbase ein solches Projekt realisieren zu können“, sagt Gibis. „Den Kulturmotor können wir schließlich nicht alleine neu starten, wir wollen lediglich einen Anstoß geben.“

Durch die Plakatierung solle die Kunst im Stadtgebiet wirken. „Die Litfaßsäule ist ein spannendes Medium seit mehr als 160 Jahren“, sagt Gibis. „Durch sie ist erst die Kreativwirtschaft entstanden, weil es vorher gar keine Möglichkeit gab, großformatig zu werben.“

Beim Crowdfunding für das Karlsruher „LitfassMuseum“ fehlen noch rund 1.500 Euro

Mehr als 6.000 Euro haben Gibis und Ehniss in den ersten drei Wochen des Crowdfundings bereits gesammelt. Rund 100 Menschen haben sich bis Dienstag beteiligt. Besonders freut die Macher, dass es sich zum Großteil um Karlsruher handelt, also um potenzielle Besucher des Freiluftmuseums an den Litfaßsäulen. „Das ist für uns ein Gradmesser, dass auch die Ausstellung selbst ein Erfolg wird und wirklich einen Nutzen hat.“

Mit Kunst an Litfaßsäulen wollen Michael Gibis und Daniel Ehniss Kultur in den öffentlichen Raum zurückbringen. Foto: Michael Gibis

Sechs Kulturschaffende kommen zunächst zum Zug, jeder gestaltet zwei identische Litfaßsäulen. Zusätzlich wird es am Kronenplatz eine Infosäule mit einer Erklärung des Projekts geben. Die Künstler, die im „LitfassMuseum“ ab 23. Juli ausstellen dürfen, sind Carolin Segebrecht, Chiharu Koda, Jana Gruszeninks, „Dear Deer Art Conspiracy“, „Dome“ und Michael Gibis selbst. „Das sind alles Künstler, die in der Region leben und arbeiten“, sagt Daniel Ehniss. „Und wir konnten die Säulen mit drei Männern und drei Frauen paritätisch besetzen.“ Die endgültigen Standorte der künstlerischen Litfaßsäulen wollen die Macher bekannt geben, sobald das Crowdfunding beendet ist. Aber eins steht schon fest: Die Säule in Durlach ist auch dabei.

Crowdfunding fürs „LitfassMuseum“

Noch bis Donnerstag, 20. Mai, 18 Uhr, läuft das Crowdfunding für das Karlsruher „LitfassMuseum“. Unter wemakeit.com/projects/achteintel-litfassmuseum können Unterstützer einen beliebigen Betrag spenden. Ab 20 Euro locken dafür sogar kleine Belohnungen: je nach Betrag etwa Postkarten, Poster, Baumwolltaschen oder Führungen zu den gestalteten Litfaßsäulen. Insgesamt 8.000 Euro benötigen die Macher vom Kollektiv „achteintel“ für die Umsetzung des Kunstprojektes, wobei der größte Teil für den Druck von etwa 40 hochformatigen Plakaten und die Miete der 13 Litfaßsäulen verwendet wird. Darüber hinaus erhalten die teilnehmenden Künstler ein kleines Honorar. Zwei Tage vor Ende des Crowdfundings (Stand Dienstag, 12 Uhr) fehlten noch ungefähr 1.500 Euro.

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