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Neubau immer noch in weiter Ferne

Sean Scully sagt definitiv Nein zu Karlsruher Kunsthallen-Schenkung

Sean Scully sagt endgültig Nein: Es wird keine Schenkung an die Kunsthalle Karlsruhe geben. Der Grund: mangelndes Engagement der Landesregierung, wie er in einem bitteren Statement erklärt.

Weiter warten auf die Erweiterung: Links die Kunsthalle Karlsruhe, rechts das Amtsgericht, das Platz machen soll für einen Erweiterungsbau des Museums. Frühestens 2028 könne dort mit Bauarbeiten begonnen werden, erklärt das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) in Stuttgart. Foto: ARTIS-Uli Deck Foto: Uli Deck

Eine Schenkung, die fast einer Liebeserklärung gleichgekommen wäre: So hätte man das Vorhaben des Künstlers Sean Scully verstehen können – wenn denn wahr geworden wäre, was der 75-Jährige ins Auge gefasst hatte. Der international renommierte Maler und Fotograf war drauf und dran, eine umfassende Auswahl seiner Werke an die Kunsthalle Karlsruhe zu geben.

Dafür hätte es allerdings Platz gebraucht. Und der ist in der Kunsthalle rar. Schlimmer noch. Seit rund 20 Jahren ringt das Haus um einen Erweiterungsbau. Der aber ist nicht in Sicht.

Spätestens seit seiner Einzelausstellung vor zwei Jahren hatte der Künstler ein ausgesprochenes Faible für Karlsruhe und die Kunsthalle entwickelt. „Ich habe eine starke Verbindung zum 19. Jahrhundert,“ erklärte der Ire, der in England aufgewachsen ist, seit 1983 in die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und einen Wohnsitz in Bayern hat. Im BNN-Interview betonte er damals: „Ich mag die Stadt. Ich mag die alten Häuser, die sind absolut wunderbar.“

Und weiter: „Aber insbesondere die Kunsthalle bringt etwas voran und verbindet es mit der Vergangenheit. Mit der Vergangenheit verbunden zu sein, ist sehr wichtig für uns. Denn wir wollen wissen, wo wir herkommen.“

Aus Euphorie wird Ernüchterung

Die Euphorie ist mittlerweile in Ernüchterung umgeschlagen. Gefolgt von Bitternis. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Scully sein Angebot nicht aufrechterhält. Inzwischen liegt eine Stellungnahme des Künstlers vor. Er habe erfahren, man wolle seine Schenkung, aber ohne Verpflichtungen einzugehen, um flexibel bleiben zu können. Aber, so Scully: „Die Welt besteht aus Verpflichtung und Engagement (committment).

Sie setzt sich aus Räumen und Plätzen zusammen, deren Identität klar ist. Wenn wir Flexibilität zu unserem kulturellen Ziel machen, werden wir nichts hinterlassen. Da kann man dann einen Schlachthof in einem Krankenhaus und ein vegetarisches Restaurant in einem Schlachthof unterbringen. Alle Optionen offen und jedes Engagement vermieden.“ Und er schließt mit: „Yes No but Maybe“ – Ja, Nein, aber Vielleicht.

Der irische Künstler Sean Scully vor seinem Werk „Horizontal Soul”. Foto: Thomas Frey/dpa Foto: Thomas Frey picture alliance / dpa

Die Aussagen aus dem Stuttgarter Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) bestätigt die Einschätzung des Künstlers. Staatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) betont zwar einerseits, sie versuche seit Monaten, mit Sean Scully ins Gespräch zu kommen – erfolglos. Andererseits aber lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie das Karlsruher Projekt nicht für angemessen hält.

Die Fakten hierzu: Scully wollte der Kunsthalle 180 Gemälde, Plastiken, Fotos und Pastelle, dazu 100 Druckgrafiken überlassen. Die Hälfte davon sollte permanent auf einer Fläche von 1.000 Quadratmetern gezeigt werden.

Die Kunsthalle hätte auf diese Weise so etwas wie einen Scully-Flügel gewonnen. Aus Sicht der Direktorin Pia Müller-Tamm eine durchaus sinnfällige Erweiterung der bestehenden Sammlung. Deren Schwerpunkt liegt – historisch bedingt – vorwiegend auf Malerei aus den Niederlanden, aus Frankreich und aus Deutschland. Hinzu kommt eine exquisite Auswahl an Werken der Moderne, die allerdings vom Publikum weniger wahrgenommen wird als die Alten Meister.

„Wenn man eine solche Chance vorbeiziehen lässt, dann ist das jammerschade.“
Pia Müller-Tamm, Direktorin der Kunsthalle Karlsruhe

Mit dem Scully-Schwerpunkt hätte man gut Verbindungen zwischen alter und neuer Kunst herstellen können, denn so abstrakt und reduziert der Künstler auch arbeitet, so sehr steht er doch in der Tradition europäischer Malerei. Müller-Tamm: „Wenn man eine solche Chance vorbeiziehen lässt, dann ist das jammerschade.“

Der Fall hat allerdings noch eine weitere Dimension. Die Schenkung hätte ein Impuls sein sollen, um den dahindümpelnden Bemühungen um einen Erweiterungsbau einen Schub zu geben. Über dieses Vorhaben wird seit zwei Jahrzehnte diskutiert - ohne konkretes Ergebnis. So will das die Staatssekretärin nicht sehen. Immerhin werde die bestehende Kunsthalle grundlegend ertüchtigt und so umgebaut, dass sie eines Tages mit einem Erweiterungsbau auf dem Gelände des Karlsruher Amtsgerichts verbunden werden kann.

„Da haben wir in dieser Legislaturperiode einen wichtigen Schritt gemacht: Wir haben einen großartigen Entwurf – und die Zustimmung des Landtags, das Sanierungsprojekt zu starten“, betont Petra Olschowski und unterstreicht: „Solange ich im Amt bin, werde ich alles tun, um den Erweiterungsbau voranzubringen.“

"Vita Duplex ", was so viel bedeutet wie „Zweifaches Leben”, hieß eine viel beachtete Ausstellung mit Werken von Sean Scully, die 2018 in der Kunsthalle Karlsruhe gezeigt wurde. Foto: Uli Deck/dpa Foto: Uli Deck/dpa

Das wird auch dringend nötig sein. Denn wenn Mitte 2021 die Kunsthalle geschlossen wird, müssen nicht nur Malereien und Grafiken, Plastiken und Bücher ausgelagert werden. Auch die Mitarbeiter in den Büros und Werkstätten müssen in ein Provisorium umziehen.

Zumindest für die Räume der Direktion, der Wissenschaftler und der Verwaltung wird ebenso wie für das Kupferstichkabinett kein Platz mehr sein, sobald (Stand heute) 2026 das sanierte und umgebaute Karlsruher Museumsgebäude wiedereröffnet wird. All diese Funktionen sollen in dem seit nunmehr zwei Jahrzehnten wiederholt angemahnten Erweiterungsbau untergebracht werden.

Neubau-Baubeginn frühestens 2028

Er soll dort Gestalt annehmen, wo derzeit noch das Amtsgericht steht. Dort könnte „bei optimalem Planungsverlauf und störungsfreier Durchführung vorangegangener Baumaßnahmen“ ein Baubeginn „frühestens 2028 erfolgen“, wie es in einer Mitteilung des MWK von Ende Juli heißt. Wenn man den Zeitraum zugrunde legt, der für die Kunsthallensanierung veranschlagt wird, wäre das neue Haus nicht vor 2033 fertiggestellt – dreieinhalb Jahrzehnte, nachdem der Bedarf erstmals angemeldet wurde.

Allein vor diesem Zeithorizont konnte der Karlsruher Plan für Sean Scully wohl nicht mehr interessant sein. Offen ist vorerst noch, wie die Stifter reagieren werden, die das Projekt bislang unterstützt haben. Immerhin wollten sie sieben bis neun Millionen Euro für einen Sean Scully-Schwerpunkt in der Kunsthalle Karlsruhe bereitstellen.

Außerdem erklärten sie sich bereit, durch weitere Mäzene dafür sorgen, dass auf die öffentliche Hand keine Mehrkosten hinzukommen. Ein Zeichen von bürgerschaftlichem Engagement, wie man es etwa in Mannheim mehrfach, in Karlsruhe in diesen Dimensionen jedoch noch nicht erlebt hat.

Sean Scully

Sean Scully, 1945 in Dublin geboren, bekennt sich zu seiner Herkunft. Er ist ein Kind einfacher Leute. Sein Studium an der Central School of Art in London finanzierte er unter anderem als Bauarbeiter in der Victoria Station. Während der Mittagspausen knatterte er vom Bahnhof in die Tate Gallery. Dort hatte er eines Tages ein Schlüsselerlebnis. Er sah ein Werk von Vincent van Gogh und fand sich bestärkt in dem, was er schon als Kind gespürt hatte: Malerei ist sein Metier.

Sie wurde sein Leben, seine Existenz, sein Ruhm. 1985 – das war das Jahr, in dem der Ire seinen 40. feierte – hatte Scully im Carnegie Museum of Pittsburgh seine erste große Einzelausstellung in den USA. Von da an ging’s bergauf: Die Whitechapel Art Gallery London widmete ihm ebenso eine Ausstellung wie der Palacio Velazquez in Madrid oder das Lenbachhaus München. Hier und anderswo hatte man erkannt, was die Besonderheit seines Werks ausmacht: Scully verbindet die geometrische Strenge der amerikanischen Minimal Art mit der schillernden, vibrierenden und existenziell unterfütterten Dramatik europäischer Malerei.

Die deutsche Malerei – sei es die Romantik, sei es der Expressionismus -, daneben Dichtung und Philosophie haben für Scullys Arbeit schon seit langem hohe Bedeutung und auch sonst gibt es vielfache Bezüge zu Deutschland. Von 2002 bis 2007 nahm der bekennende Kosmopolit eine Professur an der Kunstakademie München wahr. Damals richtete er einen Wohnsitz in Oberbayern ein, wo er heute mit seiner Frau, der Schweizer Malerin Liliane Tomasko, und beider Sohn Oisin lebt. Seit 2016 unterhält der mit mehreren Ehrendoktortiteln gewürdigte Künstler zudem ein großes Atelier in Berlin.

Eine starke Beziehung besteht zum deutschen Südwesten. Alison und Peter W. Klein in Eberdingen-Nussdorf bei Pforzheim sind leidenschaftliche Sammler des Künstlers. Heinrich Klotz (1935-1999), Gründungsdirektor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), kaufte früh große, bedeutende Werke für die Sammlung des Hauses. Gesteigerte Sympathie besteht für die Kunsthalle Karlsruhe, seit dort 2018 die Ausstellung „Vita Duplex“ eingerichtet wurde. Nicht zuletzt dank des ebenso einfühlsamen wie kenntnisreichen Engagements der Kuratorin Kirsten Claudia Voigt fand dort Scully das, wofür er sich nun trotzdem ein anderes Museum suchen wird: einen Ort, an dem sein Werk in Dialog treten kann mit den Malereien all jener, die er in ästhetischer Hinsicht als seine Ahnen betrachtet.

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