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Große Fortschritte bei Haltungsbedingungen

Studie von Karlsruher Zootierarzt: Jungtiere haben heute bessere Überlebenschancen

Jungtiere in Zoos haben heute bessere Überlebenschancen - das zeigt eine Studie, an der der Karlsruher Zootierarzt beteiligt ist. Ausgewertet wurden die Daten von 160.000 Raubtieren aus 70 Jahren.

Werden häufiger groß: Eisbären-Kinder wie Kara im Zoo von Mülhausen. Eisbärin Sessi brachte das Jungtier im November 2020 zur Welt. Das Foto entstand Ende Februar bei einem der ersten Ausflüge nach draußen.      Foto: Sebastien Bozon /dpa

Raubtiere in Zoos leben heute deutlich länger und ziehen sehr viel erfolgreicher ihren Nachwuchs groß. Dies ist das Ergebnis einer internationalen Studie, an der der Karlsruher Zootierarzt Marco Roller beteiligt ist.

Ausgewertet wurden die Daten von weltweit 160.000 Zootieren seit den 1950er Jahren. Die 95 am häufigsten im Zoo gehaltenen Fleischfresser („Karnivoren“) aus 13 verschiedenen Tierfamilien gingen in die Studie ein, die nun in der Zeitschrift „Zoo Biologie“ veröffentlicht wurde.

Deutlich wird die Tendenz beispielsweise bei den Löwen: Überlebten anfangs des Beobachtungszeitraums gerade mal ein Drittel der Löwenjungen ihr erstes Lebensjahr, sind es heute mehr als 60 Prozent. Der Anteil der Löwen, die älter als 14 Jahre werden, hat sich ebenfalls mehr als verdoppelt. Auch im Karlsruher Zoo gibt es ein Tier im Methusalem-Alter: Löwin Safo ist inzwischen 23.

Seelöwin Schatzi zog im Karlsruher Zoo Zwillinge auf und wurde uralt

Bei den Kalifornischen Seelöwen, seit Jahren Publikumslieblinge im Karlsruher Zoo, hat die weltweite Zoo-Population eine ähnliche Entwicklung: Mittlerweile überstehen mehr als 70 Prozent ihr erstes Lebensjahr.

Vor 50 Jahren galt dies nur für jedes dritte Jungtier. Unvergessen ist vielen Zoobesuchern in der Region die seltene Zwillingsgeburt von Seelöwin Schatzi, obwohl diese 20 Jahre zurückliegt. Dass beide Jungen von ihrer Mutter aufgezogen werden konnten, galt als höchst seltener Glücksfall, der im Freiland nicht möglich gewesen wäre. Schatzi wurde übrigens uralt: Erst 2009 mit gut 29 Jahren erkrankte sie und musste eingeschläfert werden. Gemäß der Studie werden heute 60 Prozent der Seelöwen im Zoo mindestens 18 Jahre (das ist die Hälfte des dokumentierten absoluten Höchstalters). Noch in den 1970er Jahren schafften dies nur 20 Prozent.

Erfreuliche Entwicklung: In den 1970er Jahren überlebte nur jedes zweite Jungtier der Roten Pandas in Zoos ihr erstes Jahr - heute sind es 75 Prozent. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Grundsätzlich werten die Forscher die Zahlen als Indiz, dass sich die Haltungsbedingungen weltweit fortwährend verbessert haben – was freilich auch erklärtes Ziel der Zoogemeinschaft sei, so Roller. Absolut sei dieser Schluss aber nicht: „Ein Tier kann auch bei weniger guten Bedingungen sehr alt werden“, gibt er zu bedenken. Wäre die Tendenz aber umgekehrt, würde dies für Verschlechterungen der Haltungsbedingungen sprechen, so seine Interpretation. „Der Trend geht also in die richtige Richtung“, sagt er. „Und der allgemeine Fortschritt der Zoos wie auch die Verbesserungen in der Veterinärmedizin sprechen auch dafür.“

Haltung der Eisbären in den Zoos hat sich deutlich weiterentwickelt

Forschte zur Lebenszeit der Zootiere: Der Karlsruher Zootierarzt Marco Roller hat in den vergangenen fünf Jahren an einer internationalen Studie gearbeitet, die die Daten von 160.000 Raubtieren aus Zoos in aller Welt analysiert. Foto: Tiom Deible/Zoo Karlsruhe

Stark weiterentwickelt haben sich die Zoos bei der Haltung von Eisbären. In großen Gruppe, auf Beton und ohne Anregungen lebten die Polarpetzte noch in den 1970er Jahren in vielen Zoos und durften oft auch ihren Nachwuchs nicht selbst aufziehen.

Der „Bärenkindergarten“, noch dazu mit verschiedenen Arten, ist auch vielen Karlsruher Zoofans noch ein Begriff. Weltweit wurde damals nur jedes vierte Bärenkind groß, heute erlebt jeder zweite kleine Eisbär seinen ersten Geburtstag, so die Datenanalyse. Die ersten zehn Tage sind bei Eisbären grundsätzlich heikel, und im ersten Jahr überleben im Freiland ähnlich viele Tiere wie in den Zoos, führt der Karlsruher Tiermediziner aus.

„Viele Eisbärenjunge in der Natur kommen aber gar nicht erst ihre Geburtshöhle und gehen damit auch nicht in die Statistik ein“, gibt Timo Deible, Presssprecher des Karlsruher Zoos, zu bedenken – die Jungtiersterblichkeit in der Natur sei also noch deutlich höher.

Jeder Zoo kann die Daten für seine Arbeit nutzen

Aus der Studie kann sich jeder Zoo weltweit die Daten und Diagramme zu den Tieren, die er selbst hält, herausziehen, so Roller. Aus dem Vergleich mit den eigenen Daten lassen sich dann Schlüsse ziehen und die eigene Arbeit ein Stück weit überprüfen. „Man muss aber immer im Hinterkopf behalten, dass eine Erhöhung der Quantität der Lebenszeit nicht zwingend mit einer Qualität der Lebenszeit einher geht“, betont er.

Beeinträchtigungen wie stereotypes Verhalten etwa lassen sich aus Daten der internationalen Organisation „Species360“, die er und seine Kollegen auswerten konnten, nicht herauslesen. Auch die Todesursache ist aus den Zahlen nicht erkennbar: Starb das Tier eines natürlichen Todes, an einer Erkrankung, wurde es euthanasiert oder getötet, weil kein adäquater Zooplatz zur Verfügung stand? Darüber geben die Daten keine Auskunft, so der Zootierarzt.

Die Gesundheit der gesamten Population ist entscheidend.
Marco Roller, Karlsruher Zootierarzt

An der Studie mitgearbeitet hat Mads Bertelsen, Direktor im Zoo Kopenhagen, wo 2014 der Umgang mit Giraffenbulle Marius für internationale Empörung sorgte. Weil das Jungtier nicht an einen anderen Zoo abgegeben werden konnte und Inzucht drohte, tötete der Tiermediziner die Giraffe mit einem Bolzenschuss. Anschließend wurde sie zerlegt und verfüttert. „Für uns zählt jedes einzelne Individuum – ich bin Tierarzt geworden, weil mir Tiere unglaublich wichtig sind“, sagt Roller. „Aber wenn es um Zootiere geht, muss man das ganze Bild betrachten. Vor allem, wenn es um gefährdete Arten geht, ist die Gesundheit der gesamten Population entscheidend.“

Oft tabuisiert: Zootiere werden auch verfüttert

Freilich seien Zoos dem Tierschutz verpflichtet – in erster Linie aber dem Artenschutz, der das Wohlergehen der Population im Blick habe. Dazu gehöre auch, dass die Tiere sich fortpflanzen und Jungtiere aufziehen können.

„Ein Jungtier ist ein Riesenfaktor für das Wohlergehen der Mutter und der gesamten Gruppe“, sagt Marco Roller. Und wenn ein Tier wie Giraffe Marius unter guten Bedingungen gelebt habe, dann aber nicht mehr gut untergebracht werden kann, sei im Einzelfall das Verfüttern legitim, so Roller. „Hohe Lebensqualität ist wichtiger als ein langes Leben“, findet er.

Hohe Lebensqualität ist wichtiger als ein langes Leben.
Marco Roller, Karlsruher Zootierarzt

Dass Zoos auch eigene Nachzuchten verfüttern, sei klar – werde aber vor allem in Deutschland oft tabuisiert, sagt Pressesprecher Deible. „So extrem wie in Kopenhagen müssen wir es nicht machen – aber wir sollten eine andere Haltung zu dem Thema bekommen.“

Zumal die Studie auch belegt, dass die Zootiere immer älter werden. Damit nehmen sie jüngeren Tieren, die zu einer Gesunderhaltung der Population beitragen können, den Platz weg. „Moderne Zoos sind Artenschutzzentren, die auch für den Aufbau einer gesunden Reservepopulation sorgen müssen“, gibt Roller zu bedenken. „Wir haben viele Tierarten, bei denen es bereits auf jedes einzelne Individuum ankommt.“

Die Studie

Roller M, Müller DWH, Bertelsen MF, Bingaman Lackey L, Hatt J-M, Clauss M (2021): The historical development of juvenile mortality and adult longevity in zoo-kept carnivores“. Die Studie ist erschienen in der wissenschaftlichen Zeitschrift Zoo Biology und auf der Homepage frei zugänglich.

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