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Digitale Version

Virtuelle Schlosslichtspiele in Karlsruhe: „Es fehlt noch der Feenstaub”

Durch die Corona-Krise müssen die Karlsruher Schlosslichtspiele ins Internet ausweichen. Dafür haben Entwickler das Schloss und den Vorplatz digital aufwendig nachgebaut.

Der Klassiker „300 Fragments”, den das Künsterkollektiv „Maxin10sity” 2015 für den Stadtgeburtstag programmiert hatte, wird auch 2020 virtuell zu sehen sein. Foto: dpa

Zwei neue Shows und verschiedene Klassiker bringen die Schlosslichtspiele ab dem 5. August für sechs Wochen auf die Fassade des Karlsruher Schlosses - oder genau genommen auf zahllose digitale Kopien davon. Für die erste rein virtuelle Auflage des Sommerspektakels haben Techniker das Schloss samt Vorplatz aus über 70.000 Einzelbildern nachgebaut.

Das Live-Erlebnis lässt sich so freilich nicht ersetzen, gibt Cheforganisator Martin Wacker offen zu. Dennoch wirbt er für die Vorzüge des unfreiwilligen Umzugs ins Internet.

„Die Lücke zwischen den fünften und sechsten Schlosslichtspielen ist keine Lücke, sondern ein neuer Maßstab”, sagt Wacker. Der Chef der Karlsruhe Marketing und Event Gesellschaft sieht den digitalen Zwilling als große Marketing-Maßnahme für die Stadt im Rest der Welt. Nächstes Jahr gelte die Einladung, nach Karlsruhe zu kommen, um das auch real zu erleben.

Auf globale Resonanz hofft auch Oberbürgermeister Frank Mentrup. „Dieses Jahr können auch Menschen aus Singapur oder New York genauso wie aus Rastatt ganz nebenbei am Schloss dabei sein”, sagt er.

Selbst Parkbänke und Abfalleimer sind zu sehen

Bevor am 5. August der virtuelle Vorhang fällt, bleibt für die Techniker noch Arbeit. Statt wenige Tage vor dem Start 24 Projektoren aufzubauen, die die 170 mal 17 Meter große Fassade beleuchten, wird derzeit viel programmiert und gestaltet. Auf Basis zehntausender Einzelbilder hat das Team um Benjamin Brostian von AV Active das gesamte Areal nachgebildet. „Wir wollen die größtmögliche Authentizität erzeugen”, sagt Brostian. „Deshalb haben wir viele Einzelfiguren, Parkbänke und sogar Abfalleimer eingefügt.”

Die Attraktion in Karlsruhe: Die abendlichen Schlosslichtspiele finden 2020 nur virtuell statt. Foto: Foto: Deck

Wie im Modellbau spielen für die Entwickler auch kleine Details eine große Rolle. Dazu kommen viele Variablen wie der Sonnenuntergang, Wolken, Schatten, Reflexionen und nicht zuletzt die Lichtquelle auf der Fassade. „Es fehlt noch an allen Ecken und Enden der Feenstaub”, sagt Brostian. Der soll der ersten virtuellen Auflage ihren eigenen Zauber verleihen.

Neue Shows greifen aktuelle Themen wie den Klimaschutz auf

Noch länger als das Team von AV Active arbeiten drei Mitarbeiter der Künstlergruppe „The Nightlab” (TNL) digital auf der Schlossfassade - sie liefert eine von zwei neuen Shows, die in diesem Jahr zu sehen sein werden. Seit Januar entwickelt sie ihr Stück „The Attitude Indicator”, das sich inhaltlich mit dem Green Deal - dem Klimaschutzkonzept der Europäischen Union - beschäftigt. „Wir haben einen hohen Anspruch und wollen eine gute Geschichte erzählen”, sagt TNL-Vertreter Matthias Strobl. „Ich freue mich, dass wir wieder auf aktuelle Themen unserer Zeit eingehen”, kommentiert OB Mentrup die Programmauswahl.

Zu sehen sind die Schlosslichtspiele ab dem 5. August täglich ab 20.15 Uhr. „Wir haben uns bewusst gegen eine Mediathek entschieden. Wir wollen den Live-Effekt”, erklärt Wacker. Zuschauer sind dabei nicht mehr stille Beobachter, sondern ihre eigenen Bildregisseure. „Sie können aus sechs Perspektiven wählen”, sagt Peter Weibel, Chef des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM). Dafür entwickelt das Team um Benjamin Brostian derzeit eine eigene Software, die in gängigen Internet-Browsern funktionieren soll.

Schlossplatz bleibt im Sommer dunkel und ruhig

Das Schloss - sagt Martin Wacker eindringlich - bleibt in diesem Sommer dunkel und ruhig. „Es braucht niemand dorthin zu kommen”, sagt er. Womöglich hat er dabei noch die Worte des Oberbürgermeisters im Ohr, der kurz zuvor daran erinnert, wie eng der Spielort seit dem Stadtgeburtstag 2015 mit dem Erlebnis Schlosslichtspiele verknüpft ist. „Die Bürger haben sich damals den Schlossplatz zurückerobert”, sagt Mentrup. „Sie haben die Mitte der Stadt neu besetzt und in der Sommerferienzeit zum Treffpunkt für die Region und weit darüber hinaus gemacht.”

Für sechs Wochen soll das Erlebnis nun nicht „an einem Ort, sondern an vielen Orten stattfinden”, sagt Weibel. Das Karlsruher Schloss also im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder im Bett. „Da gibt es dann wenigstens keine Sichtbehinderung durch aufgeklappte Stühle oder Toilettenhäuschen”, scherzt Wacker.

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