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Zwischen Anonymität und Eigentümerversammlung

Außen Bronx – und wie sieht es innen aus? So ist das Leben im Karlsruher Hochhaus

In einem Musikvideo des Karlsruher Rappers Haze sorgt das „Wohnzentrum Kaiserallee“ für den nötigen Hauch Bronx – doch drinnen gibt es Eigentümerversammlungen, einen agilen Hausmeister und atemberaubende Ausblicke auf die Stadt: Wie ist es, im Hochhaus zu leben? Ein Besuch in der Kaiserallee 15.

Von außen trostlos: Die Zwillingshochhäuser in der Kaiserallee 15 waren einst ein innovatives Bauprojekt. Foto: Tanja Mori Monteiro

Martin Wiesheus Handy klingelt schon wieder. Ein Handwerker ist gekommen und wartet auf eine Arbeitsanweisung. Der alte Hausmeister geht sofort ran, wie immer. „Ja. Ja, okay. Ich komme.“ Wiesheus Telefon steht allzeit auf Empfang, sieben Tage die Woche, von morgens bis abends. Er kennt keinen Feierabend und kein Rentenalter.

Gemeinsam mit einem Kollegen betreut er 450 Wohnungen in vier Gebäuden, irgendein Problem gibt es da immer. Den Grantler oben, der immer den Hausgang zumüllt. Die ausgefallene Lampe im 13. Stock. Die Frau, die so laut mit ihrer Mutter schreit, dass einmal sogar die Polizei kommen musste.

Der Hausmeister gehört in dem auffälligen Hochhaus-Ensemble mit der Adresse Kaiserallee 15 zum Inventar. Martin Wiesheu war der erste, der 1970 mit seiner Ehefrau in das von der EWG Eigentums-Wohnbau GmbH gebaute „Wohnzentrum Kaiserallee“ einzog. Damals war der Innenausbau in den beiden 18-stöckigen Zwillingshochhäusern noch in vollem Gange.

Er lebt im Karlsruher Hochhaus: Martin Wiesheu, 84 Jahre, topfit, schwindelfrei

Die Wohnungen im Projekt waren begehrt, sie gingen weg wie warme Semmeln. Heute sind die meisten, die kurz nach Wiesheu ihre Wohnungen bezogen, nicht mehr am Leben. Die Fassade ist grau, an Regentagen schwarz, erinnert an Plattenbau. Wer will hier leben?

Das ist hier alles so, als wäre es meins.
Martin Wiesheu, Hausmeister im Hochhaus

Martin Wiesheu hat immer noch einen schnellen Schritt, auch mit 84 Jahren noch. Er zeigt das Gebäude, in dem er lebt, mit echtem Besitzerstolz. „Das ist hier alles so, als wäre es meins“, sagt er schlicht. Gemeinsam mit seiner Frau wohnt er im 11. Stock. Mehrere weitere Wohnungen gehören ebenfalls ihm, doch er zeigt eine andere, ganz weit oben im Haus. Sie gehört einer Frau, die sie nur als Zweitwohnung nutzt. Schönes Parkett liegt aus, die Zimmer sehen gepflegt aus. Und einsam, wie alle Räume, in denen niemand lebt.

Wiesheu führt auf den Balkon. Er ist langgestreckt und groß. Groß genug jedenfalls, um hier gemeinsam zu sitzen und in die Ferne zu schauen. Hier oben zerrt der Wind an Kleidern und Haaren, man hört ihn mehr als den Verkehr von der Straße, die von droben winzig klein ist.

Stattdessen ist der Himmel nah und der Blick reicht über die gesamte Weststadt bis zum Rheinhafen. In der Ferne kann man den Pfälzerwald erahnen. Wo in der Karlsruher Mitte hat man sonst noch so eine Aussicht? Der Blick in die Tiefe dagegen ist nichts für schwache Nerven.

Martin Wiesheu war der erste, der vor mehr als 50 Jahren in das Wohnzentrum Kaiserallee mit seinen zwei auffälligen Zwillingshochhäusern einzog - und er betreut es bis heute als Hausmeister. Foto: Tanja Mori Monteiro

„Mir macht das nichts“, sagt Wiesheu. „Wenn jemand seinen Schlüssel vergessen hat, bin ich schon oft an der Brüstung entlang gelaufen und von außen reingestiegen. Nicht so hoch oben, aber in mittlerer Höhe.“ Er habe da keinen Schwindel, sagt er, aber seiner Frau verrate er von solchen Turnaktionen auch lieber nichts. Wiesheu lächelt verschmitzt. Man kann sich gut vorstellen, wie er mit diesem Lächeln seine spätere Frau um den Finger gewickelt hat.

Das war auf einer Tanzveranstaltung in Martin Wiesheus Heimat in Bayern. Sie kam aus Karlsruhe und war zu Besuch bei Verwandten in Freising, wo Wiesheu sich als gelernter Maurer zu dem Zeitpunkt bereits ein eigenes Haus gebaut hatte. Das gab er auf, als ihr Bruder, damals Verwalter der EWG, den Hausmeisterposten in Karlsruhe anbot. Der Job habe ihn interessiert, sagt er.

Leben im Hochhaus: Image verschlechtert, Marktwert verbessert

Damals, Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, war das Wohnzentrum Kaiserallee ein innovatives Bauprojekt. In der DDR wurden Plattenbausiedlungen aus dem Boden gestampft, und auch der Westen träumte von vertikalen Siedlungen. Heute haben Hochhäuser, die zu jener Zeit entstanden sind, keinen guten Ruf mehr, sie landen häufig automatisch in der Schublade „Sozialer Wohnungsbau“.

Deshalb hat sich der Karlsruher Rapper Haze die graue Fassade vermutlich auch als Kulisse für das Video zu seinem sozialkritischen Stück „Es ist wie es ist“ ausgesucht. In dem Lied geht es um die düstere Seite der Beamtenstadt Karlsruhe. Die Fassade von Wiesheus Hochhaus steht im Hintergrund wie ein Mahnmal für soziales Elend.

Von innen sehen die Bewohner das Haus ganz anders. „Mir gefällt es hier, ich will nicht mehr weg“, sagt Martin Wiesheu. Ruhig sei es im Hochhaus, und die Hausgemeinschaft sei im großen und ganzen gut. Auf dem Weg durch das Haus zeigt der alte Hausmeister voller Stolz die modernen Fahrstühle und den Müllschlucker, der denen ganz oben im 17. Stock einiges an Umständen erspart.

Doch er macht auch Ärger, wie im 14. Stock bei Horst und Uli Tschann zu erfahren ist. „Manchmal höre ich es, wie wieder jemand Sperrgut oder Flaschen da drin entsorgt“, sagt sie. Martin Wiesheu nickt. Er weiß ganz genau, wer das ist und wo er wohnt.

Ich ärgere mich über nichts.
Martin Wiesheu, Hausmeister im Hochhaus

Er kennt seine Pappenheimer, weiß auch, wer regelmäßig seine Bioabfälle übers Balkongeländer schmeißt. Von ganz oben, und Wiesheu muss es unten wegräumen. Gründe, sich aufzuregen, gäbe es genug. Aber Martin Wiesheu hat sich dagegen entschieden. „Ich ärgere mich über nichts“, sagt er. Die Strategie geht seit mehr als 50 Jahren für ihn auf.

Er sortiert nahezu täglich den Müll anderer Leute, wird bei jedem Problem gerufen und hat nie Feierabend, aber nimmt bis heute keine einzige Tablette, wie er sagt. Einfach kerngesund.

Im Karlsruher Hochhaus bleibt niemand anonym

Das anonyme Hochhaus - für Martin Wiesheu ist das woanders. Nicht in der Kaiserallee. Er kennt sie alle, die Bewohner, wenn auch nicht mehr alle mit Namen. Deshalb trauen sich auch so wenige, etwas anzustellen, meint er. „Die wissen genau, dass ich sie erwisch“, lacht er.

Vielleicht liegt es aber auch an der hohen Eigentümerquote, dass so weit alles seine Ordnung hat im Hochhaus. Wer wie Horst und Uli Tschann selbst in seiner Wohnung lebt, hat natürlich echtes Interesse am Werterhalt des inzwischen in die Jahre gekommenen Gebäudes.

Regelmäßig finden Eigentümerversammlungen statt, die ohne große Probleme über die Bühne gehen, obwohl es um riesige Summen geht. Etwa wenn neue Tiefgaragentore fällig sind. Oder der Brandschutz zusätzliche Einbauten im Fahrstuhlschacht fordert. „Daran sieht man doch, dass es im Haus stimmt. Wir sind immer schnell durch mit unseren Abstimmungen“, sagt Horst Tschann.

Umzüge gibt es im Haus oft, doch neue Eigentümer kommen nicht häufig dazu. Wohnungen kommen nur selten auf den Markt, und wenn eine verkauft wird, dann auch zu einem guten Preis. Fast 4.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche hat der letzte Verkäufer bekommen. Horst Tschann hat seine Wohnung schon vor mehr als 40 Jahren gekauft, seither ist sie fast stetig im Wert gestiegen.

Kommt mal zu mir und schaut euch diesen Blick an.
Horst Tschann, Hausbewohner

Dennoch hat er es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu hören bekommen: „Wie kann man da wohnen? Das sieht so hässlich aus“, hätten Freunde und Bekannte gesagt, wenn er von seiner Wohnung erzählte. „Aber dann sag ich immer: Kommt mal zu mir und schaut euch diesen wunderbaren Blick an.“

Inzwischen würden sie sogar beneidet von Freunden, die auf dem Geigersberg in einem großen Haus wohnen, sagt Uli Tschann. „Die Kinder sind aus dem Haus, und jetzt sitzen sie da mit der ganzen Last“, meint sie. Da gehe es ihnen beiden im Hochhaus deutlich besser. Uli und Horst Tschann zahlen ihr Hausgeld, genießen den Ausblick und die Sonne auf ihrer schönen Terrasse - und Martin Wiesheu kümmert sich um den Rest.

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