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Offener Brief an Mentrup

Experten kritisieren Neuplanung des Markgräflichen Palais’ in Karlsruhe

Die Neuplanung des Markgräflichen Palais’ in Karlsruhe stößt auf Widerstand. Bauhistoriker und Kunstexperten sehen mit den Plänen der PSD Bank das historische Erbe der Weinbrenner-Stadt in Gefahr. In einem Brief wenden sie sich an Oberbürgermeister Mentrup.

Klassizistisches Erbe: Bauhistoriker und Stadtbild-Experten warnen in einem Offenen Brief eindringlich vor  unsachgemäßem Umgang mit dem Markgräflichen Palais. Den Architektenwettbewerb der PSD Bank erklären sie für gescheitert.
Klassizistisches Erbe: Bauhistoriker und Stadtbild-Experten warnen in einem Offenen Brief eindringlich vor unsachgemäßem Umgang mit dem Markgräflichen Palais. Den Architektenwettbewerb der PSD Bank erklären sie für gescheitert. Foto: Jörg Donecker

Der Widerstand gegen die Neuplanung des Markgräflichen Palais wächst. Jetzt hat sich die Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft in einem Offenen Brief an Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) gewandt. Das Stadtoberhaupt wird darin eindringlich gebeten, seinen Einfluss in der Sache geltend zu machen.

Neben dem Präsidenten der Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft, Ulrich Maximilian Schumann, dem KIT-Professor und Weinbrenner-Spezialisten Julian Hanschke sowie dem früheren Karlsruher Stadtkonservator und Architekturhistoriker Gerhard Kabierske haben weitere 30 Persönlichkeiten aus der Fachwelt den Offenen Brief unterzeichnet.

Darunter befinden sich der frühere Direktor des Generallandesarchivs Karlsruhe, Konrad Krimm, der langjährige Vorsitzende der Landesvereinigung Baden in Europa, Robert Mürb, der Architekt Heinz Mohl, die Chefin der Karlsruher Regionalgruppe des Vereins Badische Heimat, Marthamaria Drützler-Heilgeist, die Kunst- und Bauhistoriker Johann Josef Böker, Oliver Jehle, Michael Hesse sowie weitere Professoren aus Frankreich, Italien, Kanada und den USA.

Gefahr im Verzug: Unterzeichner finden drastische Worte

Nach Ansicht der Unterzeichner des Offenen Briefs droht aktuell „so massiv wie noch nie die Gefahr, dass ein privates Bauvorhaben die historische und stadträumliche Identität der Karlsruher Innenstadt tiefgreifend verändert“. Hintergrund der Befürchtung ist der Plan der PSD Bank Karlsruhe-Neustadt eG, das von ihr erworbene Palais am Rondellplatz neu zu gestalten.

Wie die BNN berichteten, hatte die Bank einen Architektenwettbewerb ins Leben gerufen. Dessen Ergebnisse – namentlich der aussichtsreiche erstplatzierte Entwurf des Berliner Büros Staab – lassen die Fachleute zu drastischen Worten greifen.

Ihnen zufolge ist der gerade abgeschlossene Wettbewerb für den Ersatz der Bauteile aus der Nachkriegszeit „an der Aufgabe gescheitert, auf die besondere Situation einzugehen und auf Weinbrenners historischen Kern und die Rolle des Bauwerks im Stadtraum angemessen zu antworten“.

Das gelte auch und in besonderem Maß für den erstprämierten Entwurf. „Im Falle einer Realisierung droht an diesem wichtigen Teil der Innenstadt eine beliebige Investoren-Architektur, die das kulturelle Erbe aller und die Lesbarkeit des öffentlichen Raums einseitig in ihrem Sinn interpretiert“, warnen die Autoren des Schreibens.

Markgräfliches Palais in Karlsruhe gilt als herausragendes Werk von Weinbrenner

Die Fachleuten betonen die Bedeutung des Markgräflichen Palais’. Es gilt gemäß ihrer Expertise auch international als herausragendes Werk des Stadtbaumeisters Friedrich Weinbrenner. „Ihm gelang es als badischer Oberbaudirektor, der barocken Residenzstadt Karlsruhe ein klassizistisches Gesicht und erlebbare Räume für eine zunehmend bürgerliche Öffentlichkeit zu geben“, erläutern die Experten.

Für Karlsruhe sei das Markgräfliche Palais am Rondellplatz „eines der wenigen historischen Zeugnisse aus jener entscheidenden Phase“. Neben Rathaus und Evangelischer Stadtkirche halten sie das Palais für „eine wichtige Koordinate, ohne die die Form der Stadt nicht verständlich wäre“.

Kritik üben die Autoren etwa an der Verbindung der geplanten Fassaden der Seitenflügel mit dem historischen Baubestand. Diese bedeutende Frage sei weder räumlich noch formal gelöst. Die vom Büro Staab vorgesehene vertikale Rasterfassade, die Trichterform der geplanten Fenster sowie die „überdimensionierte und asymmetrisch gebrochene Dachlandschaft“ seien mit Weinbrenners Entwurfsprinzipien unvereinbar. Die Pläne der Berliner Architekten negierten die originale Verteilung und Gliederung der Baumassen. Das Gleiche gelte für die „qualitätvollen und bestens dokumentierten Innenräume hinter Weinbrenners Hauptfassade“.

Die Kritiker fordern, „dass eine künftige Neugestaltung dieses einzigartigen Objekts mit der Geschichte des Ortes interagiert und die maßgeblichen Elemente von Weinbrenners Gesamtplanung im Sinn einer kritischen Rekonstruktion aufgreift“. Diese Praxis habe sich bewährt – etwa bei der Alten Pinakothek in München oder beim Neuen Museum in Berlin.

Im Fall des Markgräflichen Palais’ sollten alternative, stadtverträglichere Lösungen diskutiert und gefunden werden, so der Offene Brief. Das Ergebnis des Wettbewerbs finden die Kritiker zutiefst enttäuschend. Es sei auch Folge mangelnder Vorgaben und fehlender Einbeziehung von Öffentlichkeit, Behörden und Fachleuten, so ihre Vorhaltung gegenüber dem OB.

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