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Schon eine der größten im Land

Karlsruher Hebammenschule könnte zum Hochschulstandort werden

Die Hebammenschule Karlsruhe ist bereits jetzt eine der größten im Land. Wenn die Ausbildung bald zum Studium umgestaltet wird, könnte sie zum Hochschulstandort werden – einige Voraussetzungen dafür sind bereits gegeben.

Die Vermessung der Neugeborenen zählt zu den Aufgaben der Hebammen im Kreißsaal. In der Hebammenschule Karlsruhe zeigt Stephanie Dietrich (Mitte) den Schülerinnen an Babypuppen, worauf sie achten müssen. Foto: jodo

Vorsichtig legt die Schülerin das Maßband an die Stirn der Babypuppe. „So herum, wie wenn man dem Kind einen Hut aufsetzen würde“, erklärt Lehrerin Stephanie Dietrich, während eine andere Schülerin eine weitere Puppe wiegt.

Was hier eingeübt wird, ist die Betreuung im „gefährlichsten Zeitabschnitt des Lebens“, wie die Chirurgin und Anästhesistin Virgina Apgar die Geburt einst bezeichnete. Nach ihr ist der sogenannte Apgar-Score benannt, ein standardisiertes Punkteschema, mit dem Hebammen den klinischen Zustand von Neugeborenen beurteilen. Diese und weitere Methoden, mit denen die Betreuung des Neugeborenen in den ersten Stunden nach der Geburt gesichert wird, lernen die Schülerinnen im ersten Ausbildungsjahr beim Grundkurs der Hebammenschule Karlsruhe kennen.

Der Beruf ist für die Neugeborenen oft überlebenswichtig

Atmung, Puls, Aussehen, Körpertemperatur kurz nach der Geburt können entscheidend für die weitere Entwicklung des kleinen Menschen sein, erklärt Stephanie Dietrich den Schülerinnen. Auffälligkeiten könnten gar auf lebensgefährliche Erkrankungen hinweisen, sagt Dietrich.

Sie erzählt von einem Beispiel aus einer Hebammenprüfung: Ein ansonsten normal aussehendes Kind machte beim Atmen solch starke Anstrengungen, dass die Rippenbögen und der Schwertfortsatz am Brustbein deutlich sichtbar hervortraten – ein typisches Alarmzeichen für jede Hebamme. Man machte ein paar weitere Untersuchungen, dann stand fest: Der Säugling hatte einen schweren Herzfehler und musste noch während der Hebammenprüfung innerhalb der Klinik verlegt werden.

Karlsruhe ist Kandidatin für möglichen Hochschulstandort

Die Hebammenschule Karlsruhe hat sich erst kürzlich vergrößert. Seit Oktober sind mit dem Helios Klinikum und dem Siloah St. Trudpert Klinikum zwei Kooperationspartner aus Pforzheim dazugekommen. Somit ist die Karlsruher Einrichtung eine der größten Ausbildungsstätten für Hebammen in Baden-Württemberg und Kandidatin für einen möglichen Hochschulstandort, über den letztlich auf Landesebene zu entscheiden sein wird.

Das „Gesetz zur Reform der Hebammenausbildung“ sieht eine Akademisierung mittels Bachelor-Studium vor – die Zustimmung des Bundesrats ist in der nächsten Sitzung am 8. November geplant. In Kraft treten soll das Gesetz dann zum 1. Januar 2020.

Derzeit sind die Hebammenschülerinnen in den jeweiligen Kliniken fest angestellt und kommen zum theoretischen Unterricht in Blöcken nach Karlsruhe, entweder montags und dienstags oder mittwochs und donnerstags. Die Vergrößerung der Schule sieht Josef Hug, Pflegedirektor am Städtischen Klinikum Karlsruhe, als gute Möglichkeit, dem Fachkräftemangel in der Region entgegenzutreten und als wichtigen Schritt zur Standortsicherung der Hebammenausbildung in Karlsruhe.

Die Hebammenschule

Bereits seit Anfang der 80er Jahre ist die Hebammenschule Karlsruhe eine Einrichtung in gemeinsamer Trägerschaft des Städtischen Klinikums Karlsruhe und der heutigen ViDia Kliniken (damals Evangelische Diakonissenanstalt Karlsruhe-Rüppurr und St. Vincentius-Kliniken Karlsruhe). 2016 kamen mit dem Klinikum Mittelbaden und der Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal (die zum Verbund der Regionalen Kliniken Holding RKH gehören), bereits zwei Kooperationspartner hinzu. Durch die beiden neuen Kooperationspartner aus Pforzheim, das Helios Klinikum und das Siloah St. Trudpert Klinikum, ist die Kursstärke im Oktober 2019 von bisher 23 auf 27 Ausbildungsplätze pro Jahr gestiegen.

Insgesamt stehen in Karlsruhe nach Angaben der Schulleiterin Romy Koch in drei Ausbildungsjahrgängen 81 Unterrichtsplätze für angehende Hebammen zur Verfügung. Größer sei in Baden-Württemberg aktuell nur die Hebammenschule der Uniklinik Ulm mit 104 Plätzen.

Bereits jetzt besteht eine Kooperation mit der DHBW Karlsruhe, wo Auszubildende zusätzlich ein Studium in Angewandter Hebammenwissenschaft absolvieren können. Dadurch sei man in Karlsruhe schon auf einem guten Weg in Richtung Akademisierung des Berufs, findet Romy Koch, langjährige Leiterin der Hebammenschule.

Es gibt bereits Lehrkräfte, die für die akademische Ausbildung qualifiziert wären

„Wir haben schon jetzt mehrere Lehrerinnen mit Hochschulabschluss, die für die akademische Ausbildung zur Hebamme qualifiziert wären“, erklärt sie. Während Hug die fachliche Notwendigkeit zur Akademisierung nicht als unbedingt gegeben ansieht, ist Koch von den Vorteilen überzeugt. Die Bewerberinnen seien schon jetzt sehr gut qualifiziert, etwa durch vorangegangene Praktika. Angesichts steigender Geburtenraten würden Hebammen zudem nicht nur in den Kreißsälen, sondern auch in der Freiberuflichkeit gebraucht.

„Wenn Karlsruhe Studienstandort wird, dann wird es hier immer etwa 40 Hebammen in Ausbildung geben“, sagt sie. Davon würden die Kliniken in der Stadt und der Region profitieren. Außerdem werde es durch die Akademisierung mehr wissenschaftlich fundierte Daten geben, was langfristig zur Verbesserung der Frauen- und Kindergesundheit beitrage.

Studium ist anderswo in Europa längst Standard

Auch Dietrich ist eine Befürworterin der Akademisierung. Zum Einen wegen der europäischen Anschlussfähigkeit, die es in Deutschland ausgebildeten Hebammen künftig erleichtern würde, im europäischen Ausland zu arbeiten. In Frankreich oder den Niederlanden etwa sei ein Studium Standard für die Hebammenausbildung. Zum Anderen seien sie „Fachfrauen für die Physiologie“.

Dietrich hält es für sinnvoll, neben der Geburtsmedizin auch diese Kompetenzen im Kreißsaal zu stärken und auf ein wissenschaftlich fundiertes Niveau zu heben. Mehr noch: Angehende Ärztinnen und Ärzte sollten ihrer Ansicht nach schon im Studium gemeinsame Seminare mit angehenden Hebammen belegen. „Denn Kreißsaalarbeit bedeutet interdisziplinäre Zusammenarbeit“, sagt Dietrich. Und das könne man ruhig schon während des Studiums üben.

Schülerinnen aus ganz unterschiedlichen Lebensphasen

Die Hebammenschülerinnen in der Unterrichtsstunde von Stephanie Dietrich sind in ganz unterschiedlichem Alter. Für viele ist es nicht die erste Berufsausbildung. Eine 49-jährige Logopädin ist unter ihnen – für sie ist der Hebammenberuf ein „weiterer Schritt im Leben“, bei dem sie ihre Berufserfahrung einbringen kann.

Die 27-jährige Michelle Krieger arbeitete früher in der IT-Branche – sie war zuständig für warenwirtschaftliche Prozesse einer Supermarktkette, ein gut bezahlter Job samt Dienstwagen. „Das war aber nicht das Sinnvolle, das ich in meinem Leben haben wollte“, sagt sie. Die Geburt ihres Sohnes vor zwei Jahren habe ihr vor Augen geführt, wie wichtig es sei, im Wochenbett jemanden an der Seite zu haben. „Für mich gibt es keinen sinnvolleren Beruf, als Hebamme zu sein.“

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