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Hauptverhandlung

So haben Zeugen die Bluttat bei der Corona-Party in Karlsruhe erlebt

Rund zehn junge Leute treffen sich zum Feiern in einer Wohnung, am Schluss bekommt der Gastgeber fünf Messerstiche und stirbt. Vor dem Karlsruher Landgericht berichten Zeugen, wie sie den Abend erlebt haben.

Das Karlsruher Landgericht arbeitet den Tod eines jungen Mannes in der Oststadt auf. Er starb nach den Messerstichen, die ein Gast ihm zufügte. Foto: Arne Dedert/dpa

Die Fotos vom Tatort in der Humboldtstraße und dem 19-jährigen Todesopfer sind nichts für empfindsame Gemüter. Als sie auf den Großbildschirm im Schwurgerichtssaal des Karlsruher Landgerichts projiziert werden, wenden manche der Zuschauer ihren Blick instinktiv ab.

Andere geraten angesichts der Wucht der Bilder in Rage: Mit lauter Stimme stößt einer aus dem Freundeskreis des Getöteten eine Reihe von Beleidigungen in Richtung Anklagebank aus – von denen „Missgeburt“ noch die mildeste ist. Dann hört man ihn sagen: „Ich find’ Dich im Kosovo.“

Von dort stammt der mutmaßliche Täter. In den frühen Morgenstunden des 8. Januar soll der 20-Jährige den wenige Monate jüngeren Gastgeber hinter dessen Haustür in der Humboldtstraße mit fünf Messerstichen so schwer verletzt haben, dass der junge Mann noch vor Eintreffen der Rettungskräfte starb. Oberstaatsanwalt Martin Schacht wirft dem Angeklagten deshalb Totschlag vor.

Angeklagter stieß als Letzter zur Corona-Party in Karlsruhe

Bevor es zu den verhängnisvollen Messerhieben kam, hatten rund zehn junge Leute – entgegen den damals geltenden Corona-Vorschriften – gemeinsam in der Wohnstube des späteren Opfers gefeiert. Als Letzter stieß der Angeklagte zu der Gruppe.

Er war laut und hibbelig.
Eine Zeugin über den Angeklagten

Folgt man den Aussagen mehrerer als Zeugen gehörter Teilnehmer der Party, dann fügte sich der junge Mann aus dem Kosovo nicht recht in die übrige Gruppe ein.

„Er war laut und hibbelig“, erinnerte sich eine junge Frau, die in jener Januarnacht auch zu Gast in der Oststadt-Wohnung war. Einem anderen Gast blieb im Gedächtnis, dass der Angeklagte übergriffig gewesen sei:

Er habe eines der Mädchen gegen dessen Willen umarmt und immer wieder am Oberschenkel angefasst. „Er hat sich benommen wie ein Idiot“, fasste der Dritte seine Beobachtungen zusammen.

Wie der Abend allerdings dermaßen aus dem Ruder laufen konnte, dass am Ende der Eingangsbereich des Hauses voller Blut war und ein städtischer Bestattungswagen den Leichnam des jungen Opfers abholen musste, bleibt unklar.

Einig sind sich die Zeugen, dass man den lauten und überaktiven Gast abschütteln wollte – ein Job, den offenbar der Wohnungsinhaber erledigen wollte. Nach Lage der Dinge geleitete er den jungen Mann zur Haustür.

T-Shirt des Opfers der Messerattacke in Karlsruhe war blutgetränkt

Was dort im Detail geschah, hat niemand exakt gesehen. Zwar lief ein weiterer Gast „zur Sicherheit“ hinter dem Duo her in Richtung Ausgang. Doch die eigentlichen Messerstiche konnte er nicht sehen.

Der Getroffene taumelte noch zwei Schritte und brach dann zusammen. Ein sieben Zentimeter tiefer Stich traf seinen rechten Lungenoberlappen und kappte die Schlagader.

Der junge Mann verlor viel Blut: Das einst weiße T-Shirt, das das Opfer unter einem Hoodie trug und das die Vorsitzende Richterin Sabine Salomon den Verfahrensbeteiligten präsentierte, ist durch und durch dunkelrot getränkt.

Bei Bluttat in Karlsruhe waren weder Drogen noch Alkohol im Spiel

Nach der fatalen Auseinandersetzung verließ der mutmaßliche Täter im Laufschritt den Tatort in der Humboldtstraße. Zwei Mädchen, die bereits zuvor die Wohnung verlassen hatten und die zwischenzeitlich wieder auf dem Rückweg zu dem Appartement waren, begegneten dem Flüchtenden.

Auf die Frage, was geschehen sei, stammelte der junge Mann, es sei „Scheiße passiert“. Mit seinem Messer und mit Stichbewegungen veranschaulichte er ihnen zufolge die Tat.

Dann bat er die entsetzten jungen Frauen, ihm doch noch eben sein Smartphone zu bringen. Das hatte er in der Wohnung seines Opfers zurück gelassen.

Angeklagter sitzt in Ulm in Untersuchungshaft

Wenige Stunden später nahm die Polizei den mutmaßlichen Täter in der Südweststadt fest. Laut Protokoll der Blutentnahme hatte er weder Alkohol noch Drogen konsumiert.

Seit der Tat ist der Mann in Untersuchungshaft. Von Karlsruhe aus wurde er nach Stuttgart verlegt; weil er in der dortigen Haftanstalt bedroht wurde, brachte man ihn nach Ulm.

Der Führungsbericht der JVA beschreibt ihn als höflich und diskussionsfreudig. Unter den Mitgefangenen hat er die Rolle des „Gruppenclowns“. Die Hauptverhandlung wird am Donnerstag, 22. Juli, um 9 Uhr fortgesetzt.

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