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Hauptverhandlung am Amtsgericht

Drogen mit geklauten Fahrrädern bezahlt: Verhandlung wirft Schlaglicht auf Karlsruher Südstadt-Szene

Geklaute Fahrräder dienten als Währung für den täglichen Rauschgiftbedarf: Eine Hauptverhandlung am Amtsgericht gewährt Einblicke in die Karlsruher Schatten-Gesellschaft.

Rauschgift: Seine Sucht hat ein Karlsruher nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft unter anderem mit dem Klau von Fahrrädern finanziert. Der Mann steht vor Gericht. Foto: Christian Charisius/dpa

Der nicht mehr ganz junge Mann, der auf der Anklagebank des Karlsruher Amtsgerichts Platz genommen hat, sitzt seit Monaten in Haft. Zu seinen aktiven Zeiten pflegte er stets einen diskreten aber gründlichen Blick auf abgestellte Fahrräder – vorzugsweise hohen Qualitätsniveaus – zu werfen.

Waren sie lediglich mittels eines schmächtigen Ringschlosses gesichert, beispielsweise an Laternenmasten, dann griff der Herr gern zu: Er löste in der Regel den Schnellspann-Hebel der Sattelstütze und zog das Rohr nebst Fahrradsitz nach oben aus dem Rahmen. Selbiges fädelte er anschließend durch das ringförmige Kabelschloss und drehte die so eingeführte Sattelstütze als Hebel so lange, bis das spiralförmig sich verdrehende Schloss nachgab.

Das erbeutete Zweirad lenkte er für gewöhnlich zu seinem Dealer. Denn der Mann, um den es geht, ist seit Jahren von diversen Rauschgiften abhängig.

Die Fahrraddiebstähle sind nicht der einzige Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft dem Mann macht. Sechs einzelne Anklagen hat die Behörde zu einer einzigen verwoben. So soll der Angeklagte beispielsweise einen jungen Mann zu Boden geworfen haben, der zusammen mit einem Freund Zeuge eines solchen Fahrrad-Diebstahls wurde – nachts begangen in unmittelbarer Nähe der Schauburg in der Marienstraße.

Südstadt in Karlsruhe das Revier des Angeklagten

Überhaupt ist die Südstadt das Revier des Mannes. Zwar wohnte er bis zu seiner Inhaftierung selbst nicht dort. Doch mit der Szene auf dem Werderplatz und vielen der dort Gestrandeten ist er gut bekannt. Für Gericht und Ermittlungsbehörden macht es das nicht leichter. Denn wenn es zu Unregelmäßigkeiten unter Junkies kommt, ja selbst wenn es mal eine Abreibung setzt, bleibt die Szene gern unter sich. Die Schmiere – so nennt man hier mitunter die Polizei – bekommt längst nicht alles mit.

Das gilt nicht für die Verwüstung einer Wohnung in der Marienstraße, für die der Angeklagte gleichfalls infrage kommt. In dem Appartement lebt ein Frührentner, der über eine Nachbarin einst die Bekanntschaft mit dem Drogenabhängigen gemacht hat. Dem Wohnungsinhaber zufolge verstanden sich die beiden Herren nicht schlecht, so dass der Gast auch mehrfach tageweise bei dem Frührentner logierte.

Offenbar entglitt dem überforderten Gastgeber nicht nur einmal die Kontrolle: Nach Aussage seiner Nachbarin diente die Wohnung des Mannes zeitweise als Drücker-Lokal für manchen Südstadt-Junkie.

Eines Tages – der Frührentner war gerade nicht zuhause – ging einiges an Inventar zu Bruch. Eine Schranktür ist seither nicht mehr zu gebrauchen, berichtet der Wohnungs-Inhaber, Fernsehgerät und TV-Tisch landeten auf dem Boden, und auch sonst: Es sei ein Inferno gewesen, wie die Nachbarin beklagt.

Der Geschädigte selbst hält sich bedeckt: „Ich weiß nicht, wer das war“, teilt er dem Gericht mit. Der Angeklagte soll die Nachbarin beschuldigt haben. Die setzt sich vehement zur Wehr und distanziert sich von dem Mann, mit dem sie einst ein geschwisterliches Verhältnis gepflegt habe. Auch für die indifferente Haltung des geschädigten Frührentners hat sie eine Erklärung: Der Mann befürchte, in eine psychiatrische Klinik zu müssen.

Die Hauptverhandlung wird am Freitag, 14. Januar, um 9 Uhr fortgesetzt.

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