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Aus Kriegstrümmern zur Elite-Uni

Wie kluge Köpfe des KIT die Zukunft der Technologieregion Karlsruhe einschätzen

Auch die Technische Hochschule Karlsruhe feierte 1946 einen Neustart – unter schwierigen Bedingungen. Heute ist sie als Exzellenz-Universität der Stolz der Technologieregion und ein riesiger Arbeitgeber obendrein. Sechs Frauen und Männer aus unterschiedlichen Forschungsbereichen berichten von ihrer aktuellen Arbeit am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).
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Nur 17 Tage, bevor die erste Ausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten erschien, feierte die Technische Hochschule in Karlsruhe ihren Aufstieg aus Ruinen: Mit rund 1.200 Studenten nahm sie am 12. Februar 1946 offiziell ihren Lehrbetrieb wieder auf. Vorangegangen war eine Zitterpartie.

Ob es für die Ingenieurschmiede überhaupt eine Zukunft geben würde, war lange unklar. Während des Krieges war sie für die Militärforschung eingespannt worden. Bei Luftangriffen wurden 1944 wesentliche Teile des Campus zerbombt. Zeitweise stand nach Kriegsende ein Umzug der Hochschule nach Ettlingen zur Debatte, dann wieder ein Zusammenschluss mit den Unis in Heidelberg oder Freiburg. Und die Entnazifizierung brauchte Zeit.

Außerdem war offen, ob Deutschland überhaupt ein Industriestaat bleiben durfte. Erst die französische, dann die amerikanische Militärregierung bremste die Professoren, die teilweise trotzdem weiter unterrichteten.

Letztlich blieb die Hochschule in Karlsruhe und stieg 1967 zur Universität auf. Der große Coup kam 2009: Die Uni fusionierte mit dem Forschungszentrum Karlsruhe zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Mehr als 23.000 Studenten sind heute an der Exzellenz-Universität eingeschrieben, rund 9.600 Menschen arbeiten dort.

Einige der klugen Köpfe, die 75 Jahre nach dem Neustart an der Uni forschen, stellen wir vor:

Pionier der Bioplastik-Herstellung

Johannes Gescher (44), Professor für Angewandte Biologie

Karrierestationen: Biologie-Studium und Promotion an der Uni Freiburg, Postdoktorand an der Stanford University, Vertretungsprofessor für Mikrobiologie in Freiburg

Macht Mikroben zu Plastikproduzenten: Biologie-Professor Johannes Gescher. Foto: Patrick Langer/KIT

Woran arbeiten Sie?

Wir arbeiten an biologischen Lösungen, um Erdöl-basierte Verfahren und Prozesse zu ersetzen. Mit Hilfe von Mikroben produzieren wir zum Beispiel Bioplastik aus Kohlendioxid in Abgasen und aus erneuerbarer elektrischer Energie. Die Biopolymere können unter anderem bei der Herstellung von Folien und Kunststoffgefäßen eingesetzt werden. Es geht darum, auf großen Produktionsmärkten, die heute noch von der Petrochemie bestimmt sind, Erzeugnisse aus Erdöl gegen nachhaltige und biologisch abbaubare Produkte auszutauschen. Durch den Klimawandel wird der Druck dahingehend in den nächsten zehn Jahren sehr groß werden.

Was bietet Ihnen Karlsruhe?

Zum einen bietet Karlsruhe die große Forschungseinrichtung des KIT, ganz klar. Als Helmholtz-Zentrum eröffnet das KIT viele Möglichkeiten für Wissenschaftler, und die Forschungslandschaft Karlsruhe ist in Baden-Württemberg und auch darüber hinaus sehr gut vernetzt. Ich habe Karlsruhe außerdem als sehr liberale Stadt kennengelernt. Und Karlsruhe hat einen hohen Freizeitwert.

Welche Zukunft sagen Sie der Technologieregion voraus?

Ich sehe das durch meine Brille als Biologe – und ich gehe davon aus, dass sich die Technologieregion zumindest teilweise neu strukturieren muss, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen beziehungsweise zu erhalten. Im Bereich Biotechnologie und Biologisierung hat sie noch Nachholbedarf. Es ist eine entscheidende Frage dieses Jahrhunderts: In welchem Maße kann beziehungsweise muss eine Biologisierung von Prozessen erfolgen?

Ihr Team baut den Supercomputer

Jennifer Buchmüller (33), Abteilungsleiterin Scientific Computing & Simulation am Rechenzentrum des KIT.

Karrierestationen: Physik-Studium in Bonn, Promotion am KIT

Sie soll den neuen Supercomputer zu Höchstleistungen bringen: Jennifer Buchmüller, Abteilungsleiterin Scientific Computing & Simulation. Foto: Amadeus Bramsiepe/KIT

Woran arbeiten Sie?

Wir bauen den „Hochleistungsrechner Karlsruhe“. Das ist ein Supercomputer, der eine Kapazität von knapp 150.000 leistungsstarken Laptops hat. Er wird eine Rechenleistung von 17 Petaflops erbringen – das entspricht rund 17 Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde. Meine Abteilung unterstützt Forschende dabei, den maximalen Nutzen aus ihren Anwendungen auf unserem Supercomputer herauszukitzeln. Zu den Hauptanwendungen am KIT zählen zum Beispiel Klima- und Umweltsimulationen. Für Wettervorhersagen und Klimaforschung, aber auch für Modelle der Teilchenphysik, der Materialforschung oder Mobilitätsforschung, können wir mit dem neuen Hochleistungsrechner noch schnellere, effizientere und detailliertere Simulationen durchführen.

Was bietet Ihnen Karlsruhe?

Karlsruhe ist eine sonnenverwöhnte Stadt, das weiß ich sehr zu schätzen. Man kommt schnell ins Grüne, in den Schwarzwald, hat aber auch das Angebot der Stadt, und die Anbindungen an den Frankfurter Flughafen und den ICE nach Berlin sind gut. Das ist optimal. Und die beiden KIT-Standorte Nord und Süd ermöglichen eine optimale Verbindung zwischen Wissenschaft und Lehre. Für Studierende ergeben sich so viele Möglichkeiten in der Forschung, aber auch die Nähe des KIT zu großen Firmen in der Umgebung bietet Zukunftsperspektiven.

Welche Zukunft sagen Sie der Technologieregion voraus?

In Karlsruhe werden die großen Themen der Mobilitäts- und Energieforschung auch im Stadtbild deutlich sichtbar sein, zum Beispiel durch autonom fahrende und wasserstoffbetriebene Fahrzeuge. Ich finde es positiv, dass hier auch der Mut besteht, vieles auszuprobieren.

Er hebt den Fotoschatz der frühen Kernkraftforscher

Klaus Nippert (53), Historiker und Leiter des KIT-Archivs

Karrierestationen: Studium der Geschichte und Philologie, Promotion in Göttingen, Archivreferendariat in Nordrhein-Westfalen, Stadtarchiv Köln, seit 2002 Leiter des Universitätsarchivs Karlsruhe

Erforscht den Fotoschatz der ersten deutschen Kernforscher: Archivar und Historiker Klaus Nippert. Foto: Amadeus Bramsiepe/KIT

Woran arbeiten Sie?

Wir archivieren und digitalisieren zurzeit unter anderem den historischen Bilderschatz des Kernforschungszentrums. Da bekamen wir fünf Schränke mit insgesamt 200.000 Foto-Negativen. Das reicht von Bildern der Baugrube des ersten Forschungsreaktors bis zum Aufbau des Reaktorbehälters, und der Bestand umfasst zum Beispiel auch Bilder von Politikern und Künstlern, die das Besuchsprogramm durchlaufen haben. Auch Günter Grass war hier. Diese ganzen Leute in den Strahlenschutzanzügen damals – das sieht schon toxisch aus.

Es ist aber nicht so, dass wir diese Negative einfach nur einscannen. Wir bringen diese Fotos sozusagen zur Aufführung. 90 Prozent der Arbeit dreht sich darum, herauszufinden: Wer und was ist auf den Bildern zu sehen?

Was bietet Ihnen Karlsruhe?

Karlsruhe punktet bei mir mit einem Arbeitsplatz, der angenehm zwischen City und Wald gelegen und gut per Fahrrad erreichbar ist. In der Freizeit schätze ich das kulturelle Angebot, insbesondere die niveauvollen Ausstellungen, und das Flanierklima.

Welche Zukunft sagen Sie der Technologieregion voraus?

Karlsruhe wird weiter wachsen und weiter Menschen anziehen – aber es wird eng in Karlsruhe und der Region. Wenn 20 Kilometer außerhalb der Stadt schon heute Grundstücke für 400 bis 500 Euro pro Quadratmeter angeboten werden, ist das sozial brisant. Man muss die Frage beantworten: Wie stellen wir eine ausreichende Lebensqualität sicher?

Studentin mit Leidenschaft für Rennwagen

Luise Kolb (27), Maschinenbau-Studentin, Vorstandsmitglied der KIT Hochschulgruppe KA-RaceIng, die Rennwagen entwickelt und baut - elf von 75 Team-Mitgliedern sind Frauen

Begeistert sich für Batterie-Entwicklung und Mangement: Luise Kolb vom Vorstand des studentischen Rennwagen-Teams „Ka-RaceIng“. Foto: Patrick Wintermantel

Woran arbeiten Sie?

Im KA-RaceIng Team bin ich im Vorstand verantwortlich für die organisatorische Leitung, das heißt, ich kümmere mich um Sponsoren, organisatorische Dinge wie Räumlichkeiten, Kontakt zum KIT und dass es den Teammitgliedern gut geht. Wir sind eines von rund 800 Teams weltweit, die am „Formula Student“- Konstruktionswettbewerb teilnehmen. Es geht nicht nur darum, innerhalb eines Jahres einen elektrisch angetriebenen und einen autonomen Rennwagen zu konstruieren und beim Wettkampf zu fahren: Das Team muss einer Jury auch den Wirtschaftsplan vorstellen und zum Beispiel begründen, warum welches Material verwendet wird. Ich hatte vorher schon Praktika bei Daimler Trucks in North Carolina und bei Porsche im Entwicklungszentrum in Weissach gemacht. Als ich 2019 zum KA-RaceIng-Team kam, habe ich mich zunächst um die Hochvolt-Batterie unseres Elektro-Rennwagens gekümmert. Ich habe gemerkt, wie unheimlich vielseitig das Projekt ist. Und die Möglichkeit, im zweiten Jahr in den Vorstand zu wechseln und sich im Studium schon einmal in einer Leitungsfunktion auszuprobieren, ist superspannend.

Was bietet Ihnen Karlsruhe?

Man merkt, dass es eine Technologieregion ist. Neue, frische Ideen werden unterstützt. Die Gründer-Szene ist am Brennen. Es gibt sehr viele interessante Firmen, die uns unterstützen – da muss man nicht nach München oder Stuttgart fahren.

Welche Zukunft sagen Sie der Technologieregion voraus?

Ich hoffe, dass die eine oder andere Idee, die sich weltweit gut verkaufen wird, aus Karlsruhe kommt. Gerade im Bereich E-Mobilität und autonomes Fahren gibt es da einen erfolgversprechenden Hintergrund.

Schneller zu neuen Medikamenten

Maximilian Benz (27), Leiter Entwicklung und Marketing bei der KIT-Ausgründung Aquarray GmbH

Karrierestationen: Studium der Chemischen Biologie und Promotion in Chemie am KIT

Kann Tausende Medikamentenwirkstoffe gleichzeitig herstellen und testen: Maximilian Benz ist Entwicklungsleiter einer KIT-Ausgründung. Foto: Magali Hauser/ KIT

Woran arbeiten Sie?

Seit meiner Zeit als Doktorand am KIT arbeite ich daran, den Prozess der Medikamentenentwicklung schneller und günstiger zu gestalten. Ich entwickelte eine Plattform, mit der sich gleichzeitig tausende Wirkstoffe herstellen und testen lassen. Als Entwicklungsleiter bei Aquarray etabliere ich nun die Plattform in der pharmazeutischen Industrie. Das Projekt wird durch das Horizont 2020 Forschungs- und Innovationsprogramm der EU unterstützt und so der Technologiestandort Karlsruhe gestärkt.

Was bietet Ihnen Karlsruhe?

Karlsruhe hat einige weltweit bekannte Unternehmen hervorgebracht, bietet aber auch viele Chancen in der Start-up Szene und in mittelständischen Unternehmen – viele davon Marktführer in ihrem Segment. Meine Freizeit verbringe ich gerne in der Natur, wo ich meiner Leidenschaft, der Fotografie, nachgehen kann.

Welche Zukunft sagen Sie der Technologieregion voraus?

Das KIT zählt zu den größten Forschungs- und Lehreinrichtungen Europas und birgt als Teil der Helmholtz-Gemeinschaft großes Innovationspotential zur Stärkung der Wirtschaft. Dabei entwickelt sich die Technologieregion Karlsruhe zum wichtigen Zentrum für nationale und internationale Zusammenarbeit.



KIT-Professorin erforscht die Impfbereitschaft

Nora Szech (40), Professorin für Politische Ökonomie

Karrierestationen: Studium der Volkswirtschaftslehre sowie Mathematik, Philosophie und Astronomie, Promotion in Bonn, danach akademische Rätin in Bonn, Professorin für Industrieökonomie in Bamberg.

Erforscht die Impfbereitschaft in Zeiten der Pandemie: Nora Szech, Professorin für Politische Ökonomie am KIT. Foto: Thomas Rebel/KIT

Woran arbeiten Sie?

Gerade forsche ich viel zu Corona. Wir untersuchen zum Beispiel die Testbereitschaft und das Interesse an der Impfung. Für Tests sind viele Menschen zu haben, wenn der Aufwand überschaubar bleibt. Daher glaube ich, dass Schnelltests viel Potential haben, die Menschen daheim durchführen können. Bei der Impfbereitschaft kommt es darauf an, was das Umfeld tut. Viele Menschen lassen sich mitreißen, aber nur, wenn viele andere um sie herum mitmachen.

Was bietet Ihnen Karlsruhe?

Karlsruhe ist eine einzigartige Region mit wunderschöner Landschaft, gutem Essen und viel Herzlichkeit. Das KIT liegt direkt am Schlosspark, für mich als Spaziergängerin aus Leidenschaft ist das perfekt! Wenn ich Gäste habe, zeig ich Ihnen immer den Botanischen Garten oder den Markt am Gutenbergplatz. Man kann in Karlsruhe zudem sehr gut tanzen. Auch mag ich es, mit dem Longboard unterwegs zu sein. Wo ginge das besser als in Karlsruhe?

Welche Zukunft sagen Sie der Technologieregion voraus?

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt wird sich zuspitzen. Vor acht Jahren war es noch etwas einfacher, in Karlsruhe eine schöne Wohnung zu finden. Mittlerweile ist das wirklich herausfordernd! Es wundert mich nicht, dass das Leben in Karlsruhe so viele Menschen begeistert und die Region noch beliebter wird.

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