Skip to main content

Durch die Epochen von Karlsruhe

„Zeitgeistwanderer“ Günter Helmberg macht Führungen durch drei Jahrhunderte Karlsruher Stadtgeschichte

In Karlsruhe werden die verschiedenen Epochen der Stadtgeschichte beim Blick auf die Hausfassaden deutlich. „Das ist in kaum einer anderen Stadt so möglich“, sagt Günter Helmberg. Deshalb hat der Ingenieur und Hobby-Historiker das Portal „Zeitgeistwandern“ mit Stadtspaziergängen und interessanten Informationen zur Geschichte der Fächerstadt aus der Taufe gehoben.

Zeitgeistwanderer: Günter Helmberg organisiert Spaziergänge durch die verschiedenen Epochen der Karlsruhe Stadtgeschichte. Startpunkt ist das Schloss. Foto: Ekart Kinkel

Am Schloss fängt alles an. Hier beginnt die Geschichte der Stadt Karlsruhe. Und hier beginnt auch Günter Helmbergs Spaziergang durch die verschiedenen Stadtepochen. Der Organisator des stadthistorischen Rundgangs „Zeitgeistwandern“ hat den Treffpunkt vor dem heutigen Badischen Landesmuseum bewusst gewählt. „Wer von diesem Punkt durch Karlsruhe läuft, kann das Wachstum der Stadt im Laufe der vergangenen drei Jahrhunderte nachverfolgen. Das ist in dieser Form in kaum einer anderen Stadt möglich“, sagt Helmberg.

Außerdem sei die direkte Nachbarschaft von Schloss und Bundesverfassungsgericht aus mehrfacher Hinsicht ein interessanter Kontrapunkt. „Mit der Architektur der beiden Bauwerke wurden klare Aussagen zur Rolle der Staatsgewalt in der jeweiligen Zeit gemacht“, sagt Helmberg. Auf der einen Seite der absolutistische Prunkbau von Markgraf Karl Wilhelm, auf der anderen die bewusst bescheiden gestaltete Fassade des höchsten deutschen Gerichtes.

Mit wenigen Schritten durch 100 Jahre Zeitgeschichte

Wer gemeinsam mit Helmberg vom Schloss aus nach Süden geht, bekommt auf wenigen Metern einen mit zahlreichen anschaulichen städtebaulichen Beispielen unterlegten Exkurs zu über 100 Jahren Zeitgeschichte. Die weißen Statuen von mythologischen Figuren wie der Liebesgöttin Venus Kallipygos oder dem Weingott Bacchus an den Seiten des Schlossplatzes sind für Helmberg Sinnbild für die ausschweifenden Feiern im Schloss.

„Das waren die Party-People des 18. Jahrhunderts. Folgerichtig haben sie sich solchen Zierrat in den Vorgarten gestellt.“ Ein Stück weit sei die Zurschaustellung der griechischen Mythologie sicherlich auch ein Seitenhieb Richtung Kirche gewesen.

Symbole spielen in Karlsruhe eine wichtige Rolle

Symbole haben zu früheren Zeiten in Karlsruhe nach Helmbergs Einschätzung ohnehin eine wichtige Rolle gespielt. Mit der Pyramide setzte sich Stadtgründer Karl Wilhelm ein besonderes Denkmal. Und die Säulen der von Friedrich Weinbrenner gestalteten Stadtkirche seien ein Zeichen für die Ewigkeit und gleichzeitig ein weiterer Kontrapunkt, in diesem Fall zum Rathaus, wo die demokratisch gewählte Stadtspitze „Macht auf Zeit“ ausübt.

Für die Organisation seiner Rundgänge hat sich der Verfahrenstechnikingenieur intensiv mit der Stadtgeschichte auseinandergesetzt und sogar einen speziellen Stadtplan erstellt. „Aber eigentlich braucht man für den Blick in die Geschichte in Karlsruhe gar keinen historischen Stadtplan. Man kann auch einfach die Fassaden auf sich wirken lassen. Dann wird einem der Wandel des Zeitgeists von allein bewusst“, so Helmberg.

Ausbau der Kriegsstraße markierte den Beginn der Volksmotorisierung

Die Jugendstilfassaden aus der Gründerzeit in der Oststadt werden bei der Zeitgeistwanderung deshalb ebenso in Augenschein genommen wie die schlichte Architektur an der Kriegsstraße. „Der Ausbau dieser Ost-West-Verbindung war der Volksmotorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet.

Ähnliche Beispiele gibt es in vielen anderen Städten“, so Helmberg. Allzu gerne vergleicht der passionierte Geschichtsforscher die Fächerstadt mit einem Freilichtmuseum oder mit einem Baumstamm. „Wer sich mit der Stadtgeschichte beschäftigt, kann die Jahresringe regelrecht erkennen“, schwärmt der Stadtführer.

Sein eigenes Interesse für die Geschichtsforschung wurde übrigens während eines deutsch-französischen Austauschprogramms in der Karlsruher Partnerstadt Nancy geweckt. Dabei habe er zum ersten Mal erfahren, dass die Gesellschaft während des Ersten Weltkriegs bereits hochindustrialisiert war.

Einordnen als richtiger Weg für Erinnerungskultur

Einer der prägenden Köpfe dieser Entwicklung hat ebenfalls in Karlsruhe seine Spuren hinterlassen: Nobelpreisträger Fritz Haber war an der Technischen Universität Karlsruhe Professor für Chemie und einer der wissenschaftlichen Köpfe bei der Entwicklung von Giftgas als Kriegswaffe.

Der historische Hochdruckreaktor der von Haber mitentwickelten Ammoniak-Synthese auf dem Campus-Süd des KIT gehört deshalb ebenfalls zu den Stationen der Epochenwanderung. Dass bei öffentlichen Abhandlungen über Haber neben seinen Verdiensten auch seine Fehler erwähnt werden, ist für Helmberg der richtige Weg beim Umgang mit der Erinnerungskultur.

„Man kann nicht alle Denkmäler abreißen oder Namen aus dem Stadtgedächtnis tilgen“, sagt der Zeitgeistwanderer. „Deshalb muss man die Geschichte immer aus ihrer jeweiligen Zeit betrachten und nachträglich einordnen.“

Service

Informationen zu den stadthistorischen Führungen von Günter Helmberg gibt es im Internet unter zeitgeistwandern.de. Der nächste Spaziergang durch die Stadtgeschichte findet am 11. Oktober statt, die nächste Radtour am 1. November.

nach oben Zurück zum Seitenanfang