Skip to main content

Kampf um Existenz

Von der Corona-Krise betroffene Karlsruher Unternehmer zwischen Hoffen und Bangen

Der zweite Lockdown trifft viele Unternehmen, die die Folgen des ersten noch längst nicht überwunden hatten. Für manche macht die Frage „Lockdown oder nicht?“ sogar kaum einen Unterschied. Viele üben sich in Durchhalteparolen.

Ganze Ordner: Statt um Buchungen kümmert sich Reisebüro-Inhaber Andreas Döring seit sieben Monaten fast nur noch um Stornierungen. Foto: Jörg Donecker

Am Dienstagmittag nimmt Luis Saranda den Anruf der BNN in seiner Mittagspause entgegen. Eigentlich ist der 27-Jährige selbstständig. Als DJ und Produzent hatte er sich in der Region einen Namen gemacht. Dann kam Corona.

Seit Mitte Oktober arbeitet Saranda in Vollzeit in der Marketingbranche. „Ich will nicht auf staatliche Hilfen angewiesen sein“, sagt er. Doch ganz so einfach wie der DJ können sich viele von der Corona-Krise betroffene Karlsruher Unternehmer nicht umstellen. Sie suchen nach kreativen Lösungen und üben sich in Durchhalteparolen.

An Reisen denkt fast niemand

„Seit dem Frühjahr hatten wir vielleicht zehn Buchungen“, erzählt Andreas Döring, dem ein Reisebüro in der Nordstadt gehört. Vom erneuten Lockdown ist er nicht betroffen. Das Geschäft liegt trotzdem am Boden. Seit Monaten steckt er private Rücklagen in seine Firma, um irgendwie über die Runden zu kommen. „Das ist wirklich grausam und es ist kein Ende in Sicht“, klagt er.

Im April war Döring noch optimistisch. Zu dieser Zeit wickelte er zwar Hunderte Stornierungen ab, hatte aber Hoffnung auf ein gutes Geschäft zum Winterurlaub und mit Frühbuchern für das neue Jahr. Sieben Monate später sieht es dafür sehr düster aus.

Ich will nicht auf staatliche Hilfen angewiesen sein.
Luis Saranda, DJ

Jeden Morgen prüfe er die Lage beim Auswärtigen Amt, sagt der Unternehmer. Das sei längst zur Routine geworden. Glücklich macht ihn nicht, was er dort liest. „Erst ging es nicht ins Ausland. Jetzt geht es theoretisch – aber oft nur mit Quarantäne. Und Urlaub in Deutschland fällt mittlerweile auch weg“, zählt er auf. „Da ist nichts planbar. Viele wollen weg, aber keiner weiß, was morgen gilt. Natürlich bucht in dieser Lage niemand.“

Für sein Reisebüro gibt es keine kurzfristige Perspektive. Wo es möglich ist, wird gespart. An seinen beiden Auszubildenden, die er nicht in Kurzarbeit schicken kann, will Döring trotz der angespannten Lage festhalten. Das hat er ihnen versprochen. „Irgendwie durchhalten. Mehr kann ich nicht tun“, sagt er. Auf Geld von Bund und Land will er dabei nicht setzen. Vor der komplexen Beantragung des zweiten Hilfspakets hat er kapituliert.

Hoffnung auf schnelle Hilfen von Bund und Land

Auf staatliche Hilfspakete ist auch Natalie Rentzelas, die Restaurant-Leiterin des „Kostas“ in Beiertheim, nicht gut zu sprechen. Bis zu 75 Prozent des November-Umsatzes aus dem Vorjahr wolle man Betroffenen auszahlen, so die Ankündigung von Bundesfinanzminister Olaf Scholz.

Zum zweiten Mal zu: Seit Montag bleibt das „Kostas“ so wie alle Restaurants geschlossen. Kunden können ihr Essen abholen, zum Überleben reicht der Umsatz aber voraussichtlich nicht aus. Foto: Jörg Donecker

Für Rentzelas sind das bis jetzt „schattenhafte Ideen“. Weder der Steuerberater noch der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga habe Informationen, wie die Beantragung laufen soll. Dabei müsse das schnell gehen, denn viele hätten nach dem schwierigen Jahr kaum noch Rücklagen zur Überbrückung.

Seit dem Frühjahr hatten wir vielleicht zehn Buchungen.
Andreas Döring, Inhaber eines Reisebüros

„Beim Blick in die Zukunft habe ich Bauchschmerzen“, sagt Rentzelas. Seit Montag befindet sich das „Kostas“ zum zweiten Mal im Corona-Lockdown. Kunden können ihr Essen zwar wie beim ersten Mal abholen. „Aber diese Umsätze reichen auf keinen Fall.“ Selbst wenn man im Dezember wieder öffnen dürfe, lasse sich damit kaum etwas auffangen. „Die Leute haben Angst. Es gibt kaum Reservierungen und keine Weihnachtsfeiern. Was das dann bringen soll, weiß ich nicht“, berichtet Rentzelas.

Bereit für den Neustart

Das Weihnachtsgeschäft hat auch Harry Schröder unabhängig vom erneuten Lockdown längst abgeschrieben. Der Event-Gastronom besitzt unter anderem fünf Frozen-Yogurt-Trucks. Auch mit Kaffee, Cocktails und Glühwein verdiente er in den Vorjahren Geld. „Ich habe mich auf Null-Monate eingestellt“, sagt er.

Wo es möglich war, hat Schröder gespart. Seine Fahrzeuge haben mittlerweile Saisonkennzeichen. Teile seines Lagers hat er über Ebay verkauft. Trotzdem kann der Unternehmer der Krise etwas Positives abgewinnen. „Ich war sonst immer am Anschlag. Jetzt haben ich vieles neu strukturiert und optimiert.“ Wenn es wieder los geht, will er mehr auf gesunde Angebote wie Müsli oder Bowls setzen. „Ich bin gerüstet“, sagt Schröder.

Auf den voraussichtlich in weiter Ferne liegenden Neustart im Nachtleben freut sich auch DJ Luis Saranda. Darauf warten wollte er aber nicht mehr. Mit seinem neuen Vollzeit-Job habe er sich eine Absicherung geschaffen, sagt er. Die Selbstständigkeit wird so vorerst zum Nebenjob.

nach oben Zurück zum Seitenanfang