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Schwierige Zeit für Cartoonisten

Pop-Up-Store in der Karlsruher Innenstadt zeigt Cartoons, die zum Nachdenken anregen

Cartoons im Vorbeigehen, die gibt es in einem leerstehenden Café direkt beim Karlsruher Marktplatz zu sehen. Die Idee hatten Zeichner aus der Region, die in der Corona-Zeit besonders gelitten haben.

Der Mann und der Bär: Steffen Butz ist für seine Bärencartoons deutschlandweit bekannt – die aber doch oft ziemlich menschlich daherkommen. Foto: Matthias Dreisigacker

Na endlich, der Witz kommt raus. Und dann auch noch gleich beim Marktplatz, also mitten in der Stadt. Umzingelt von veränderten Mediennutzungsgewohnheiten der Leser war der Cartoon schon länger, ehe es für die Künstler mit dem Frühjahr vergangenen Jahres sogar noch einmal humorloser wurde. „Gerade in der Corona-Zeit sind wir Cartoonisten finanziell ein wenig abgesoffen“, sagt der Cartoonist Steffen Butz. Also musste etwas geschehen.

Gemeinsam mit seinen Kollegen Franziska Poike, Michael Rickelt, Petra Kaster und Markus Grolik, die zusammen als die Gruppe Cartoon/Motion firmieren, hat er vor anderthalb Wochen in der Hebelstraße 21 einen Cartoon Pop-Up-Store eröffnet. Mindestens einer der beteiligten Cartoonisten wird nun bis zum ersten Augustwochenende zu den Öffnungszeiten anwesend sein, dazu gibt es Schauzeichnen und Signierstunden.

Zu sehen gibt es in den Räumen eines vormaligen und nun gerade leerstehenden Cafés Cartoons, Zeichnungen sowie Trickfilme der Künstler.

Und wem es besonders gut gefallen hat, der wird zum Mitnehmen bestimmt unter den zahlreichen Büchern, Postkarten, Postern, Kalendern und verschiedenen Merchandisingartikeln des Quintetts fündig werden, zumal die ausgestellten Arbeiten auch erworben werden können.

Bisher weniger Publikum als gedacht

Butz ist mit Bärencartoons deutschlandweit bekannt geworden, was zwar niedlich klingt, es aber nicht ist. Denn dafür sind seine Protagonisten am Ende dann doch bis unter das Fell viel zu menschlich. Ob Klima, Sex, Krieg oder die Tücken des Miteinanders, bei Butz gibt es keine humane Krisenzone, die nicht auch in Höhlen und Wäldern so witzig wie nachdenklich gespiegelt werden könnte.

Aber gerade auch die Arbeiten der mitausstellenden Kollegen sind ein Kaleidoskop gegenwärtiger Zeitumstände, das sehenswert ist. Gerade jetzt blickt aber auch Butz skeptisch rechts und links die Hebelstraße hinauf und wieder hinunter. Der Fußgängerverkehr sei mäßiger, als man zuvor gehofft hatte und „könnte ein bissel mehr sein“, sagt der gebürtige Frankenthaler im Hinblick auf das Publikum.

Wenn wir hier rausgehen, haben wir sicher einiges gelernt.
Steffen Butz, Cartoonist

Wahrscheinlich werde man in den kommenden Tagen Straßenkreide kaufen und zumindest von der Lammstraße aus darauf hinweisen, dass hier etwas zu sehen ist. Es sei das erste Mal, dass sie so etwas alleine in die Hand genommen hätten. „Wenn wir hier rausgehen, haben wir sicher einiges gelernt“, sagt er und lächelt.

Trotz der geringen Nutzungskosten und eines anerkennenden Zuschusses des Kulturamts schießen die Beteiligten Gelder vor. Butz: „Die Kleinigkeiten summieren sich, daher zahlen wir immer noch drauf.“

Caroonisten leiden unter der Digitalisierung

Die Einschläge haben die Karikaturisten- und Cartoonistenbranche in den vergangenen Jahren immer heftiger und in sich verkürzenden Abständen getroffen. Denn ihr ureigentliches Terrain ist nun einmal das Papier, das geduldig war, bis die Digitalisierung das Nutzungs- und Verweilverhalten der Menschen völlig verändert hat.

Die Aufmerksamkeitsspannen sind gesunken und so sind Zeichnungen, die mit wenigen Strichen ganze Geschichten erzählen können, im täglichen Dauerbeschuss unendlicher und kostenloser Angebote buchstäblich nahezu wertlos geworden.

Cartoonisten klagen: „Wir sind die ersten, die wegfallen“

„Die Verlage reduzieren und wir sind die ersten, die wegfallen“, sagt die 69 Jahre alte Zeichnerin und Autorin Petra Kaster, die in Mannheim lebt. Fast 15 Jahre hat sie für die Wirtschaftsredaktion einer großen südwestdeutschen Regionalzeitung den Cartoon gezeichnet, ehe vor drei Jahren Schluss war. Es werde eben gespart, bedauert sie.

Es ist nur ein Beispiel, das vermutlich auf viele ihrer Kollegen reproduzierbar sein dürfte. Auch von ihr liegen Bücher aus. „Ungebremst im Ruhestand“ heißt eines davon. Darin zu sehen sind Cartoons, die ihre eigene Generation auf die Schippe nimmt. „Da kümmert man sich mal 30 Jahre um Job und Familie – und schon ist die Welt am Arsch“, klagt eine Frau ihres Alters, als sie auf Bilder von Trump, schmelzenden Eisbergen, Neonazis, Taliban, Kriegsruinen, Diktatoren und Umweltverschmutzung schaut. Und eigentlich fehlt nur das weiße Blatt des unbekannten Cartoonisten.

Ob die Aktion wiederholt wird, ist noch unklar

Dass es nicht so schlimm kommt, dafür soll auch dieser Pop-Up-Store sorgen. Ob es in diesem Jahr zu einer Wiederholung an anderer Stelle kommt, weiß Butz noch nicht. Vielleicht in der Vorweihnachtszeit, aber auf jeden Fall im nächsten Jahr, hofft er.

Wobei eben alles vom verfügbaren Leerstand in der City abhängig sei und er auf den guten Kontakt zur KME hoffe, deren Büro in der Nähe von Butz’ Atelier auf dem Alten Schlachthof beheimatet ist.

Doch das ist Zukunft. Denn noch darf ja in der Hebelstraße geschmunzelt, eine Auszeit genommen und vor allem auch nachgedacht werden.

Service

Der Cartoon/ Motion Pop-Up-Store in der Hebelstraße 21 beim Marktplatz hat bis zum 6. August von Montag bis Freitag von 15 bis 19 Uhr, sowie an den Samstagen von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter instagram.com/steffen.butz

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