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Ausstellung „Katharina John: Talking Heads“

Wie am ZKM Karlsruhe mit dem „Tatort“-Star Ulrich Tukur analoge Fotos zum Leben erweckt wurden

Porträts, die plötzlich sprechen, gibt es nicht nur in der Zauberschule von Harry Potter. Das ZKM Karlsruhe hat 24 analoge Fotografien von Katharina John virtuell belebt – auch mit der Stimme von Johns Ehemann, dem „Tatort“-Star Ulrich Tukur.

Ausstellungseröffnung „Katharina John: Talking Heads“ am 29.09.2022 im ZKM Karlsruhe mit Ulrich Tukur, Katharina John und Peter Weibel (von links)
„Tatort“-Star am ZKM Karlsruhe: Der Schauspieler Ulrich Tukur (links) lieh ebenso wie ZKM-Vorstand Peter Weibel Stimme und Mimik zur virtuellen Belebung von analogen Porträts der Fotografin Katharina John, die nun als „Talking Heads“ zu sehen sind. Foto: Felix Grünschloß

Genau so kannte man den berühmten Schauspieler Sir Peter Ustinov: große Geste, spektakulär aufgerissene Augen und hintersinniger Humor.

Nun ist Ustinov zu sehen auf einem Monitor im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM), wie er in nuanciertem Oxford-Englisch einen Witz erzählt. Das wirkt typisch für den 2004 verstorbenen Oscar-Preisträger, Autor und Unicef-Sonderbotschafter. Nur: Was man hier sieht, ist keine Filmaufnahme von Ustinov. Und was man hört, ist nicht seine Stimme.

Tukur spricht den Oscar-Preisträger Ustinov

Das Bewegtbild basiert auf einem Porträt, das die Fotografin Katharina John gemacht hat und das nun am ZKM gewissermaßen zum Leben erweckt worden ist: mit technischen Tricks sowie mit der Mimik und Stimme von Johns Ehemann, dem Schauspieler Ulrich Tukur.

Der als „Tatort“-Kommissar Murot bekannte Darsteller belebt neben Ustinov auch ein Porträtfoto von sich selbst. Insgesamt wurden für die Ausstellung „Talking Heads“ 24 analoge Schwarzweiß-Bilder virtuell in Bewegung versetzt.

Ulrich Tukur in der Ausstellung „Talking Heads“ im ZKM Karlsruhe, 29.09.2022
Der doppelte Tukur: Schauspieler Ulrich Tukur hat für die Ausstellung „Talking Heads“ auch ein Foto virtuell belebt, das seine Frau Katharina John von ihm gemacht hat. Foto: Felix Grünschloß

Die altertümliche Aura der traditionellen Fototechnik wird hierbei ironisch aufs Korn genommen. Die Präsentation besteht aus zwei Stationen: Im Erdgeschoss gibt es eine Installation, in der die Bilder zum Leben erwachen und über den Kontrast zwischen analoger und digitaler Technik streiten.

Auf dem ZKM-Balkon sind dann acht Monitore wie bei einer Talkrunde angeordnet. „Dort reden dann alle durcheinander, weil jeder seine eigene Geschichte erzählen will“, sagt John.

Spielerischer Blick auf Entwicklung der Medien

Diese Dramaturgie greife, genau wie die Verbindung analoger Fotos mit digitalem Film, die mediale Entwicklung auf: „Man merkt ja beispielsweise in den sozialen Medien, dass viele Leute nur noch senden und nicht mehr zuhören.“

Das Zuhören freilich lohnt sich hier, weshalb die Monitore mit Kopfhörern versehen sind. Erzählt werden zwar nicht die tatsächlichen Geschichten der Gesichter, die John im Lauf vieler Jahre auf vielen Reisen aufgenommen hat – mitunter sogar ganz spontan auf der Straße, ohne die Personen zu kennen.

Doch die von John, Tukur und Bekannten des Paares geschriebenen Texte erweitern die Reflexion über die Rolle von Kunst durch persönliche Episoden, etwa wenn eine sehr alte Frau mit der Stimme einer Opernsängerin über die Liebe zur Musik spricht.

Bild eines Mönches mit der Stimme von ZKM-Chef Weibel

Man habe darauf geachtet, die Themen sehr respektvoll zu wählen, betont John. Eines ihrer Bilder zeigt einen buddhistischen Mönch, den sie während einer Meditation fotografierte. Hierfür habe sie einen markanten Satz Buddhas gesucht. Nun „spricht“ das Bild des Mönches: „Wohlan denn, ihr Menschen, lasst euch gesagt sein: Schwinden muss jede Erscheinung.“

Dieser Satz bringt die Ausstellung auf den Punkt: Die porträtierten Menschen sind ebenso vergänglich wie die Bildmedien, die sie darstellen. Eine kleine verschmitzte Pointe: Die Stimme gehört dem in sechs Monaten aus dem Amt scheidenden ZKM-Vorstand Peter Weibel.

Insgesamt haben sechs Sprecherinnen und Sprecher vor Kamera und Mikrofon Platz genommen, um den Bildern Sprache und Bewegung zu geben. Möglich ist dies dank einer Technik, mit der abgefilmte Mimik eines Gesichts auf ein anderes Motiv übertragen wird.

Tricktechnik ist aus dem Kino bekannt

Neu ist dieses Verfahren nicht: Im Filmbereich wird es als „motion capture“ seit mehr als zwei Jahrzehnten eingesetzt. Eine der zentralen Figuren der Fantasy-Trilogie „Der Herr der Ringe“, der verschlagene Gollum, wurde auf diese Weise erschaffen.

„Was damals revolutionär und sehr aufwendig war, ist mittlerweile mit sehr viel einfacheren Mitteln möglich“, erklärt Daniel Heiss, der das Projekt als Software-Entwickler der Museumstechnik am ZKM betreut hat. Mussten Schauspieler früher spezielle Anzüge sowie Marker im Gesicht tragen, damit die Kameras die Bewegungen einfangen konnten, genüge für diesen Effekt mittlerweile eine normale Kamera. „Den Rest erledigt Künstliche Intelligenz, die Gesichtsmerkmale wie Augen, Nase, Mund und Kinn erkennt und Mimik dann auf ein statisches Bild überträgt.“

Entwicklung führt zur Gefahr der „Deep Fakes“

In dieser technischen Entwicklung liegt auch eine Gefahr, räumt Heiss mit Verweis auf das Phänomen der „Deep Fakes“ ein.

Bei dieser besonders täuschenden Form der „fake news“ werden reale Videos mit realen Personen mit neuen Inhalten versehen. Heiss hierzu: „Wir müssen lernen, dass man einem Bewegtbild nicht mehr vorbehaltlos trauen kann.“ Auch Tukur betont: „Ein ‚Deep Fake‘ ist etwas Unheimliches, dadurch kann man die Würde und Existenz eines Menschen vernichten.“

Wenn alles möglich ist, dann geraten wir in einen Albtraum.
Ulrich Tukur, Schauspieler

Die technische Perfektion mancher Simulationen finde er „gruselig“, so der Schauspieler: „Wenn alles möglich ist, wenn die Ausgangsebenen verwischen, geraten wir in einen Albtraum. Denn dann gibt es kein Koordinatensystem mehr, an dem man sich orientieren kann.“

Die Ausstellung setze sich hiervon aber bewusst ab, indem sie die Simulation stets als Spiel erkennbar mache. „Wenn die Porträtierten auf analogen Fotos plötzlich anfangen zu reden und sich bei der Fotografin darüber beschweren, auf altmodischen Schwarzweiß-Fotos festgehalten zu sein, dann ist das natürlich auch sehr unterhaltsam“, so Tukur.

Katharina John in der Ausstellung „Talking Heads“ am ZKM Karlsruhe, 29.09.2022
Wo die Bilder reden lernen: Die Fotografin Katharina John in einer Installation ihrer Ausstellung „Talking Heads“ am ZKM Karlsruhe., für die 24 analoge Schwarzweiß-Fotos per digitaler Technik belebt werden. Foto: Felix Grünschloß

John bestätigt: „Mir war es wichtig, der oft strengen Medienkunst so etwas wie ein Theaterstück entgegenzustellen. Wir schlüpfen gewissermaßen in die Rolle der Gaukler, die ein Thema so vermitteln, dass man auch mal lachen darf.“

Service

Bis 6. November im ZKM Karlsruhe, Lorenzstraße 19. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mittwoch bis Freitag 10 bis 18 Uhr. – www.zkm.de.

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