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100 Meter am Friedrichsplatz

Warum Karlsruhe nur eine einzige reine Fahrradstraße hat

Etwas mehr als 100 Meter reine Fahrradstraße hat die fahrradfreundlichste Stadt Karlsruhe ausgewiesen. Alle anderen sind per Zusatzschild für den Kfz-Verkehr freigegeben.

Nur kurz währt die Freude über die Kfz-freie Fahrradstraße am Friedrichsplatz. Foto: Julia Weller

Nicht einmal eine Minute dauert die große Freiheit, die Fahrt auf Karlsruhes einziger reiner Fahrradstraße. Über etwas mehr als 100 Meter geht es zwischen Ritter- und Lammstraße einmal quer über den Friedrichsplatz, ganz ohne Autos und strenggenommen auch ohne Fußgänger, die laut StVO eigentlich die Wege rechts und links der Fahrbahn nehmen müssen.

Als positives Beispiel für eine Fahrradstraße ohne Kfz-Verkehr hat es der Karlsruher Friedrichsplatz sogar mit Foto in den deutschen Wikipedia-Artikel zum Thema geschafft . Ulrich Eilmann vom Karlsruher ADFC hat allerdings auch schon schlechte Erfahrungen gemacht: „Sie müssen sich am Friedrichsplatz nur mal einen Tag lang in die Sonne setzen und gucken, wie viele Autos da durchfahren.“

Selbst auf gesperrten Fahrradstraßen mogeln sich noch Autofahrer durch

Obwohl Pfosten und Schilder die Durchfahrt eigentlich versperren sollen, passen Pkw vorbei. „Die Autofahrer sind da recht schmerzfrei“, berichtet Eilmann, der sogar schon einmal bei den viel engeren Barrieren am Zirkel beobachtet hat, wie sich ein Mercedes-Fahrer durchmogelte.

„Das war Millimeterarbeit“, sagt Eilmann. „Und dann ist der da durchgefahren.“ Dabei ist auch der Zirkel in seinem zentralen Abschnitt Fahrradstraße und die Durchfahrt außer für Anlieger seit Jahren verboten .

Man müsste den Kontrolldruck an Stellen wie dem Zirkel und dem Friedrichsplatz erhöhen und die Überwachung effizienter gestalten, sagt Eilmann. „Aber den ganzen Tag einen Kontrolleur an die Straße zu stellen, ist natürlich mühsam.“

Außer am Friedrichsplatz dürfen auf allen Fahrradstraßen Autos fahren

Siebzehn Fahrradstraßen gibt es nach Zählweise der Stadt in Karlsruhe, wobei bis auf den erwähnten Abschnitt am Friedrichsplatz alle auch für Kraftfahrzeuge freigegeben sind. Auf eine absolute Zahl zu kommen, ist dabei gar nicht so einfach: „Fahrradstraßen werden bisher immer vor der nächsten Kreuzung oder Einmündung aufgelöst und danach wieder eingerichtet“, erklärt ein Rathaussprecher.

Dies habe einen verkehrsrechtlichen Hintergrund. Man prüfe außerdem immer wieder neue Strecken und wolle in Zukunft noch weitere Fahrradstraßen einrichten.

Bürger aus Karlsruhe diskutieren online über Fahrradwege und -straßen

Das begrüßt der ADFC. Aber: „Aktuell gibt es in Baden-Württemberg leider immer noch zu viele Fahrradstraßen, bei deren Einrichtung die Verwaltung der Mut verlassen hat und die daher von zu vielen Kraftfahrzeugen genutzt werden“, kritisiert die baden-württembergische Landesvorsitzende Gudrun Zühlke.

Eine Übersicht über bestehende und geplante Fahrradstraßen in Karlsruhe. Foto: Stadt Karlsruhe/Stadtplanungsamt

Diese Problematik war auch ein heiß diskutiertes Thema bei der Bürgerbeteiligung zum Stadtbauforum „Neue Wege zu Fuß und per Rad“ . Einer der Vorschläge, der nicht nur zu den meistdiskutierten Beiträgen zählt, sondern auch mit die meiste Zustimmung erhalten hat, betrifft die Karlsruher Sophienstraße.

Karlsruher Fahrradfahrer haben viel Frust mit der Sophienstraße

Diese ist in zwei Abschnitten zwischen Entenfang und Nottinghamanlage sowie zwischen Hirsch- und Karlstraße als Fahrradstraße ausgewiesen und sorgt bei den Teilnehmern der Online-Diskussion für viel Frust:

„Als Fahrradfahrer ist es nicht möglich ausreichend Sicherheitsabstand zu parkenden Autos halten wenn gleichzeitig ein Auto entgegen kommt. Nach „VG Hannover, Urteil vom 17.07.2019 – 7 A 7457/17″ ist dies so nicht zulässig. Vorschlag: Parkplätze einseitig abschaffen“, lautet ein Beitrag .

„Für mich hat die Sophienstraße nicht den Charakter einer Fahrradstraße, sondern ist ein Parkplatz auf dem Radfahrer geduldet sind. Parkplätz weg, Mittelstreifen wieder als Fußgängerpromenade und Fahrbahn als Radverkehrsfläche – so würde ein angenehmer Stadtraum entstehen, wo Menschen sich begegnen und austauschen können, was über Hupen hinausgeht!“, so eine Antwort.

„Zudem wäre hier nach Inkrafttreten der neuen StVO das Schild mit dem Überholverbot von einspurigen Fahrzeugen sinnvoll, damit Radfahrende nicht mehr gefährlich überholt werden. Die Einhaltung muss dann natürlich auch konsequent überwacht werden.“

Mehrere Kommentatoren fordern, in Fahrradstraßen prinzipiell Autoparkplätze abzuschaffen oder rund um die Sophienstraße eine ganze Fahrradzone einzurichten, was erst seit Inkrafttreten der neuen Straßenverkehrsordnung im April möglich ist.

Karlsruher ADFC hält Fahrradzonen nicht für nötig

Von diesem Vorschlag hält ADFC-Mitglied Ulrich Eilmann wenig. „Ich weiß nicht, was das bringen soll“, sagt er. Schließlich gebe es in Karlsruhe bereits ein gutes Netz aus Tempo-30-Zonen. „Ob man das jetzt 30er-Zone nennt oder Radfahrzone, wird das Verhalten der Autofahrer nicht ändern.“

Auch Eilmann bezieht sich insbesondere auf die Sophienstraße: „Da wird der Radfahrer nach wie vor bedrängt und mit dichtem Auffahren genötigt und wenn möglich noch mit Zentimeterabstand überholt.“

Dabei dürften Autofahrer in vielen Straßen dank der neuen verpflichtenden Mindestabstände eigentlich überhaupt nicht mehr überholen. Auch deswegen seien Fahrradzonen nicht nötig, so Ulrich Eilmann. Zudem dürfen Radler seit Inkrafttreten der StVO-Novelle überall nebeneinander fahren, solange sie niemanden behindern. „Ist es eine Behinderung, wenn zwei Radler nebeneinander fahren, wo der Autofahrer rechtlich sowieso nicht überholen darf?“, fragt sich Eilmann.

Fahrradstraßen sind nicht nur für Fahrräder da

Im Internet fordern Fahrradfahrer, die Sophienstraße ähnlich wie den Friedrichsplatz für Autos zu sperren oder zumindest nur noch Anliegerverkehr zuzulassen. „Das wäre mal einen Verkehrsversuch wert“, sagt Eilmann. „Aber ich würde es dem Ordnungsamt nicht antun wollen, das zu kontrollieren.“

Er findet durchaus, dass Fahrradstraßen den Karlsruher Radlern trotz Freigabe für den motorisierten Verkehr etwas bringen: „Autofahrer erkennen an, dass Radler in einer Fahrradstraße einen besonderen Schutz genießen.“

Diesen Eindruck hat auch die ADFC-Landesvorsitzende. „Dass die meisten Fahrradstraßen für Kraftfahrzeugverkehr freigegeben werden, lässt sich nicht vermeiden, wenn Fahrradstraßen in bewohntem Gebiet eingerichtet werden sollen“, so Gudrun Zühlke. Dabei seien aber zwei Sachen wichtig: „Die Durchfahrt für Kraftfahrzeuge und die Zahl der Parkplätze müssen ganz deutlich beschränkt werden. Außerdem muss optisch sofort deutlich sein, dass die Autos hier nur zu Gast sind.“

Als Vorbild für so eine optische Kennzeichnung sieht Ulrich Eilmann vom Karlsruher ADFC die Fahrradstraßen in Fellbach. Dort würde die Stadt mit großen Plakaten und auffälligen Bodenmarkierungen auf die Regeln hinweisen. Der Vorteil daran: „Wer Reglen und Nutzen kennt, ist eher geneigt, sich daran zu halten“, glaubt Eilmann.

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