Skip to main content

Hauptverhandlung im Amtsgericht

Diebstahl-Prozess in Karlsruhe: Gegen die Polizei hält die Südstadt-Szene meist zusammen

Manchmal traf die Polizei den 44-jährigen Angeklagten drei Mal pro Tag mit unterschiedlichen Bikes in der Karlsruher Südstadt an. Jetzt muss er sich vor dem Amtsgericht verantworten.

Mit geklauten Fahrrädern soll ein 44 Jahre alter Mann seinen Drogenkonsum finanziert haben. Dafür muss er sich vor dem Amtsgericht verantworten. Foto: Andreas Gebert/dpa

Es gibt da diesen Polizeihauptkommissar, einen erfahrenen Mann in den Fünfzigern. Er gehört zum Revier Südweststadt und ist mit der Szene auf dem Karlsruher Werderplatz seit Jahren vertraut wie kaum ein anderer.

Wenn er erzählt von seiner täglichen Arbeit im Südstadt-Kiez, fällt oft das Wort „Katastrophe“. Der Beamte weiß, wie man mit Junkies umgeht, für ihn gehört der oft ruppige Umgangston unter den Entwurzelten und Gestrandeten zum Tagesgeschäft.

Schon seit Jahren kennt er auch den Mann, den er nun im Schöffengerichtssaal des Karlsruher Amtsgerichts wieder sieht. Immer wieder war er dem Mann bis zu dessen Inhaftierung auf dem Werderplatz begegnet. Einmal hatte der 44-Jährige ein hochwertiges Mountainbike dabei. Sein Kumpel Heiko habe es ihm ausgeliehen, gab der Herr zum Besten. Die Polizei konfiszierte das Fahrrad. Denn sie hatte Zweifel, dass der Besitzer auch zugleich der Eigentümer ist.

Karlsruher Polizei erwischt Mann mit teurem Rad und „klebrigen Händen“

„Er hat klebrige Hände“, erläutert der Polizeihauptkommissar und Szenekenner dem Gericht. An einem einzigen Tag sei der 44-Jährige der Polizei gleich dreimal in die Arme marschiert. Jeweils mit einem anderen Fahrrad im Schlepp. Unter anderem wegen seines sehr engen Verhältnisses zu den kostspieligen einspurigen Verkehrsmitteln muss sich der Herr im Amtsgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Fahrräder gleichsam im Akkord geklaut zu haben. Als er einmal ein Bike beim Bahnhof Durlach knacken wollte, umzingelten ihn drei Kontrolleure der Verkehrsbetriebe und übergaben ihn der Polizei.

Fahrräder als Währung für Drogen-Deals in Karlsruhe

Fahrräder dienten dem Mann sozusagen als Währung zum Erwerb des täglichen Rauschgiftbedarfs. „Viele Leute zeigen den Diebstahl ihres Fahrrads schon gar nicht mehr an“, berichtet der Hauptkommissar. Das erschwert oft die Ermittlungen. Manchmal stapeln sich Dutzende von teils sehr teuren Bikes bei der Polizei.

Das ist Hartz-IV-TV.
Polizeihauptkommissar

Mit einem weiteren Problem sind die Beamten in der Südstadt-Szene konfrontiert. Die Nichtsesshaften, Drogenkonsumenten und Kriminellen halten selbst bei heftigen Streitigkeiten und internen Auseinandersetzungen doch meist zusammen und verpfeifen sich nicht gegenseitig. „Das ist Hartz-IV-TV“, bringt es der langjährige Polizei-Praktiker auf den Punkt.

Körperverletzung in der Marienstraße: Wohnung ohne Schlüssel zugänglich

Diese Beschreibung hat wohl auch für die Ereignisse in einer Wohnung in der Marienstraße Gültigkeit, die das Schöffengericht unter Vorsitz von Constantin Hofmann ebenfalls aufzuarbeiten sucht. Der Angeklagte soll in diesem Appartement eines älteren Bekannten dessen Nachbarin geschlagen haben. Zugleich ging dort einiges an Inventar zu Bruch.

Der Nachweis freilich, was genau sich dort zugetragen hat, ist nicht leicht zu erbringen. Denn erstens gingen im angeblichen Zeitraum der Tat zahlreiche Drogenabhängige dort ein und aus, und zweitens ließ sich die Wohnungstür nicht verriegeln. Der Wohnungsinhaber wurde nach Strich und Faden ausgenutzt, ist der Polizeihauptkommissar überzeugt. Der Mann sei komplett überfordert gewesen.

Erste Drogen-Erfahrungen macht der Angeklagte mit zwölf

Manche der angeklagten 16 Taten hat der 44-Jährige eingeräumt, andere nicht, für mindestens eine kommt er nach Lage der Dinge überhaupt nicht infrage. Fest steht jedenfalls, dass der mutmaßliche vielfache Fahrraddieb reichlich Erfahrung mit Drogen hat. Mit zwölf Jahren griff er erstmals zu Cannabis und konsumierte es alsbald täglich, als Teenager begann er mit Heroin, es folgten LSD und Kokain.

Nach Einschätzung der Rechtsmedizinerin Andrea Dettling (Heidelberg) spielte bei den mutmaßlichen Taten des Angeklagten die Befriedigung seiner Rauschgiftsucht zwar eine wichtige Rolle. Sie sah jedoch keine Persönlichkeitsveränderung bei dem Mann, die seine Einsichtsfähigkeit ausgeschaltet hätte. Mit einem Urteil ist am Freitag, 21. Januar, zu rechnen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang