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Stadt kommt ohne Containerlösung aus

Noch immer kommen viele ukrainische Flüchtlinge in Karlsruhe an

Der Zustrom ist ungebrochen: Rund 70 ukrainische Flüchtlinge werden pro Monat neu in Karlsruhe registriert. Die Stadt muss sie unterbringen.

© Jodo-Foto /  Joerg  Donecker// 10.07.2023 Ukraine -Wohnheim beim Vincentius, Foto: Mama Nadiia Kozyn mit Sohn Hleb, Maedchen: Slata ( anderes Kind, nicht v. dieser Mutter),
Vor dem Krieg hat sich Krankenschwester Nadiia Kozyn in Karlsruhe in Sicherheit gebracht. Im Spielzimmer verbringt sie Zeit mit ihrem Sohn Hleb (rechts) und der dreijährigen Slata, deren Mutter hochschwanger ist. Foto: Jörg Donecker

„Du bist jetzt sicher“, steht auf einem Zettel im Spielzimmer der ukrainischen Kinder geschrieben. Zusammen mit ihren Müttern und in wenigen Fällen ebenso den Vätern sind die Jungen und Mädchen in einem früheren Schwesternwohnheim in der Karlsruher Steinhäuserstraße untergekommen.

Dort gibt es in dem Raum für die Kleinen bunte Sitzsäcke, Puzzle, Bobbycars und einiges mehr. Hleb spielt in einer Ecke. Der Junge hat Angst vor Fremden und vor allem vor Raketen, erklärt seine Mutter Nadiia Kozyn. Lange hat die Krankenschwester mit ihrem Kind in der Zentral-Ukraine ausgeharrt. Sie ist aus der Stadt weg aufs Land gezogen. Doch der Einjährige litt, wenn es wieder Angriffe gab.

Karlsruhe setzt auf Drehscheibe

Seit 3. Juli ist Hleb mit seiner alleinerziehenden Mutter in Karlsruhe. Erste Anlaufstelle ist hier das Hochhaus, in dem einst Pflegekräfte der Vincentius-Kliniken wohnten. Die Stadt hat das Gebäude angemietet und zur Drehscheibe gemacht. Wer neu ankommt, findet dort erst mal Unterkunft.

„Aktuell haben wird rund 250 Bewohner“, erläutert Barbara Mehnert von der AWO, die mit der sozialen Beratung und Betreuung beauftragt ist. Platz wäre für bis zu 280 Personen. Auf Dauer soll keiner bleiben. Die Stadt sucht vielmehr passende Folgeunterkünfte, sagt Steffen Schäfer von der städtischen Wohnraumakquise.

Es gibt keine soziale Konkurrenz
Steffen Schäfer
Wohnraumakquise

Zum 1. August steht die nächste größere Auszugswelle an. „Wir haben in Durlach das frühere Pflegeheim Am Turmberg für zwei Jahre neu angemietet.“ Dieses sei mit 50 Plätzen nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben gewesen und länger leer gestanden. „Für uns ist das ein versteckter Sechser im Lotto“, fasst es Schäfer zusammen.

Er betont: „Es gibt keine soziale Konkurrenz.“ Man habe eben keine laufende Pflegeeinrichtung umgewidmet. Zudem habe der Krieg in der Ukraine zu mehr Solidarität geführt: Vermehrt stellen Hausbesitzer ihre zuletzt leer stehenden Wohnungen für die Akquise zur Verfügung. „Davon profitieren alle Klientel, wir betreiben keine Ukraine-Akquise.“

Weiter kommen ukrainische Flüchtlinge an

Die Stadt kann das ehemalige Schwesternwohnheim noch mindestens zwei Jahre nutzen, erläutert Sozialamtsleiter Torsten Klein. Noch vor ein paar Monaten dachten viele, dass im Sommer weniger Flüchtlinge ankommen als im Winter. „Das bestätigt sich jetzt nicht“, bilanziert Schäfer.

Rund 70 Neuankömmlinge verzeichnet die Stadt pro Monat. „Die Sicherheitslage in der Ukraine ist ein Punkt, ein anderer die Zerstörung der Infrastruktur“, meint Klein. Zudem muss Karlsruhe Menschen unterbringen, die in der Stadt teils monatelang privat untergekommen waren – was aber jetzt endete.

Insgesamt wurden seit Kriegsbeginn 4.690 ukrainische Flüchtlinge in Karlsruhe registriert. Inzwischen zogen der Statistik von Schäfer zufolge 843 wieder weg, davon 392 zurück in ihre Heimat. Von der Stadt wurden 1.465 Menschen untergebracht, der Rest fand privat Unterschlupf. „1.124 Menschen wohnen in 93 städtischen Unterkünften“, legt Schäfer dar. Darunter fallen alte Hotels. 341 Menschen leben in Akquisewohnungen. „Da haben wir Signale, dass sie in Deutschland bleiben wollen.“

Bleiben oder zurückgehen: „Diese Frage ist schwer zu beantworten“, sagt Oksana Kravets. Die Frau aus Kiew ist studierte Sozialarbeiterin. Im März 2022 floh sie nach Deutschland. „Ich konnte schon Deutsch“, erzählt sie. Aber ohne den Krieg wäre sie nicht nach Deutschland gekommen. Im Juni 2022 startete sie bei der Karlsruher AWO ein Praktikum und ist nach einem Jahr nun als Sozialarbeiterin im früheren Schwesternwohnheim beschäftigt.

Einige haben alles verloren.
Oksana Kravets
Sozialarbeiterin

Oksana Kravets trifft dort auf Menschen, die Schussverletzungen haben. „Einige haben alles verloren.“ Sie sagt: „Aus meiner Einschätzung will ein Drittel zurück, ein Drittel hier bleiben, ein Drittel ist unsicher.“ Es kommen Diabetiker und Krebspatienten, erzählt Helen Mebrahtu, die Verwaltungsleiterin im Schwesternwohnheim ist.

In der Erstberatung geht es oft um das Beantragen von Sozialleistungen. Im Fall der Fälle müssen Arzttermine vereinbart werden. Es stellt sich meist die Frage der Kinderbetreuung. „Unsere Sprechstunde ist inzwischen nicht mehr nur für die Hausbewohner offen“, erläutert Mehnert. Auch bereits weitergezogene Ukrainer können sich Rat holen. Und manchmal geht es schnell, erzählt Mehnert. Im Mai sei beispielsweise in einer anderen Unterkunft das WLAN ausgefallen – kurz vor den Prüfungen der Kinder, die am ukrainischen Fernunterricht teilnehmen. „Die kamen dann zu uns und wählten sich ein.“

Ein geschützter Raum

In dem Spielzimmer wird gebastelt, gemalt, geknetet. Die dreijährige Slata setzt sich zu Hleb und spielt. Sie kam mit ihrem Vater und ihrer hochschwangeren Mutter aus einem von Russen besetzten Gebiet nach Karlsruhe und lebt jetzt ebenfalls in dem einstigen Flüchtlingsheim.

„Wichtig ist, dass die Menschen hier sicher und sozialpädagogisch begleitet sind“, betont Schäfer. Er geht davon aus, dass die Immobilie als Drehscheibe erst einmal reicht. „Wir planen in jedem Fall weiter ohne Unterbringungen in Containern oder Sporthallen“, versichert er.

Karlsruhe und Wien kooperieren

Seit 15 Jahren besteht zwischen den Städten Karlsruhe und Wien ein kontinuierlicher wohnungspolitischer Fachaustausch. Anlass des jüngsten Treffens war die soziale Wohnraumversorgung ukrainischer Geflüchteter. Beiden Städte akquieren Wohnraum für die Geflüchteten und müssen nicht auf Turnhallen oder Containerlösungen zurückgreifen.
Da die Aufgabe ämterübergreifend ist, reiste eine Karlsruher Delegation nach Österreich, die nicht nur aus Mitgliedern des Sozialdezernats bestand. Dabei waren ebenso Vertreter der Ausländerbehörde und des Hauptamtes. „Wir lernen immer wieder dazu, wenn wir uns mit Wien austauschen“, versichert Bürgermeister Martin Lenz (SPD) als Leiter der Karlsruher Delegation.
Im vergangenen Jahr waren die Wiener in Karlsruhe zur Fachtagung „Soziale Durchmischung“. Einen weiteren Besuch plant Wiens Vizebürgermeisterin Kathrin Gaal im November. Dann will sie mehr erfahren zum Karlsruher Modell der Wohnraumakquise.

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