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Kampf gegen wirtschaftliche Folgen der Coronakrise

Warum die Mehrwertsteuersenkung den Karlsruher Geschäften kaum hilft

Die Hoffnungen der Politik sind groß, was die temporäre Mehrwertsteuersenkung angeht. Sie soll zumindest in einem gewissen Maß die Einbrüche in der Wirtschaft ausgleichen und das Geschäfts ankurbeln. Die Karlsruher Geschäftswelt bewertet die Auswirkungen allerdings sehr unterschiedlich.

Belebte Kaiserstraße: Es sind wieder mehr Kunden in der Innenstadt unterwegs. Allerdings sagt dies noch nichts über die Kauflaune. Foto: Peter Sandbiller

Von Maximilian Tichy

Die Innenstadt ist wieder voller Menschen, auf der Kaiserstraße tummeln sich Passanten. Kein Vergleich mehr mit den Hoch-Zeiten der Corona-Restriktionen. Es scheint als hätten sich die Hoffnungen der Politik, eine bis Dezember befristete Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf 16 Prozent – beziehungsweise von sieben auf fünf Prozent für bestimmte Güter – würde den Konsum steigern, erfüllt. Die BNN sprachen dazu mit verschiedenen Einzelhändlern in Karlsruhe.

Im Modehaus Carl Schöpf am Marktplatz bewertet die Inhaberin Melitta Büchner-Schöpf die Mehrwertsteuersenkung positiv: „Die große Sache ist es nicht, aber ich finde die Steuersenkung gut. Es sind wieder mehr Menschen in der Stadt und die Stimmung ist besser – das hat mehr Einfluss als die Steuersenkung, aber auch sie ist hilfreich.“

Ambivalenter sieht man es im Autohaus Brenk, das fünf Autohäuser in Karlsruhe und der Region betreibt. „Dass die Steuersenkung Auswirkungen hat, steht außer Frage“, so Manuel Brenk, Mitglied der Geschäftsführung. „Aber ob der Effekt positiv ist, ist fragwürdig. Wer schon mit einem Auto liebäugelte, kommt halt jetzt statt in ein paar Monaten. Aber niemand entscheidet sich deswegen jetzt ein Auto zu kaufen, wenn er vorher keines wollte.“

Kunden verschieben Einkauf

Im Musikhaus Schlaile in der Kaiserstraße hat man von der Steuersenkung kaum etwas gemerkt. Ein Paar Kunden hätten im Vorlauf der Steuersenkung ihren Einkauf verschoben. Und obwohl sich der Verkauf von Blasinstrumenten „etwas schwieriger“ gestaltet, ist kurzfristig die Nachfrage nach Tasteninstrumenten wie Klavieren gestiegen – doch dafür wird der Lockdown verantwortlich gemacht.

Im Spielwarenladen „Kinderglück“ in der Erbprinzenstraße nennt die Inhaberin Anna Barbara Paschen die Steuersenkung gar „blinder Aktionismus“. Der vielen Arbeit, die die Mehrwertsteuerumstellung verursache, stünden nur Cent-Beträge gegenüber, die im Laden von jedem Einkauf mehr hängenblieben. Mehr Kunden kämen auch nicht in das Geschäft. „Das hilft uns alles nichts“, sagt sie.

Das Geld, das die Steuersenkung den Staat kostet, immerhin 20 Milliarden Euro, hätten Künstler und Gastronomie besser brauchen können. Im Fitness-Shop-Karlsruhe an der Waldstraße äußert man sich ähnlich. „Wegen 20 Cent Ersparnis kauft doch keiner zusätzliche Nahrungsergänzungsmittel“, sagt man den BNN dort und bringt wieder Künstler und Gastronomie ins Gespräch, die die Hilfe besser brauchen könnten.

Im Hinterzimmer befindet sich das Lower West Side Tattoo-Studio. Auch hier wird normalerweise der volle Steuersatz fällig. Auf die Frage, ob die Senkung auf 16 Prozent Einfluss auf die Kundenzahl hat, zuckt man nur mit den Schultern. Die Stammkunden würden sich wieder Tattoos stechen lassen, doch Neukunden kommen keine mehr. Daran konnte auch die Steuersenkung nichts ändern.

Umsatzwachstum schon im Mai

Einen ähnlichen Schluss lassen Zahlen des Statistischen Bundesamts zu. Im Juli ist der Einzelhandelsumsatz von Nicht-Lebensmitteln im Vergleich zum Juli 2019 zwar um 4,4 Prozent (inflationsbereinigt) gestiegen. Dieses Wachstum ist allerdings vor allem vom Handel mit Einrichtungsgegenständen, Haushaltsgeräten und Baubedarf getrieben – diese Branchen meldeten im Vergleich zum Vorjahresmonat ein Plus von 12,9 Prozent. Dieses Umsatzwachstum begann jedoch schon im Mai – also lange vor der Mehrwertsteuersenkung im Juli.

Der Umsatz im Textilhandel brach aber um acht Prozent ein, und Gemischtwarenhandelsumsatz sank um 14,5 Prozent. Trotzdem scheinen die befragten Unternehmen vorsichtig zuversichtlich, der Winter bereitet allerdings manchen Sorgen. Im Autohaus Brenk äußert man Bedenken, dass die bis Dezember befristete Steuersenkung einen drohenden Umsatzeinbruch im Autohandel nur einige Monate nach hinten verschoben hat.

Im „Kinderglück“ muss man überlegen, wie man den Verkauf umorganisiert: „Das Problem kommt vor Weihnachten, wenn wir normalerweise lange Schlagen im Laden haben. Das kann ich doch nicht machen.“

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