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Modell wird über Deutschland hinaus kopiert

Wie ein Karlsruher Konzept über 2.000 Obdachlosen ein Zuhause gab

Für Alleinerziehende, Familien mit vielen Kindern und arme Menschen ist die Wohnungssuche oft schwierig. Die Stadt Karlsruhe hat nun mehr als 2.000 Menschen ein Zuhause verschafft, die zuvor obdachlos waren.

Neustart im eigenen zuhause: Ceferino Polanco-Burgos hat von der Wohnraumakquise profitiert und lebt jetzt in der Südweststadt. Foto: Jörg Donecker

Obdachlos war Ceferino Polanco-Burgos an dem Tag, den er rückblickend Punkt Null nennt. Nach der Trennung von seiner Frau stand der Karlsruher mit seinem Sohn auf der Straße. „Ich wollte etwas mieten, aber ich fand nichts”, erinnert sich der 55-Jährige. Alleinerziehende stehen in der Schlange oft weit hinten, wenn Wohnungen neu vermietet werden.

Das Gleiche gilt für kinderreiche Familien und für alle, die wenig Geld zur Verfügung haben. Die Stadt weiß das - und hat reagiert. Schon vor 15 Jahren startete das Projekt Wohnraum durch Kooperation. Genau 2.113 Karlsruher - darunter Ceferino Polanco-Burgos und sein Sohn - bekamen seither auf diesem Weg wieder ein eigenes Zuhause.

Ein Erfolg, mit dem selbst Martin Lenz nicht gerechnet hat. Der heutige Sozialbürgermeister erkannte 2003 in seiner damaligen Funktion als Sozialplaner, dass sich der Wohnungsmarkt immer mehr anspannte. Die Zahl der Karlsruher, die die Stadt unterbringen musste, stieg. Lenz hielt nichts davon, von Seiten der Stadt schnell viele Häuser aufzukaufen oder neue Blöcke hochzuziehen.

„In Karlsruhe ist der Wohnungsmarkt zu 80 Prozent in privater Hand. Also dachte ich mir: Da spielt die Musik”, sagt der Dezernent. Mancher winkte ab. Wenn in Baden-Württemberg 1,5 Prozent der Wohnungen leer stehen, sind es in Karlsruhe vielleicht 1,2 Prozent. Doch Lenz rechnete: Bei 150.000 Wohnungen sind schon ein Prozent 1.500 mögliche neue Zuhause...

Eigentümer schließen zunächst einen Vertrag mit der Stadt ab

Das Team der Wohnraumakquise kam in den vergangenen 15 Jahren tatsächlich auf 831 Wohnungen, verteilt über das gesamte Stadtgebiet. Alle sind in Privatbesitz, viele standen längere Zeit leer. Der Eigentümer schließt zunächst einen Vertrag mit der Stadt und erhält bei Bedarf einen Sanierungszuschuss sowie in jedem Fall eine befristete Mietausfallgarantie. Sozialpädagogen begleiten die Mieter, die im Normalfall nach einem Jahr Probewohnen selbst den Mietvertrag übernehmen.

Das Konzept geht auf. „In 15 Jahren hatten wir nur drei Fälle, in denen wir Mieter raus nehmen mussten”, bilanziert Steffen Schäfer. Er leitet in der Sozial- und Jugendbehörde die Wohnraumakquise. In Städten quer durch Deutschland, von Berlin bis München, wird dieser Karlsruher Weg inzwischen kopiert. Rijeka und Wien haben ebenfalls Interesse. Lenz und Schäfer sind gefragte Referenten und stellten auch im Bundestag das Modell vor.

Zuhause in Karlsruhe freut sich Schäfer, dass ihm stets noch neue Wohnungen angeboten werden. Denn der Bedarf ist weiter da. „Am Anfang schauten wir, wo ständig Rollläden unten sind. Wir reagierten auf Wohnungsanzeigen in den BNN, schrieben bei Chiffre an.” Heute melden sich oft selbst Eigentümer, die mitmachen wollen - und nicht zuletzt die Sicherheit durch die Beteiligung der Stadt schätzen. Schäfer beobachtet, dass mancher Vermieter aus sozialen Erwägungen seine Immobilie der Wohnraumakquise zur Verfügung stellt - und dabei auch mal auf etwas Geld verzichtet. 7,75 Euro Kaltmiete sind das Maximum, was pro Quadratmeter fließt.

Mieter bezahlen selbst

Die Stadt hat eine Beispielrechnung aufgemacht: Zahlt eine dreiköpfige Familie 500 Euro Miete in einer Akquise-Wohnung, sind das 6.000 Euro im Jahr. Bezahlt wird von den Mietern selbst. Manchmal springt das Jobcenter ein. Muss die Stadt die obdachlos gewordene dreiköpfige Familie in einem früheren Hotel unterbringen, fließen pro Tag 30 Euro pro Person, womit man in einem Jahr auf 32.400 Euro kommt. Doch es geht nicht nur um Geld. Es geht darum, dass die Betroffenen ein normales Leben führen können.

Für Ceferino Polanco-Burgos ging es gefühlt von Null auf eins, als er im Mai 2019 mit seinem Sohn in eine eigene Wohnung in der Südweststadt einzog. „Von diesem Punkt an hat jeder die Verantwortung, diesen Weg weiterzugehen”, sagt der 55-Jährige. Er war arbeitslos, als er einst auf der Straße stand. Heute ist er als Fahrer beschäftigt. Die Miete kann er selbst bezahlen. Immer wieder sagt er im Gespräch: „Ich möchte danke sagen!”

Den Vermietern, die Menschen eine Chance geben. Der Stadt, die die Wohnraumakquise als Dauerprogramm angelegt hat. Und Sozialarbeitern wie Sandra Theobald, die die Mieter begleiten. „Wir bieten zum Zeitpunkt des Einzugs Hilfe an und kommen nach einem Monat wieder”, sagt Theobald. Danach werden die Abstände zwischen den Besuchen größer. Die Sozialarbeiter wissen, wo jemand günstig Möbel bekommt. Und sie helfen, wenn jemand einen Brief vom Amt nicht versteht oder einen Kita-Platz für sein Kind braucht.

Es gibt bereits neue Ideen

Der Sohn von Ceferino Polanco-Burgos macht nächstes Jahr Abitur. Auch er hat mehr Ruhe gefunden, seit er mit seinem Vater wieder in einer eigenen Wohnung lebt. „Als wir auf der Straße standen, kamen wir bei Bekannten unter”, erzählt der Vater. „Verdeckte Obdachlosigkeit” nennen dies Sozialarbeiter. Irgendwann ging das nicht mehr. Vater und Sohn wurden in einer städtischen Unterkunft untergebracht. Nach vier Monaten erfolgte der Umzug in die Südweststadt.

Bürgermeister Lenz weiß, dass es gerade für Kinder wichtig ist, in einem richtigen Zuhause und eben nicht am Nachttisch in einem alten Hotelzimmer Hausaufgaben zu machen. Und es waren auch 500 obdachlosenrechtlich untergebrachte Kinder in seiner Stadt, die einst den damaligen Münchner Oberbürgermeister Christian Ude umtrieben. Auch er ließ sich von Lenz das Konzept der Wohnraumakquise erklären.

Lenz hat bereits neue Ideen. Er fordert, dass die Wohnungspolitik in Deutschland kommunalisiert wird. Wenn es nach Lenz geht, sollen beim Bau neuer Wohnungen - sozialgebundene selbstverständlich inklusive - nicht bei Bund oder Land Förderanträge gestellt werden. Der Bürgermeister will, dass die Städte in diesem Feld die Hoheit haben. Er sagt: „Schlechter als nach dem verschlafenen Jahrzehnt der Wohnungspolitik von 2000 bis 2010 wird das sicher nicht.”

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